Henry
Bernhard (Hg.): "Ich habe nur noch den Wunsch, Scharfrichter
oder Henker zu werden" - Briefe an Justice Jackson zum Nürnberger
Prozess, Mitteldeutscher Verlag, Halle a.d. Saale 2006, 335 Seiten
Pünktlich
zum 60. Jahrestag des Urteils von Nürnberg erschien diese
Sammlung von Briefen, die der amerikanische Ankläger am Internationalen
Militärtribunal, Robert Jackson seinerzeit erhielt. Sie befinden
sich in Jacksons Nachlass in der Library of Congress in Washington
und werden erstaunlicherweise hier - in einer Auswahl - zum ersten
Mal veröffentlicht. Erstaunlich ist das deshalb, weil diese
Briefe ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges darstellen,
das einen höchst aufschlussreichen Einblick in die psychische
Verfassung der deutschen Bevölkerung zur Zeit der Prozesse
gibt. Zwar dürfen die in den Briefen zum Ausdruck gebrachten
Ansichten sicher nicht als repräsentativ gelten. Schließlich
ist es nicht jedermanns Sache, an fremde hochgestellte Persönlichkeiten
Briefe zu schreiben. Nicht wenige der erhaltenen Briefe tragen
denn auch den Eingangsvermerk "crank" - verrückt
- von Jacksons Büro. Doch die Grenze zwischen Irrsinn und
Realität war in Nazideutschland so verunklart worden, dass
sie auch in diesen Nachkriegsbriefen schwer zu ziehen ist.
Dass
die deutsche Bevölkerung das Tribunal von Nürnberg zu
erheblichen Teilen ablehnte, als Siegerjustiz empfand, ist hinlänglich
bekannt und auch nicht weiter erstaunlich. Briefe dieses Tenors
finden sich entsprechend auch in dieser Sammlung. Doch sind sie
die weniger interessanten. Das Bestürzende an vielen dieser
Briefe ist vielmehr, dass sie Jackson zustimmen, das Tribunal
befürworten - und dennoch den nationalsozialistischen Geist
der Unmenschlichkeit atmen. Das beginnt schon mit den meist unzutreffenden,
vor obrigkeitshöriger Unterwürfigkeit triefenden Anreden
an den "Hochgeschätzten Herrn Oberrichter", der
als eine quasi-göttliche Autorität angesehen wird, deren
Allmacht man im Guten wie im Bösen Alles zutraut. Dass Jackson
zwar amerikanischer Bundesrichter gewesen war, als Ankläger
in Nürnberg aber eben kein Richter war, sondern eine spezifische
Rolle in einem Gerichtsverfahren auszufüllen hatte, war den
Briefschreibern offensichtlich kaum verständlich. Die Rollen
von Staatsanwalt, Richter und Henker verschmelzen in der Vorstellung
von diesem Gericht als wäre es die Fortsetzung des Volksgerichtshofs
mit anderem Personal. So schwingen sich eine Reihe von Schreibern
zu Empfehlungen an Jackson auf, wie das Urteil ausfallen sollte
und vor allem wie die Strafen zu vollziehen seien. Ein schwäbischer
Pfarrer etwa würde es "mit großer Genugtuung begrüßen,
wenn die Kriegsverbrecher eine Zeitlang, etwa ½ Jahr lang,
bei Hunger und Durst eine Zwangsarbeit verrichten müssten
und nach Ablauf dieser Zeit erhängt werden. Ein schneller
Tod durch Hinrichtung mit Fallbeil oder durch Erschießen
wäre zu gelinde und eine Gnade
" Andere haben noch
weitergehende Fantasien.
Auch
die Kultur der Denunziation wird in manchen Briefen bruchlos aus
der Nazizeit hinein in die neue Herrschaft getragen, jetzt gewendet
gegen die Nazi-Verbrecher. Eine Frau, die am Beginn ihres Briefes
"herzlichst bittet, diesen Nazischweinen und Verbrechern
die Strafe aufzuerlegen, die diese Brut verdient hat," meldet
an Jackson im weiteren Verlauf ihres Schreibens, dass "Frau
Stahl aus Sachsenhausen bei Oranienburg" von dort "alle
eingeschmolzene Butter abholt", ein anderer ihr Verhasster
"sogar ein Schwein gekauft hat zum Schlachten", um schließlich
den Bogen zum Anfang des Briefes zu schlagen: "Diese Brut
muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, damit wir anderen
die innerliche Ruhe bekommen."
Diese
"innerliche Ruhe" ist ein Kernmotiv derer, die Jackson
beglückwünschen. Offenbar war die Botschaft seiner Rede
zu Beginn des Prozesses, wonach nicht die Deutschen insgesamt,
sondern die verantwortlichen Nazis vor Gericht stünden, für
Viele ausreichend, sich und fast alle Anderen, die in Nürnberg
nicht vor Gericht standen, gleich selbst freizusprechen. Differenzierte
Reflexionen über persönliche Schuld oder über die
historischen Fehlentwicklung, die zum Nationalsozialismus geführt
haben, finden sich kaum irgendwo in diesen Briefen. Und noch weniger
ein Verständnis dafür, was mit dem Prozess beabsichtigt
war und was seine historische Größe ausmacht: die Chance
eines fairen Verfahrens auch für schwerster Verbrechen Angeklagte.
Die Vorstellung eines rechtsförmigen Verfahrens hatte in
der Gedankenwelt der Briefschreiber kurz nach Ende der Naziherrschaft
noch keinen Platz.
Es
sind keine großen Geister, die sich in den Briefen äußerten,
und manche Meinung und Formulierung ist extrem bis "crank".
Aber auch wenn die hier versammelten Ansichten nicht als repräsentativ
für die Meinung der Deutschen zur damaligen Zeit genommen
werden dürfen, stehen sie bei aller Unbeholfenheit doch auch
für Manches, was sich in den folgenden Jahren als gewichtige
Strömungen der deutschen Nachkriegspolitik durchgesetzt hat:
Die Delegitimierungsversuche der Prozesse, die Kontinuität
autoritärer Denkmuster, die reflexhafte Abwehr von tatsächlichen
oder vermeintlichen "Kollektivschuld"-Vorwürfen,
die blinde Gleichsetzung jeglicher politischer Verbrechen und
vieles mehr.
Der
Band enthält auch einige Briefe von US-Amerikanern, in denen
sich die z.T. sehr kritische öffentliche Meinung spiegelt,
gegen die Jackson sein Konzept der Prozesse durchzusetzen hatte.
Dazu gibt es Kurzbiografien der Angeklagten und zwei Essays des
Herausgebers. Im einen analysiert Bernhard selbst das Briefmaterial
und weiß es klug in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen.
Der zweite Beitrag, der sich im Wesentlichen auf Telford Taylors
Anatomy of the Nuremberg Trials stützt, erzählt die
Vorgeschichte des Nürnberger Prozesses und Jackson Rolle
darin.
Rainer
Huhle