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Lieber
einen falschen Frieden als keinen Frieden?
Der Versuch eines internationalen
Strafgerichtshofes für die Verbrechen der Khmer Rouge, Kambodscha.
Die Bevölkerung
Kambodschas ist Opfer in mehrfacher Hinsicht, und das schon seit
mindestens drei Jahrzehnten. Sie ist Opfer von Krieg, Bürgerkrieg
und groben Menschenrechtsverletzungen, die in gewissen Jahren die
Züge eines Genozids trugen Opfer ausländischer
Regierungen, Besatzungsmacht und vor allem der eigenen Regierung.
Am verheerendsten wirkte die Schreckensherrschaft der Khmer Rouge
im Demokratischen Kampuchea (1975-1979), die etwa 1,7
Millionen Menschen das Leben kostete. Das macht ungefähr ein
Fünftel der Bevölkerung das Landes aus und kann als Völkermord
am eigenen Volk bezeichnet werden. Täter und Opfer waren die
Bürger eines Landes, die Überlebenden und die Verantwortlichen
sind Nachbarn noch heute. Gehören die ehemaligen Führer
der Khmer Rouge vor ein Kriegsverbrechertribunal, damit das Volk
und die jetzige Regierung durch Wahrheit und Gerechtigkeit mit diesem
Erbe Kambodschas abschließen können? Und wie muss so
ein Tribunal aussehen, um diesem Zweck gerecht zu werden
ist die Bestrafung der Verbrechen von Kambodschanern an Kambodschaner
eine nationale Angelegenheit oder gilt die universelle Gültigkeit
der Menschenrechte und müssen Verstöße hiergegen
auch unter internationalen Kriterien bestraft werden? Diese Fragen
sind unvermeidlich in den jetzigen Verhandlungen der UNO mit der
Kambodschanischen Regierung Hun Sens um das Errichten eines internationalen
Strafgerichtshofes in Kambodscha, das sich mit den Verbrechen zur
Zeit des Demokratischen Kampuchea auseinandersetzen
soll.
Die Roten Khmer und
die politische Entwicklung danach
Die Verbrechen der Roten
Khmer können als akribisch und genauestens geplanter Massenmord
an ungefähr 1,5 Millionen Menschen bezeichnet werden, was etwa
einem Fünftel der Bevölkerung Kambodschas entspricht.
Hunderttausende wurden exekutiert, dabei machen die unzähligen
Hinrichtungen nur etwa 31% der Toten aus, die das Khmer-Rouge-Regime
zu verantworten hat. Die restlichen Opfer verhungerten, starben
an Krankheit, Überarbeitung in der Zwangsarbeit oder in Folge
der zahlreichen Zwangsverschleppungen.
Unter dem ersten
Bruder Pol Pot und dem zweiten Bruder Ieng Sary
führten die Roten Khmer lange Todeslisten und erstellten genaues
Beweismaterial, so dass die Forscher der Yale University auf etwa
500.000 Seiten mit Verhör- und Folterprotokollen, Geständnissen,
Listen, Fotos und dergleichen gestoßen sind und über
8000 Massengräber lokalisieren konnten. Es gibt zweifelsohne
genügend Beweismaterial für ein Kriegsverbrechertribunal.
Auch nach dem Sturz
der Khmer Rouge war den Bewohnern Kambodschas keine Zeit des Friedens
und der Sicherheit vergönnt. Statt dessen war die Geschichte
Kambodschas durch kontinuierliche Machtkämpfe, korrupte Regierungen
und weiterhin zahllose Menschenrechtsverletzungen gekennzeichnet.
Das Khmer-Rouge-Regime fand sein Ende mit dem Einmarsch vietnamesischer
Truppen 1979. Kambodscha wurde besetzt und eine pro-vietnamesische
Regierung der CPP unter Hun Sen eingesetzt. Bis zum Abzug der Vietnamesen
in 1989 wütete ein Guerillakrieg der Roten Khmer gegen die
Besatzungsmacht. 1991 wurde schließlich ein Friedensabkommen
unterzeichnet, womit die UN eine zweijährige Übergangsverwaltung
in Kambodscha übernahm (UNTAC 1991-1993). Während dieser
Zeit wurde unter anderem an dem Aufbau einer freien Presse gearbeitet,
doch seit dem Putschversuch der CPP, die Nachfolgepartei der Regierung
während der 10-jährigen vietnamesischen Besatzung, wieder
rückgängig gemacht. Seit Abzug der UNO Truppen häuften
sich auch Morde durch Polizisten und Militärs. Demokratische
Wahlen wurden 1993 durchgeführt und führten zum Sieg der
FUNCINPEC (Nationale Vereinte Front für ein unabhängiges,
neutrales, friedliches and kooperatives Kambodscha) und der Proklamation
des Königreichs Kambodscha. Der Sohn König
Sihanuks, Prinz Ranariddh, gelangte zur Macht und regierte eine
Zeit lang Seite and Seite mit Hun Sen, bis dieser in einem Quasi-Putsch
sich selbst zum alleinigen Premierminister erklärte und Prinz
Ranariddh den Posten des Vorsitzenden der Nationalversammlung zuteilte.
Hun Sen war, wie viele Regierungs- und Oppositionsmitglieder, früher
selbst ein Roter Khmer. Er mutierte jedoch in den 80ern zum Herrscher
von Vietnams Gnaden seine Alleinherrschaft war zutiefst korrupt.
Rücksichtslos soll er Oppositionelle verhaftet haben.
Mittlerweile spalteten
sich die Rebellen, nach 33 Jahren Kampf: Ieng Sary, lange Jahre
Bruder Nummer zwei nach Pol Pot, sagte sich im August 1996 von den
Guerillatruppen los. Dieser Ex-Außenminister kommandiert 300
Mann, was womöglich die halbe Kampfkraft der Pol-Pot Armee
konstituiert und kontrolliert noch dazu die Gegend um Pailin im
Nordwesten, das Zentrum des Handels mit Tropenhölzern und Edelsteinen
die Geldquelle der Roten Khmer. Ieng Sary wurde 1979 in Abwesenheit
wegen Massenmordes zu Tode Verurteilt, doch König Sihanouk
entschloss sich, ihn zu begnadigen. Hun Sen hatte die Amnestie gefordert.
So hofft die Regierung, weitere Pol Pot-Gefährten anzulocken
um vielleicht bald auf die verlustreichen Feldzüge, die sie
alle Jahre in der Trockenzeit führt, verzichten zu können.
Jedoch bedeutet das
nicht, so wird von Seiten der Regierung beteuert, dass nicht mehr
nach Beweisen gesucht wird. Man werde nicht zögern, die Angeklagten
einem internationalen Kriegsverbrechertribunal auszuliefern, hieß
es. Amnesty International äußerte sich sehr kritisch
diesbezüglich und erklärte, dass dies eine Unzumutbarkeit
den Opfern gegenüber sei und erinnerte ferner daran, dass 1997
und 1998 die Regierung selbst nach internationaler Hilfe und Unterstützung
der UN bei der Verurteilung einiger Verbrecher der Khmer Rouge Zeit
gebeten hat. Amnesty forderte, aus dem Zirkel der Straflosigkeit
herauszukommen und endlich mit der UN zu kooperieren, um einen Internationalen
Gerichtshof aufzubauen, der
so weit wie möglich
Gerechtigkeit nach Kambodscha bringen soll.
Verhandlungen um ein
Khmer-Rouge-Tribunal
Der Führer der
Khmer Rouge, Pol Pot, ist tot. Aber viele seiner Heerführer
leben noch und können sich bislang in Kambodscha frei bewegen.
Premierminister Hun Sen hat den ranghöchsten Khmer-Rouge-Offizieren
Ieng Sary, Nuon Chea und Khieu Sampan Straffreiheit im Tausch gegen
ihre Loyalität zugesichert, um seine Kontrolle über die
Politik des Staates zu festigen. Der einzige inhaftierte hochrangige
Khmer-Rouge-Offizier, Ta Mok, der im September 1999 vor einem Militärgericht
wegen Völkermord angeklagt wurde, hatte den Zorn des Premierministers
auf sich gezogen, weil er bis zu seiner Verhaftung den militanten
Widerstand der letzten Khmer-Rouge-Einheiten organisiert hatte.
Im April 1997 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution
(1997/49), die den Generalsekretär beauftragte, einen Antrag
auf Unterstützung bei der Ahndung der Verbrechen gegen kambodschanisches
und internationales Recht zu untersuchen. Im Juni 1997 erreichte
ihn dann ein Brief der Kambodschanischen Regierung, unterzeichnet
von den damaligen Co-Premierministern Hun Sen und Prince Norodom
Ranariddh, welches die Vereinten Nationen um Unterstützung
bittet in dem Versuch, die Verantwortlichen des Völkermordes
und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Regierung
der Khmer Rouge von 1975-1979 Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
1998 beauftragte der UN-Generalsekretär eine Gruppe von Rechtsexperten
damit, die Perspektiven für einen Prozess gegen die ehemaligen
Khmer-Rouge-Offiziere auszuloten. Im Februar 1999 legten die Experten
ihren Bericht vor, in dem sie die Gründung eines Internationalen
Tribunals mit unabhängigen Anklägern, ähnlich den
ad-hoc Tribunalen für Ruanda und das ehemalige Yugoslawien,
empfahlen, sowie eine Wahrheitskommission, welche die Ereignisse
dieser Zeit dokumentieren solle.
Der Gedanke einer Wahrheitskommission
fand in Kambodscha nicht viel Widerhall, und in den folgenden Jahren
gab es etliche Verhandlungen zwischen der UN und Kambodscha, um
die genaue Zusammensetzung und Reichweite eines Tribunals zu bestimmen.
Jedoch seit der Verhaftung Ta Moks hat die Regierung darauf bestanden,
ihn in Kambodscha unter nationalem Recht vor Gericht zu stellen,
dem Bericht der Experten zum Trotz. Es folgten eine Reihe von politischen
Kompromissen, so dass das Tribunal nicht mehr dem Vorschlag der
Experten voll entsprechen kann. Im Juli 2000 haben sich schließlich
die Vereinten Nationen und die Regierung von Kambodscha auf Einzelheiten
eines Sondergerichts für Kriegsverbrechen der Roten Khmer geeinigt.
Als Tribunal ist ein kambodschanisches Gericht unter Beteiligung
internationaler Richter und Ankläger geplant.
Jedoch kamen diese Verhandlungen
erneut zum Stillstand, als Hun Sen eine UN-Kontrolle über das
Tribunal verweigerte. Die UN tritt dafür ein, dass das Verfahren
vor einem mehrheitlich mit ausländischen Richtern besetzten
Gericht mit einem unabhängigen, von der UN ernannten Ankläger
durchgeführt werden soll, um eine unparteiische und faire Prozessführung
zu gewährleisten. Die Regierung Kambodschas jedoch weist jegliche
Kontrollfunktion der UN zurück und beschuldigt die UN, die
staatliche Souveränität Kambodschas zu verletzen und den
Frieden im Land zu gefährden. Rechtsexperten der UN und Menschenrechtsorganisationen
haben jedoch größte Skepsis gegenüber jeder Form
eines Rechtsverfahrens geäußert, das im politisierten
und korrupten Justizwesen Kambodschas verankert ist.
Die Experten, die im
Auftrag der UNO einen Bericht über die Möglichkeiten eines
Khmer-Rouge-Tribunals erstellten, waren der Meinung, dass das kambodschanische
Justizsystem in drei Punkten unzulänglich ist. Es gibt einen
Mangel an qualifizierten Richtern, Anwälten und Juristen; keine
ausreichende Infrastruktur wie zum Beispiel Gerichtssäle sowie
ausbruchsichere und menschenwürdige Gefängnisse; und letztlich
besteht keine Kultur des Respekts vor gesetzmäßigen Prozessen
und deren Ablauf. Die Gerichte sind nicht unabhängig von der
Politik; Korruption und Erpressung herrscht vor, und viele Richter
sind auch Mitglieder von politischen Parteien. Diese Situation ist
mit internationalen Rechtstandards nicht vereinbar. Ferner gibt
es Sicherheitsrisiken in Kambodscha. Verteidiger werden häufig
von Familienmitgliedern der Opfer angegriffen, und es besteht auch
die Möglichkeit, dass Zeugen bei einem etwaigen Khmer-Rouge-Tribunal
nicht sicher sein werden. Die Experten schließen, dass das
kambodschanische Justizsystem nicht fair und effektiv genug ist,
um ein glaubwürdiges Tribunal eigenständig durchführen
zu können. Das Strafrecht Kambodschas ist auch noch nicht klar
geschrieben oder interpretiert worden. Man beruft sich zum größten
Teil auf jenes von 1956, welches für das Königreich Kambodscha
galt, da seit den Khmer Rouge kein klares, verlässliches Strafgesetz
geschrieben wurde. Mit diesen Defiziten kann das kambodschanische
Justizsystem nicht das Vertrauen der Kambodschaner oder der internationalen
Gemeinschaft wecken.
Ähnlicher Auffassung
sind die Experten, wenn es um eine Mischform von kambodschanischem
und internationalem Tribunal geht, wie etwa der Kompromiss, auf
den man sich jüngst geeinigt hat. Solch ein Tribunal wird ebenfalls
wieder durch politische Kräfte manipulierbar sein und seine
Unabhängigkeit verlieren. Die meisten Defizite werden durch
das Mitwirken von einigen internationalen Anwälten und Richtern
nicht zu beheben sein.
Die regierende Partei
Kambodschas zählt auch einige ehemalige Khmer Rouge Führer
als Parteimitglieder. Und wenn die Regierung bei der Ernennung der
Richter Einfluss hat, so wird sie auch über das Tribunal Einfluss
haben, sagte Ang Eng Thong, der Präsident der Cambodia's Bar
Association, der nationalen Anwaltskammer. So kritisierten 17 kambodschanische
Menschenrechtsgruppen am 6. Januar 2000 Hun Sens Vorschlag eines
Prozesses mit mehrheitlich einheimischen Richtern, denen eine Minderheit
von durch die UN ernannten Richtern zur Seite stehen sollen, da
er dem Volk Kambodschas weder Frieden noch Gerechtigkeit bringen
würde.
Befürchtungen wurden
auch in Zusammenhang mit den Gesetzeswidrigkeiten, die im Verlauf
der Verhaftung Ta Moks stattgefunden haben, geäußert,
da diese die Glaubwürdigkeit der Verhandlung in Frage stellen
und eine Verletzung der Rechte des Angeklagten unter Kambodschanischem
und internationalem Recht darstellen.
Dem Premierminister wird
inoffiziell vorgeworfen, ein juristisches Vorgehen gegen ehemalige
Khmer-Rouge-Offiziere für sich als vorteilhaft einzuschätzen,
da es die Glaubwürdigkeit seiner Regierung als Empfänger
internationaler Finanzhilfe gegenüber den Geberländern
erhöhe. An pragmatischem Zynismus käme dies jenem der
Internationalen Gemeinschaft und der USA während den 80er Jahren
Nahe, als sie den Völkermord ignorierten und mit den Khmer
Rouge kooperierten. Es scheint, als fehle auf Seiten der Regierung
Kambodschas jeglicher politischer Wille, eine öffentliche und
ehrliche Debatte über den Völkermord innerhalb der kambodschanischen
Gesellschaft zu fördern und die Wahrheit über die Kriegsverbrechen
aufzudecken, und folglich gestalten sich die Verhandlungen über
das Tribunal zwischen der UN und Kambodscha als sehr kompliziert
und langwierig, selbst nachdem man sich auf die Form des Tribunals
geeinigt hat. Die jüngsten Unstimmigkeiten haben mit dem neuen
Gesetz zu tun, welches die Regierung Kambodschas eigens für
die Erstellung des Tribunals verabschiedet hat.
Kofi Annan zufolge sind
sich die internationale Gemeinschaft und Kambodscha einig, dass
ein Tribunal internationalen Charakter haben muss und minimale internationale
Rechtsstandards gewährleisten muss. Die Hauptforderung der
UN ist tatsächlich, dass das Rechtsorgan, welches zu diesem
Zweck in Kambodscha aufgebaut wird, auch internationalen Standards
entspricht, wie zum Beispiel bei der Verhaftung der Verdächtigen,
der Verhinderung von Straffreiheit für Völkermord und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sowie einer angemessenen internationalen
Beteiligung bei Anklägern und Richtern.
Der Gesetzentwurf der
kambodschanischen Regierung sieht vor, dass kambodschanische und
ausländische Ankläger sowie Richter gemeinsam die Anklage
durchführen und die Urteile fällen, wobei die ausländischen
Richter in der Minderheit sind. Ihnen wird jedoch ein Vetorecht
erteilt.
Das neue Gesetz legt
zunächst einmal fest, dass die Verbrechen, die vom 17 April
1975 bis zum 6 Januar 1979 begangen wurden, in dem Khmer-Rouge-Tribunal
geahndet werden sollen. Dabei werden eine Vielfalt von Straftaten
in Betracht gezogen: Mord, Folter und religiöse Verfolgung
unter Kambodschanischem Recht und Völkermord im Sinne der UN
Konvention 1948, das heißt alle Taten mit dem Ziel, eine nationale,
ethnische, rassische oder religiöse Gruppe zum Teil oder ganz
zu vernichten, und zwar sowohl versuchter Völkermord, als auch
Verschwörung zum Völkermord oder Beihilfe. Ferner werden
auch alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Diese werden
definiert als verbreitete oder systematische Verbrechen gegen die
Zivilbevölkerung, sei es aus nationalen, politischen, ethnischen,
rassischen oder religiösen Gründen, z.B. Mord, Versklavung,
Verschleppung, Freiheitsentzug, Folter, Vergewaltigung und andere
unmenschliche Taten. Unter Artikel 6 des Gesetzes werden auch Verbrechen
im Sinne der Genfer Konvention 1949 geahndet.
In dem Gesetz steht
explizit, dass jeder Verdächtige, der einer der oben genannten
Verbrechen schuldig ist, sie geplant, befohlen, begangen oder Beihilfe
geleistet hat, individuell dafür verantwortlich ist, wobei
sowohl die Rangstellung für das Urteil irrelevant sei als auch
die Tatsache, dass auf einen Befehl hin gehandelt wurde. Und gleichzeitig
ist der übergeordnete Befehlshaber nicht von seiner Verantwortung
befreit, solange er Befehlshoheit, Kontrolle oder Autorität
über den Angeklagten hatte und von den geplanten oder begangenen
Taten wusste, ohne die notwendigen vernünftigen Maßnahmen
zur Prävention oder Bestrafung der Täter vorzunehmen.
Die Strafen für
die Verurteilten können von fünf Jahren Gefängnis
bis zu lebenslänglich reichen. Vorgesehen ist auch das Konfiszieren
zu Gunsten des Staates von persönlichem Eigentum, Geld, Immobilien
und dergleichen, sofern sie unrechtmäßig oder durch kriminelle
Taten erworben worden sind. Ferner heißt es, dass das kambodschanische
Königreich keine Amnestie mehr für die Personen beantragen
wird, die unter diesem Recht angeklagt oder verurteilt werden können.
Die Gesellschaft für
bedrohte Völker (GfbV) hat ihre Besorgnis kundgetan über
die Bestimmung im Gesetzentwurf Kambodschas, der zufolge die Regierung
Kambodschas das Recht haben soll, von der UN ernannte Richter und
Ankläger abzulehnen, der UN andererseits dieses Recht gegenüber
den Nominierungen Kambodschas nicht zustehen soll. Ferner ist es
inakzeptabel, dass sich das Gericht aus mehrheitlich kambodschanischen
Richtern zusammensetzt, und dass der kambodschanische Nebenankläger
das Recht erhalten soll, gegenüber jeglichem Urteil ein Veto
einzulegen. Darüber hinaus findet Zeugenschutz in dem Gesetzentwurf
ebenso wenig Erwähnung, wie die Frage, ob Khmer-Rouge-Offiziere,
die offiziell amnestiert wurden, erneut unter Anklage gestellt werden
können. Der Gesetzentwurf lässt noch zahlreiche weitere
Fragen offen. Daher sind etliche Menschenrechts- und Friedensorganisationen
der Überzeugung, dass er einen fairen Prozess ohne politische
Einflussnahme, wie es den internationalen Standards entspräche,
nicht gewährleisten kann.
Auch die Vereinten Nationen
zeigten sich nicht sehr zufrieden mit dem Gesetzentwurf Kambodschas.
Formelle Kleinigkeiten und ungenaue Formulierungen lassen den Verdacht
aufkommen, dass die kambodschanische Regierung nicht an einem wahrhaftigen
Tribunal in Kooperation mit den Vereinten Nationen interessiert
sei. Zum Beispiel wird im Falle des Rückzugs eines UN-vorgeschlagenen
Richters, nachdem alle Reserve-Richter eingesetzt worden sind, nicht
erwähnt, dass wieder ein Richter gewählt wird, den die
UNO vorgeschlagen hat, sondern die Kambodschanische Regierung könnte
praktisch einen beliebigen Ausländer einsetzen. Ebenso wird
bei der Auswahl des ausländischen Anklägers, nachdem alle
Reservisten eingesetzt worden sind, der Satz von der Liste
der Vorgeschlagenen durch den General-Sekretär einfach
weggelassen. Die Vereinten Nationen möchten klarstellen, dass
alle freien Stellen der ausländischen Beteiligten mit Personal
belegt werden müssen, die die UNO vorgeschlagen hat.
Ferner bereitet das
kambodschanische Recht Probleme, was den Posten des Verwaltungsdirektors
angeht. Dieser UN-Angestellte ist für alle ausländischen
Mitarbeiter zuständig und kontrolliert auch die Gelder des
UN-Fonds. Im Gesetzentwurf der UN steht, dass dieser ausländische
Angestellte vom General-Sekretär der UNO ernannt wird, jedoch
steht nun in dem kambodschanischem Gesetz, dass er von jenem vorgeschlagen,
jedoch vom Königreich Kambodscha ernannt werden solle. Das
hat zu erheblichen Diskussionen geführt, da die Vereinten Nationen
klar zu machen versuchten, dass dieser Posten von einem UN-Offizier
auszufüllen sei und dieser daher vom Generalsekretär ernannt
werden müsse, um auch ihm verantwortlich zu sein.
Was die umstrittene
Straffreiheit angeht, so stand im UN Vorschlag für das Gesetz,
dass keine Straffreiheit mehr gewährt werden solle und schon
erteilte Amnestie kein Hindernis für Anklage vor dem Tribunal
darstellen solle. Das kambodschanische Recht jedoch äußert
sich nicht zu ehemals versprochener Straffreiheit.
Bisher haben die Vereinten
Nationen dieses Gesetz nicht annehmen können. Eine Übereinkunft
gestaltet sich schwierig, zumal das Tribunal hauptsächlich
aus einem eigens hierfür errichteten UN Fond bezahlt werden
soll und daher die UN auch gewisse Forderungen zu stellen und eine
Verantwortung für das Resultat zu tragen haben.
Die Verhandlungen sind
im Februar 2001 quasi zum Stillstand gekommen, als Hun Sen, nachdem
das Gesetz vom Parlament verabschiedet wurde, es nochmals zur Revision
eingab, damit alle Hinweise auf die Todesstrafe, wie in Artikel
3, geändert würden. Das Königreich Kambodscha hat
die Todesstrafe jedoch schon vor 10 Jahren abgeschafft und solch
ein Urteil hätte mit Hinblick auf die kambodschanische Verfassung
nicht ausgesprochen werden können. Aber nun wurde es endgültig
von dem Gesetz ausgeschlossen. Dazu musste ein Satz geändert
werden, wofür die kambodschanische Regierung sechs Monate benötigt
hat, sehr zum Ärger der UN. Dieses Manöver schien eher
wie beabsichtigte Zeitvergeudung und lässt an den Motiven der
Regierung für das Tribunal zweifeln.
Die kambodschanische
Regierung hingegen behauptet, sie könne auch ohne die UN ihr
Tribunal durchführen, falls es zu keiner Übereinkunft
komme. Hun Sen zeigte sich erbost über die Kritik der UNO an
dem Gesetz Kambodschas, und mahnte daran, die Souveränität
und Unabhängigkeit seines Landes zu respektieren. Er seinerseits
beschuldigt die UN, sie wolle die Errichtung des Tribunals verzögern.
Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, dass man einigen ranghohen
Khmer-Rouge-Führern schon Amnestie gewährt hat, sondern
auch in der Tatsache, dass etliche ehemalige Khmer Rouge nun hohe
Posten in der Regierung und im Militär halten.
Die Schwierigkeit besteht
darin, dass das Tribunal fair sein muss, wobei es nicht Kambodschas
junge Souveränität und den neugefundenen Frieden beeinträchtigen
darf. Zum Beispiel besteht Hun Sen noch immer auf einer besonderen
Behandlung von Ien Sary, dem ehemaligen Außenminister
der Khmer Rouge. Er war der erste Guerillaführer, der zu der
jetzigen Regierung übergelaufen ist und die Khmer-Rouge-Bewegung
verlassen hat. Wenn man ihn vor das Tribunal stellt, werde wieder
ein Bürgerkrieg in Kambodscha ausbrechen, behauptet Hun Sen.
Man könne nicht die Amnestie rückgängig machen, die
König Sihanouk 1996 unterschrieben hat. Und ferner hat Hun
Sen vielen Khmer-Rouge-Kämpfern, die aus der Bewegung herausgetreten
sind, zugesichert, dass nur ranghohe Khmer-Rouge-Führer sich
vor Gericht verantworten werden müssten. Diese Versprechungen
dienen zwar dazu, die Guerillas zum Überlaufen zu bewegen und
sie friedlich zu halten, aber eine derartige Halbherzigkeit kann
der Glaubwürdigkeit eines Tribunals und der Gerechtigkeit nur
schaden.
Hierzu äußern
sich die UN Experten in ihrem Bericht direkt und schreiben, dass
Gerechtigkeit nicht von der gegenwärtigen politischen Situation
abhängig sein kann. Solch eine Straffreiheit kann ein Kriegsverbrechertribunal
nur zur Farce machen. Andererseits muss man untersuchen, was in
Kambodscha praktisch durchführbar ist und entscheiden, ob man
lieber einige wenige Khmer Rouge verurteilt oder unter diesen Umständen
gar kein Tribunal durchführt.
Einige Kambodschaner
fordern auch die Verurteilung der USA und des Vereinigten Königreichs
für die heimliche und illegale Bombardierung des damals neutralen
Kambodscha unter Präsident Nixon und Henry Kissinger von 1969
bis 1973. Diese Flächenbombardierung hatte so viele Tote und
eine derartige Zerstörung zufolge, dass behauptet wird, es
sei ein kritisches Element für die Machtergreifung Pol Pots
gewesen. Es wirkte wie ein Katalysator für die kleine sektenartige
Gruppe der Khmer Rouge, deren Kombination aus Maoismus und Steinzeitkommunismus
keine Basis im Volk hatte. Nachdem die Khmer Rouge von den Vietnamesen
1978 entmachtet wurden, haben die USA, China und auch die Thatcher
Regierung Pol Pot im Exil in Thailand unterstützt, da er der
Feind ihres Feindes war. Die Befreiung Kambodschas konnte
nicht anerkannt werden, weil sie von der falschen Seite kam. So
haben nach 1979 weiterhin die Khmer Rouge Kambodscha bei den UN
vertreten, auf speziellen Wunsch der Amerikaner und der Briten.
Währenddessen litt die traumatisierte Gesellschaft unter dem
Embargo des Sicherheitsrates, und die Khmer Rouge bekamen alles
Gewünschte im Exil und konnten Kampftruppen an der Grenze konzentrieren,
um den Widerstand zu unterstützen. Dies führte
dazu, dass noch viele Jahre nach dem Sturz der Khmer Rouge ein Bürgerkrieg
auf schwacher Flamme weiterbrannte und dem Land kein Frieden zukam.
So erklärte der Verteidiger Ta Moks, dass auch alle Ausländer
zu Gericht gerufen werden müssen, um sich für die Unterstützung
der Khmer Rouge zu verantworten, und zwar ohne Ausnahme, von Madeleine
Albright, Margaret Thatcher, Kissinger, Carter, Reagan bis zu Bush
und anderen. "Niemand sollte der Justiz entkommen", sagte
Hun Sen. "Die Roten Khmer müssen vor Gericht gebracht
werden. Aber auch jene, die sie unterstützten, sollten dort
erscheinen."
So hat zum Beispiel
der kambodschanische König Norodom Sihanuk kürzlich seine
Bereitschaft erklärt, sich im Zusammenhang mit seiner Rolle
während der Herrschaft der Roten Khmer einem internationalen
Tribunal zu stellen. Sihanuk war während des Pol-Pot-Regimes
von 1975 bis 1979 zeitweise Staatsoberhaupt und unterhielt auch
davor und danach gute Beziehungen zu den Roten Khmer, obwohl deren
Herrschaft auch fünf seiner Kinder zum Opfer gefallen sind.
Es umstritten, inwieweit
diese Regierung die Berechtigung hat, ein Tribunal für die
Ahndung der Khmer Rouge zu erstellen, wenn auch jetzt viele Proteste
der Bevölkerung gegen die Regierung Hun Sens gewaltsam unterdrückt
werden, und Menschen bei Protesten getötet werden oder danach
verschwinden. Zum Beispiel war der Oppositionsführer
Rainsy ins UN Gebäude geflohen, da Hun Sen einen Haftbefehl
hatte ausrichten lassen. Bei der Demonstration für Rainsy eröffnete
die Polizei das Feuer, wobei Menschen ums Leben kamen.
Nach den Parlamentswahlen
am 26. Juli, die den bisherigen Zweiten Ministerpräsidenten
Hun Sen und seine Kambodschanische Volkspartei (CPP) im Amt bestätigt
hatten, weigerten sich die Oppositionsparteien, den Wahlsieg anzuerkennen.
Die Oppositionspolitiker Prinz Norodom Ranariddh, Vorsitzender der
Funcinpec, sowie Sam Rainsy, Chef der gleichnamigen Partei (SRP),
warfen der CPP Wahlbetrug vor. Außerdem meldete die Opposition
Zweifel an der Neutralität der Nationalen Wahlkommission an,
die für die Verteilung der Parlamentssitze verantwortlich ist.
Nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse flüchteten viele Mitglieder
der Oppositionsparteien ins Ausland. Morddrohungen von Anhängern
der CPP ließen sie um ihr Leben fürchten.
Nach dem Staatsstreich
am 5. Juli 1997, bei dem CPP-Chef Hun Sen den ersten Premierminister
Prinz Norodom Ranariddh aus dem Amt gedrängt hatte, wurden
über 53 Menschen ohne Urteil hingerichtet - die meisten von
ihnen hochrangige Funcinpec-Mitglieder. Niemand ist bisher für
diese Verbrechen vor Gericht gestellt worden, obwohl eindeutige
Beweise für die Verantwortung der Sicherheitskräfte vorliegen.
Das Militärgericht in Phnom Penh verhängte eine 20jährige
Haftstrafe für den bereits von Soldaten getöteten Brigadegeneral
Chao Sambath - seine Mörder wurden nicht bestraft.
Während der von
Oktober 1991 bis September 1993 regierenden UNO-Übergangsverwaltung
und nach dem Pariser Friedensvertrages von 1991 hat Kambodscha die
meisten internationalen Menschenrechtsabkommen unterzeichnet. Seit
Amtsübernahme der kambodschanischen Regierung wurden jedoch
viele positive Entwicklungen wieder rückgängig gemacht.
Die Menschenrechtssituation verschlechterte sich drastisch, obwohl
die Regierung wiederholt versichert hat, bekannt gewordene Menschenrechtsverletzungen
untersuchen zu lassen. Statt dessen prägt die Gewalt den politischen
Alltag. Auch die Vereidigung der neuen Nationalversammlung verlief
nicht gewaltfrei: In Angkor Wat in der Provinz Siem Reap explodierte
eine Granate in der Nähe von Hun Sen.
Doch statt sich zu den
Menschenrechtsverletzungen zu äußern, attackierte der
erste Premierminister Hun Sen die Arbeit des UNO-Menschenrechtszentrums
in Phnom Penh. Im August des vergangenen Jahres forderte er die
Entlassung mehrerer Angestellter der Vereinten Nationen, die angeblich
falsche Informationen verbreitet hatten. Zeitgleich verkündete
die Regierung, eine eigene Nationale Menschenrechtskommission ins
Leben zu rufen. Amnesty international bezweifelt jedoch, daß
diese Kommission ohne juristische Unabhängigkeit im Land funktionieren
kann.
Von den Sozialstrukturen
her und den alltäglichen Ereignissen könnte man schließen,
dass das Erbe der Roten Khmer vor allem eine Kultur der Gewalt ist.
"Wenn wir den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen wollen,
müssen wir damit anfangen, die Täter zur Rechenschaft
zu ziehen", sagt Oppositionsführer Sam Rainsy hierzu.
Beispiele für die "Kultur der Gewalt" in Kambodscha
sind schnell gefunden, zum Beispiel in Gerichtsfällen. Da erschießt
ein Mann zwei seiner Nachbarn, weil sein Hund mit denen der anderen
aneinandergeraten war. Von dem zu schließen, was man über
den kambodschanischen Alltag hört, besteht eine enorme Gewaltbereitschaft.
Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt, noch
dazu kommen drei Jahrzehnte Bürgerkrieg da zählt
ein Leben nicht mehr viel. "Die Roten Khmer und das kommunistische
Regime haben unsere moralischen und ethischen Werte zerstört",
sagt Lao Mong Hay, der Direktor des Khmer-Instituts für Demokratie
in Phnom Penh. "Als damals Menschen gefoltert, gemordet oder
in den Hungertod getrieben wurden, dann galten die Opfer nicht als
menschliche Wesen, sondern als Klassenfeinde." Diese Geringschätzung
menschlichen Lebens ging auch nach dem Sturz der Roten Khmer durch
vietnamesische Truppen 1979 weiter, denn es folgten zwei Jahrzehnte
Bürgerkrieg, die formal erst vor kurzer Zeit mit der Aufgabe
der letzten Kommandeure der Roten Khmer zu Ende gingen. Das völlige
Fehlen sozialer Werte wird auch herangezogen, um zu erklären,
warum sich Freunde gegenseitig für nicht mehr als einen Dollar
umbringen oder Menschen sich mit Raketenwerfern beschießen.
Kambodschas Gesellschaft
toleriert nicht nur Gewalt, sie lässt die Täter auch systematisch
ungeschoren. Der Hauptverantwortliche dafür ist nach Überzeugung
der Vereinten Nationen Ministerpräsident Hun Sen. UN-Sonderbotschafter
Thomas Hammarberg hat allein in den vergangenen zwei Jahren 140
Morde an Anhängern der Opposition untersucht. Hun Sens Sicherheitskräfte
sind vermutlich für die meisten politischen Morde verantwortlich,
und in keinem einzigen Fall gab es ernsthafte Ermittlungen, erst
recht kein Urteil. Dies entspricht einer systematischen Straffreiheit,
die alle Bemühungen um ein Tribunal für die Khmer Rouge
bezweifeln lässt. Kann ein internationaler Prozess gegen die
Völkermörder der Khmer Rouge, oder einigen Führern
hiervon, den Teufelskreis von Gewalt und Straffreiheit durchbrechen?
Nach Meinung der von der UN beauftragten Experten sind faire, internationale
Tribunale, die mit der Vergangenheit abschließen, unbedingt
notwendig, um irgendwelche Verbesserungen in der Menschenrechtssituation
in Kambodscha erreichen zu können. Nur Gerechtigkeit könne
zu Frieden, Stabilität und nationaler Aussöhnung führen,
und damit auch zur Demokratie. Außerdem müsse auch eine
Warnung an zukünftige Regierungen gesandt werden. Hierzu muss
jedoch gewährleistet sein, dass man tatsächlich faire
und unabhängige Rechtsprechung erwarten kann.
Fast zwei Millionen
Menschen sind Opfer der Roten Khmer geworden, fast jeder fünfte
Einwohner hat in den vier Jahren ihrer Herrschaft bis zum Januar
1979 sein Leben gelassen. Kann oder soll es eine Versöhnung
mit den Völkermördern geben? Immerhin war Khieu Samphan
Staatspräsident des Pol-Pot-Regimes, Nuon Chea galt als "Bruder
Nummer Zwei" der Führung, und beide sind nun zur Regierung
übergelaufen mit dem Versprechen der Straflosigkeit. Es gibt
unterschiedliche Meinungen darüber, was nun die Bevölkerung
Kambodschas möchte. Es heißt, dass vor allem die Jüngeren,
die nach den Gräueln der "Steinzeit-Kommunisten"
geboren sind, die Vergangenheit hinter sich lassen wollen. Für
die anderen ist die Erinnerung an die "Killing Fields"
eine schmerzhafte und offene Wunde. Wer selbst dem Tod entkam, hat
Angehörige und Freunde verloren. Inwieweit wollen diese Menschen
die Vergangenheit durch Wahrheitsfindung und einem Tribunal aufarbeiten,
das vielleicht nicht unabhängig und gerecht entscheiden kann?
Andererseits haben die
UN Experten festgestellt, dass überwiegend der Wunsch nach
Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit besteht. Natürlich wünschen
sich die Menschen erst einmal den Frieden, aber wie die Experten
schließen, ist ein Tribunal durchaus nicht unvereinbar mit
Frieden im gegenwärtigen Kambodscha. Hierzu muss jedoch erwähnt
werden, dass jenes Tribunal, das die Experten vorschlugen, nun nicht
realisierbar ist und wir es mit einem Kompromiss zu tun haben, vor
dem sie explizit gewarnt haben.
Und soll es überhaupt
eine internationale Angelegenheit sein, oder ist dem kambodschanischem
Volk besser gedient, wenn man die Angelegenheit der kambodschanischen
Regierung überlässt? Natürlich liegt Berechtigung
in dieser Aussage, zumal die Verbrechen, die geahndet werden sollen,
von Kambodschanern an ihren Landsleuten und auch in Kambodscha selbst
begangen wurden. Andererseits hat die Regierung unter Hun Sen und
Prinz Ranariddh die UN um Unterstützung gebeten. Falls die
Vereinten Nationen daran beteiligt sein sollen, so müssen ihre
internationalen Standards angewandt werden. Die UN hat eine Verantwortung
für dieses Tribunal, und Korruption, fehlende Rechtsgarantien
oder politische Einflussnahme sind absolut inakzeptabel.
Die Frage ist, wie so
ein Tribunal nützlich sein kann. Die demokratischen Elemente,
sowie Sinn für Recht und Gerechtigkeit zu stärken, wären
gute Ansatzpunkte. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man auf
gerechte und unabhängige Wahrheitsfindung und Verurteilung
hoffen kann.
In der jetzigen Situation
Kambodschas scheint das eher unwahrscheinlich zu sein. Die Regierung
Hun Sens hat selbst zu wenig Respekt vor dem Recht, als dass man
ihr zutrauen könnte, ein Khmer-Rouge-Tribunal gewissenhaft
zu organisieren. Korruption und politische Einflussnahme sind zu
offensichtlich, und die Verhandlungen mit Hun Sen zeigen, dass ihm
nicht unbedingt an zeitiger Ahndung der Verbrechen liegt. Vielmehr
ist es ein Tauziehen zwischen seiner Regierung und der UN
obwohl er selbst internationale Hilfe beantragt hat. Das lässt
auf andere Motive für solch ein Tribunal schließen, zum
Beispiel um seine Berechtigung auf internationale Fördergelder
geltend zu machen, da diese oft an demokratische und rechtstaatliche
Reformen gekoppelt sind.
Das Problem ist nicht,
wie man meinen könnte, eine nationale Auffassung von Gerechtigkeit,
nationaler Gerichtsbarkeit und die Befugnis der internationalen
Gemeinschaft, einzugreifen, sondern der fehlende politische Wille
zur Aufklärung und gerechten Bestrafung der Täter. Nationale
Tribunale sowie gemischte Tribunale können durchaus nützlich
sein, aber es kommt auf die Bereitschaft der Regierung zur Kooperation
an, auf etwaige Eigeninteressen und Korruption, sowie auf das nationale
Justizsystem. Da alle Faktoren im Falle Kambodschas mangelhaft erscheinen,
könnte man behaupten, kein Tribunal sei besser als ein abhängiges,
von einer korrupten Regierung kontrolliertes Tribunal, das den Interessen
der Regierungspartei mehr dient als den Opfern des Genozids. Lieber
keine Ahndung der Verbrechen, keinen Frieden in diesem Sinne, als
eine parteiische Verurteilung einiger Angeklagter in einem unwahrhaftigen
Prozess, der diese Regierung legitimiert und von ihren eigenen massiven
Menschenrechtsverletzungen sowie ihrer Straflosigkeit ablenkt. Eine
bestimmende Rolle Hun Sens bei diesem Tribunal scheint eine Farce
aus den Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit zu machen.
Falls es der UN nicht
gelingen sollte, die absolute Kontrolle über solch ein Tribunal
zu erwirken, so könnte man meinen, der Gerechtigkeit und dem
Frieden sei besser gedient, wenn man den Prozeß fallen ließe,
als Premierminister Hun Sen eine weltweite Legitimation für
seine parteiische und undemokratische Gerichtsbarkeit zu verschaffen.
PS: Am 8. Februar 2002
beendeten die vereinten Nationen die Gespräche mit Kambodscha
über den Gerichtshof zur Verfolgung der Khmer-Rouge-Führer.
Die Vereinten Nation erklärten, sie sähen in der von der
kambodschanischen Regierung gewünschten Konzeption des Gerichtshofs
keine Grundlage für unabhängige, unparteiische und objektive
Verfahren, wie sie Voraussetzung für eine UN-Beteiligung seien.
Kambodscha im historischen
Überblick:
1863-1953: französische
Kolonie
1955-1970: Sihanouk regiert
das Königreich Kambodscha, das Land wird in den Vietnamkrieg
hineingezogen. Ab 1969 bombardieren die USA Kambodscha
1970-1978: Lon Nol stürzt
mit US Hilfe Sihanouk und gründet eine Republik. Von China
aus verbündet sich Sihanouk mit den Roten Khmer gegen das Militärregime
Lon Nols
1975-1978: Pol Pots Rote
Khmer errichten das Demokratische Kampuchea, ein Terror-Regime,
bei dem mehr als 1,5 Millionen Menschen ihr Leben verlieren. Sihanouk
wird unter Hausarrest gestellt
1978-1989: Vietnamesische
Truppen vertreiben Pol Pot und bilden eine Marionettenregierung
unter Heng Samrin und Hun Sen. Sie wird von den Roten Khmer, Sihanouk
und dem Anti-Kommunisten Son Sann bekämpft
1989: Abzug der vietnamesischen
Truppen
1991: Friedensabkommen
in Paris
1993: Erste freie Wahlen
unter dem Schutz der UNO. Sihanouks Sohn Ranariddh und Hun Sen werden
gemeinsam Premierminister
1997: Hun Sen entmachtet
Ranariddh
1998: Aus Wahlen geht
Hun Sen als Regierungschef hervor; Tod Pol Pots
[1]
Die Autorin studiert Rechtswissenschaft in Oxford und Kiel. Die
vorliegende Arbeit entstand im Herbst 2001 im Rahmen eines Praktikums
am Nürnberger Menschenrechtszentrum.
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