Chile
auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit - am Beispiel des
Berichtes der Valech-Kommission (1)
Ulrike
Borchardt, April 2005
Dank
des langen Kampfes der überlebenden Gefangenen und der Menschenrechtsorganisationen
sah sich die chilenische Regierung verpflichtet, die "Nationale
Kommission für politische Haft und Folter", auch "Kommission
Valech" genannt, zu gründen. Sie wurde im August 2003
vom sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos eingesetzt.
Ihr Auftrag bestand in der Erstellung einer Liste aller Opfer
der Pinochet-Diktatur. Auf ihrer Grundlage wollte die Regierung
Lagos eine Entschädigung für die Opfer veranlassen.
Die Kommission wurde nach dem Namen des Vorsitzenden, des katholischen
Bischofs Sergio Valech, benannt. Im Verlauf eines Jahres hörte
die Kommission Zeugenaussagen von 35.000 Personen an. Davon wurden
28.000 als Opfer anerkannt. Sie erhalten nach dem Vorschlag der
Regierung eine Rente von 195 US$ monatlich sowie die Zusicherung
kostenloser Krankenhausbehandlung und des kostenfreien Studiums.
Besonders das letzte Zugeständnis - ein kostenloses Studium
- erscheint angesichts des heutigen Durchschnittsalters der Opfer
- weit über 50 Jahre - etwas seltsam. Aber bevor es an die
Kritik einzelner Schlussfolgerungen dieses Berichts geht, erst
einmal eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Ergebnisse.
Der
Abschlussbericht der Valech-Kommission kommt zu dem Schluss, dass
die Folter institutionellen Charakter hatte und dass 1.132 Orte
zur Gefangenhaltung und Folter benutzt wurden.
Der
Bericht informiert in detaillierter Form über Foltermethoden,
das Opferprofil und die Konsequenzen von Folter und Gefangenschaft,
seien sie physisch, psychisch oder sozial. Außerdem veröffentlicht
der Bericht die Namen der Opfer. Wie aus dem Bericht hervorgeht,
waren die meisten Folteropfer zur damaligen Zeit zwischen 17 und
24 Jahre alt, befanden sich also in einer Lebensphase, die ihr
weiteres Leben entscheidend prägen sollte. Im Unterschied
zu ihren politisch anders gesinnten Altersgenossen konnten sie
ihr Leben nicht in geplanter Art und Weise fortsetzen, mit dem
Abschluss einer Berufsausbildung oder eines Studiums, von den
psychischen Folgen gar nicht zu reden. Der Bericht betont ausdrücklich,
dass die politischen Entwicklungen, die zum Militärputsch
des 11. September 1973 führten, in keiner Weise die darauf
folgende massive Verletzung der Menschenrechte rechtfertigen konnte.
Folgende drei Phasen der systematischen Folterung und Verfolgung
politischer Gegner werden konstatiert:
Die
erste Phase bezieht sich auf die Zeit unmittelbar nach dem Militärputsch,
von September bis Dezember 1973. 67,4 Prozent der als Zeugen zugelassenen
Befragten sagten aus, dass sie innerhalb dieses Zeitraums von
drei Monaten verhaftet wurden. Sie seien von Mitgliedern der Streitkräfte
und der carabineros gefoltert worden. Dies sei allgemeine Praxis
im gesamten Territorium des Landes gewesen.
Die
zweite Phase erstreckt sich von Januar 1974 bis August 1977. Hierzu
lagen Zeugenaussagen von 19,3 Prozent der Befragten vor. Während
eines großen Teils dieser Phase wurden dieselben Praktiken
wie während der ersten drei Monate angewandt, allerdings
ging ab Juni 1974 die Hauptverantwortung für die Folterungen
auf den chilenischen Geheimdienst (Dirección de Inteligencia
Nacional, DINA) über, der zu diesem Zweck ein eigenes Budget
und offizielle Anerkennung erhielt. Dennoch blieben die Gefangenenlager
bis 1976 bestehen. Hauptopfer waren Mitglieder der Bewegung der
Revolutionären Linken (Movimiento de Izquierda Revolucionaria,
MIR), der Kommunisten und der Sozialisten. Das Pinochet-Regime
wollte auf jeden Fall verhindern, dass sich ein koordinierter
illegaler Widerstand bilden konnte.
Die
dritte Phase erstreckte sich vom August 1977 bis zum März
1990. 13,3 Prozent der Befragten gaben an, während dieser
Phase aus politischen Gründen verhaftet worden zu sein. Der
Hauptakteur während dieser Phase war allerdings nicht mehr
die DINA, die sich aufgrund ihrer zu offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen
unter ihrem Chef Manuel Contreras selbst in den Augen der USA
als nicht mehr tolerierbar erwiesen hatte, sondern der Centro
Nacional de Inteligencia (CNI), , Ergebnis der fortschreitenden
Institutionalisierung der Pinochet-Diktatur. Vorzugsweise im Gefolge
von Massenprotesten, die ab 1983 an Kontinuität und Umfang
rapide zunahmen, wurden "Rädelsführer" verhaftet
und gefoltert.
Zu
den üblichen Foltermethoden zählten u.a. die Verabreichung
von Elektroschocks, das Vortäuschen von Erschießungen,
sexuelle Übergriffe, russisches Roulette u.v.m. Besonders
Frauen waren sexueller Gewalt ausgesetzt. Die Kommission erhielt
Zeugenaussagen von 3.399 Frauen, was 12,5 Prozent der Gesamtzahl
der Befragten ausmacht. Mehr als die Hälfte von ihnen wurden
während der ersten drei Monate nach dem Putsch 1973 verhaftet.
Fast alle gaben an, sexueller Gewalt ausgesetzt worden zu sein,
316 von ihnen gaben zu, vergewaltigt worden zu sein. Die tatsächliche
Zahl dürfte jedoch weit höher liegen, da viele Frauen
aus Scham nicht darüber sprechen wollten. Unter den gefolterten
Frauen gab es auch zahlreiche junge Mädchen sowie Schwangere.
Zum
Profil der Opfer trifft der Bericht folgende Aussagen: 87,5 %
der Befragten (23.856) waren Männer, 12,5 Prozent (3.399)
Frauen. Der Großteil der politischen Gefangenen und Folteropfer
waren junge Männer zwischen 21 und 30 Jahren (44,2 Prozent,
12.060) . 25,4 Prozent (6.913) waren zwischen 31 und 40 Jahren
und 12,5 Prozent (3.397) zwischen 41 und 50 Jahren. 9,7 Prozent
(2.631) waren zwischen 18 und 20 Jahren, vier Prozent von ihnen
(1.080) sogar unter 18 Jahren. 4,3 Prozent (1.174) waren über
50 Jahre. Entsprechend ihrem damaligen Alter sind 83 Prozent der
Opfer heute älter als 51 Jahre. 27,7 Prozent sind Rentner
oder Arbeitslose, leben also in wirtschaftlich prekären Verhältnissen.
Neun Prozent der Opfer sind bereits verstorben, die Zeugenaussagen
stammten von ihren Angehörigen.
Zusammen
mit der Veröffentlichung des Berichtes verabschiedete die
chilenische Regierung im Kongress ein Gesetz, das den Opfern eine
minimale Entschädigung zuspricht und gleichzeitig verbietet,
die Namen der Täter und Zeugen zu veröffentlichen.
Der
Valech-Bericht ist bereits der dritte wichtige Schritt Chiles
zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Bereits 1991 war eine Untersuchungskommission
über die während der Pinochet-Diktatur erfolgten Verbrechen
gegen die Menschlichkeit vom damaligen christdemokratischen Präsidenten
Patricio Aylwin eingesetzt worden. Der Bericht der so genannten
Rettig-Kommission dokumentierte die Fälle von 2.950 ermordeten
oder verschwundenen Chilenen. Im Unterschied zu dem Bericht der
Valech-Kommission enthält er keine Fälle von Menschenrechtsverletzungen
an noch lebenden Opfern. An der unter dem ebenfalls christdemokratischen
Präsidenten Frey eingesetzten "Mesa de Diálogo"
nahmen in erster Linie Vertreter des Militärs und anderer
staatlicher Organisationen teil. Ziel war die Aufarbeitung der
dunkelsten Kapitel der Vergangenheit unter der Pinochet-Diktatur.
Natürlich sind die meisten im Valech-Bericht aufgeführten
Fakten für einen großen Teil der chilenischen Öffentlichkeit
nicht neu, dennoch ist das Ausmaß und die Systematik der
Folter für viele ehemalige Unterstützer der Diktatur
erschütternd. Die Kommission kommt nämlich zu dem Ergebnis,
dass 94 Prozent aller politischen Häftlinge gefoltert wurden.
An diesen Folterungen waren Angehörige sämtlicher Waffengattungen
und Sicherheitsorgane beteiligt. Allerdings weist der Bericht
eine große Schwäche auf: Die Namen der Folterer dürfen
nicht genannt werden. Zu groß ist offensichtlich die Angst
davor, alte Feindschaften wieder aufleben zu lassen, die die allmählich
stattfindende Demokratisierung des Landes erneut gefährden
und an den Rand des Bürgerkrieges führen könnten.
Dies
steht im offensichtlichen Widerspruch zu den Aussagen des Präsidenten
Ricardo Lagos, der in seiner Fernsehansprache zur Vorstellung
des Berichtes feierlich verkündete: "Wir haben die notwendige
Harmonie zwischen der Gesellschaft und ihrem Militär wieder
erlangt. Wir besitzen genügend Stärke, um den Schmerz
in unserem und im nationalen Gedächtnis in eine gemeinsame
Zukunft einzubinden."
Auch die Zeugenaussagen sind nicht namentlich gekennzeichnet und
sollen für die nächsten 50 Jahre anonym bleiben. Allerdings
findet sich im Anhang des Berichtes eine Liste aller 28.000 anerkannten
Opfer der Pinochet-Diktatur mit Namen und Personalausweisnummer.
Dennoch hat der Bericht keine juristische Relevanz für die
Verfolgung der Täter.
Die
Valech-Kommission wurde 30 Jahre nach dem Beginn der massiven
Menschenrechtsverletzungen eingesetzt und fast 15 Jahre nach dem
Ende der Pinochet-Diktatur. Mit anderen Worten: Bis 2003 gab es
in der chilenischen Gesellschaft starke politische Interessengruppen,
die eine Offenlegung der Folterpraxis während der über
17 Jahre andauernden Pinochet-Diktatur zu verhindern wussten.
Sicherlich gab es 1991 die bereits erwähnte Rettig-Kommission.
Sie beschränkte sich allerdings ausschließlich auf
die Todesopfer und Verschwundenen. Die Angehörigen erhielten
damals ebenfalls eine Entschädigung in ungefähr der
gleichen Höhe, wie sie für die Folteroper im Bericht
der Valech-Kommission vorgesehen ist. Auch ihnen wurde die Möglichkeit
zur Klage gegen die Täter verweigert. Somit stellt sich die
Frage, ob diejenigen politischen Interessengruppen, die aus naheliegenden
Gründen kein Interesse an einer tatsächlichen Strafverfolgung
der Täter haben, immer noch genügend Einfluss besitzen,
um gerichtliche Verfahren gegen die Täter zu verhindern.
Am
28. November 2004 hielt Präsident Ricardo Lagos eine feierliche
Fernsehansprache unter dem Titel "Para nunca más vivirlo,
para nunca más negarlo" (Damit wir es nie wieder erleben
müssen, damit es nie wieder verleugnet wird). Damit machte
er in aller Öffentlichkeit deutlich, dass politische Haft
und Folter während der Pinochet-Diktatur institutionalisierte
Praxis war und von den höchsten Autoritäten des Landes
ausging. Um diese unwürdige Praxis ein für alle Mal
zu beenden, sollten die Opfer entschädigt werden. Allerdings
sollte diese Entschädigung der Heilung und nicht dem Wiederaufreißen
neuer Wunden dienen: "Las medidas están a sanar heridas,
no a reabrirlas". Von daher auch das Verschweigen der Namen
der Täter, könnte man kritisch anmerken. Über einen
Zeitraum von 50 Jahren sollen die Namen von Opfern und Tätern
anonym bleiben.
Lagos
betont allerdings, dass die Entschädigungsleistungen für
die Opfer nicht ausschließlich materiellen Charakter haben
sollen. An erster Stelle stünden die "institutionellen
Entschädigungen", wie die Schaffung eines Nationalen
Instituts für Menschrechte. Auch hier ein kleiner Missklang:
Es soll weitgehend aus den Spenden der Opfer finanziert werden,
die aufgrund ihrer ökonomischen Lage auf die Entschädigungszahlungen
der Regierung verzichten können (!). Dass vielleicht die
Täter zur Kasse gebeten werden könnten, steht natürlich
nicht zur Debatte. An zweiter Stelle sollen symbolische und kollektive
Maßnahmen die moralische Anerkennung der Opfer von Seiten
des Staates und der Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Und drittens
geht es auch um die juristische und ökonomische Entschädigung
der Opfer. Was die juristische Entschädigung angeht, so ist
nicht etwa an eine Verurteilung der Täter gedacht, sondern
vielmehr an die Wiederherstellung der vollen Bürgerrechte
der Opfer. Die ökonomische Entschädigung bezieht sich
auf monatliche Rentenzahlungen in Höhe von 195 US-$, die
für über 70 und 75-Jährige jeweils erhöht
werden soll, um ihnen den Lebensabend etwas erträglicher
zu machen.... Nach Angaben des Präsidenten Ricardo Lagos
sind ca. 70 Mio-US $ an Entschädigungszahlungen vorgesehen,
eine Summe, die einen Anteil von 0,1 Prozent des chilenischen
BIP pro Jahr ausmacht und etwa 0,3 Prozent des Staatshaushaltes.
Oder, wie der Präsident anschaulich schilderte: den Kosten
eines erneuten Baus der Autobahn von Santiago nach Puerto Montt.
Hinzu
kommen noch kostenlose Gesundheitsversorgung für Leiden,
die aufgrund der erlittenen Folterungen aufgetreten sind sowie
die Möglichkeit eines kostenlosen Schul- oder Universitätsbesuches
- man erinnert sich, dass die meisten Opfer heute mindestens 55
Jahre alt sind!. Außerdem sollen sie bei preisgünstigen
Wohnungen bevorzugt werden.
Während
die konservativen rechten Parteien Unión Demócrata
Independiente (UDI) und Renovación Nacional (RN) keine
Kritik an den Entschädigungszahlungen hatten, kritisierten
sowohl Sozialisten als auch Kommunisten die Höhe der Entschädigungszahlungen.
Sie seien viel zu niedrig und undifferenziert. So betonte der
Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Gonzalo Martner: "Die
Höhe der Zahlungen müsse dem jeweils unterschiedlichen
Ausmaß an erlittener Folter entsprechen." Dieser Kritik
schlossen sich auch die Kommunisten an, die darüber hinaus
u. a. folgende Forderungen stellten:
Die
Vereinigung zur Verbreitung und Verteidigung der Rechte des Volkes
(CODEPU), die bereits 1980, also noch während der Pinochet-Diktatur
gegründet wurde, fordert neue Fristen für diejenigen
Opfer, die nicht in die offizielle Liste aufgenommen wurden.
Logischerweise
reagierten von Pinochet designierte Senatoren auf Lebenszeit und
Ex-Militärs äußerst erbost auf den Bericht und
bestritten jegliche Verantwortung. Der ehemalige Admiral Jorge
Martínez Bush forderte, endlich einen Schlussstrich unter
die permanenten "Lügen" über seine Institution
zu ziehen. Ein anderer Ex-Admiral, Jorge Arancibia, bestritt rundweg
die Möglichkeit zurückzutreten.
Der
auf Lebenszeit ernannte Senator und Ex-Generalstabschef der chilenischen
Streitkräfte, Ramón Vega, schloss sich der offiziellen
Erklärung seiner Institution an und fügte hinzu: "Heute
beklagen wir die Konsequenzen und untersuchen sie, aber von einer
geplanten Folter habe ich zumindest niemals gehört, und sie
wurde auch nicht konzipiert, weder in der Kriegsakademie noch
in der Luftwaffenakademie oder in irgendeiner anderen Ausbildungsstätte
hörte man jemals das Wort Folter".
Die
Senatoren Rodolfo Stange und Fernando Cordero, ehemalige Generaldirektoren
der carabineros, übernahmen keinerlei institutionelle Verantwortung
für die Folterungen und versicherten, dass es keinerlei Grund
für eine Entschuldigung der Militärpolizei gäbe.
Cordero ging sogar soweit zu fordern, es sollten sich vielmehr
diejenigen entschuldigen, die für das verantwortlich seien,
was vor dem 11. September 1973 geschehen sei, was nämlich
die Ursache für alle folgenden Geschehnisse gewesen sei.
Wie
man sieht, ist das Thema der "Aussöhnung" zwischen
Tätern und Opfern nach wie vor ungelöst in Chile. Darauf
verweist auch das "Manifest der Historiker", das am
14. Dezember 2004 als Reaktion auf dem Valech-Bericht erschien:
"Das
Verdienst des Valech-Berichts liegt nicht allein darin, dass die
Regierung angeordnet hat, eine entsprechende Kommission einzusetzen,
sondern hauptsächlich darin, dass er ein umfassendes Zeugnis
von Bürgern enthält, dessen Bedeutung weder juristischer
noch allein ethischer Natur ist, sondern viel mehr historischer
und politischer. Als solches ist es ein Zeugnis, das die langen
und mutigen Bemühungen derjenigen krönt, die sich für
die Menschenrechte einsetzen und die mit viel Geduld und Arbeit
den Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit eröffnet haben. Die
Pflichten, die daraus erwachsen, beziehen sich deshalb auch auf
das Handeln des Staates, einschließlich der Gerichte, denn
er enthält eine Wahrheit, die von Bürgern aufgrund ihrer
Zeugenaussagen und ihres Schicksals gemacht wurden, und weil es
die Souveränität der Bürger ist, die jetzt handeln
muss, um nicht allein Gerechtigkeit vor den Gerichten zu erzielen,
sondern vor allem historische und politische Gerechtigkeit.
Dennoch
enthält der Bericht Schwächen. Es ist beispielsweise
inakzeptabel, dass seine Veröffentlichung von einer Einschränkung
begleitet ist: Was den Opfern widerfuhr, wird bekannt gegeben,
sie sollen jedoch ein halbes Jahrhundert lang namenlos bleiben,
ebenso wie das Verhalten der Folterer und der Auftraggeber. Weshalb
wird nicht die gesamte Wahrheit gesagt? Weshalb wird lediglich
dem Schmerz und dem Mitleid Ausdruck gegeben, nicht jedoch der
Verurteilung und der Gerechtigkeit? Weshalb muss eine Regierung,
die sich demokratisch nennt, weiterhin die Schuldigen verstecken?
Ist die Straffreiheit etwa eine entscheidendere politische Praxis
als die Gerechtigkeit? Ist der Respekt vor den faktischen Mächten
vielleicht wichtiger als der Respekt vor der Würde der Bürger?"
________
1.
Der folgende Artikel beruht auf einem Vortrag, den die Autorin
im Rahmen einer Veranstaltung der Vereinigung der ehemaligen politischen
Gefangen und Folteropfer der Pinochet-Diktatur am 19. März
2005 in Hamburg hielt.