Ein
bewegendes Zeugnis des Mordes an der armenischen Bevölkerung
in der Südosttürkei im Ersten Weltkrieg
Jakob Künzler
Im Lande des Blutes und der Tränen.
Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkrieges
(1914-1918)
Zürich: Chronos-Verlag 2004 (2.Auflage)
1895,
1909 und 1915/16 wurden auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs
viele Hunderttausend Armenier und Armenierinnen auf oft bestialische
Weise ermordet, Ereignisse, die auch hundert Jahre später
noch Stoff für erregte Debatten geben und bis heute von den
offiziellen Stellen der Türkei bestritten oder verharmlost
werden. Dadurch ist europaweit das Interesse an diesen Massakern
neu erwacht, die den großen polnisch-jüdischen Juristen
Rafael Lemkin schon lange vor dem Holocaust zur Prägung des
Begriffs Genozid veranlassten. Wer sich, jenseits des Streits
um Zahlen und geopolitische Hintergründe, ein Bild der damaligen
Geschehnisse machen will, verfügt über einige bemerkenswerte
Zeugnisse von Beobachtern. Neben dem umfangreichen Nachlass des
deutschen Pfarrers und Armenienspezialisten Johannes Lepsius sind
es vor allem die Schriften des Schweizer Laienmissionars Jakob
Künzler, der zusammen mit seiner Frau Elisabeth von 1899
bis 1922 im südostanatolischen Urfa arbeitete, die ein genaues
Bild der Verhältnisse in einem Brennpunkt des Geschehens
vermitteln. Der Armenienexperte Hans-Lukas Kieser hat Künzlers
zuerst 1921 in Potsdam veröffentlichte Schrift zusammen mit
einigen ausgewählten weiteren Notizen und einer eigenen kundigen
Einleitung neu herausgegeben.
Urfa,
das heute nahe der syrischen Grenze zu finden ist, gehörte
damals zur osmanischen Provinz Aleppo und war Durchgangspunkt
für den Verkehr mit Syrien und allen anderen arabischen Gebieten
des Reiches. In der kleinen Provinzstadt lebten vor allem Türken,
Kurden, Armenier und Araber. Künzler sprach die vier grundverschiedenen
Sprachen dieser untereinander vielfach verstrittenen, aber auch
verbundenen Völker und unterhielt gute Beziehungen zu allen
- nur so war während des Krieges seine humanitäre Arbeit
möglich. Trotz seiner Offenheit zu allen ethnischen Gruppen
schlug sein Herz zweifellos besonders für die Armenier, denen
ja auch die Arbeit der Mission in erster Linie galt. Deren Aufgabe
in Urfa bestand vor allem im Unterhalt eines Krankenhauses und
zeitweise von Kinder- bzw. Waisenheimen. Künzler war Zimmermann
und Krankenhelfer, bildete sich aber vor Ort medizinisch so weit
fort, dass er bald der gesuchteste Arzt der Region war, wenngleich
ihn das Fehlen eines "Diploms" immer wieder in große
Schwierigkeiten mit den Behörden brachte. Wie aus seinem
Bericht deutlich wird, war es nicht zuletzt die strikt an humanitären
Kriterien orientierte Ausübung seiner ärztlichen (und
administrativen) Arbeit, die ihm so großes Ansehen bei allen
Bevölkerungsgruppen einbrachte, dass er selbst noch während
der schrecklichen Massaker 1915/16 seine Arbeit nicht ganz einstellen
musste. In seinem Krankenhaus lagen Muslime und Armenier bis zuletzt
zusammen, ehe die systematische Verfolgung der Armenier durch
die türkischen Behörden auch vor seinem Spital nicht
mehr haltmachte. Hier und auch in den späteren Jahren erwiesen
sich die Künzlers als prinzipientreue Humanisten, die jedem
Bedrohten auch unter Lebensgefahr beizustehen suchten. Zugleich
aber bewiesen sie ein unglaubliches diplomatisches Geschick im
Umgang auch noch mit den fanatisiertesten Sprechern einzelner
Gruppen oder Behördenvertretern. Wenn er Leben retten konnte,
war Jakob Künzler fast jedes Mittel recht. Listigkeit und
wohldosierte Schmeichelei, kleine Erpressungen oder Bestechungen,
Flehen und Appelle an die Ehre und Großmut selbst noch von
Massenmördern, vor Nichts scheute er zurück, wenn auch
nur ein Menschenleben damit zu retten war. Oft allerdings genügte
schon seine persönliche Intervention, so groß muss
sein Ansehen gewesen sein. Außer den Künzlers gab es
sohl niemanden, der mit allen Bevölkerungsgruppen, und mit
Opfern und Tätern zu sprechen verstand. Ebenso Elisabeth
Künzler. In einem Kapitel beschreibt ihr Mann, wie die christliche
Missionarin zu Beginn des Krieges, also noch vor den neuen Massakern
an den Armeniern, eine Sammlung für den "Roten Halbmond"
organisierte, mit deren Ergebnis verwundete türkische Soldaten
versorgt werden sollten. Sie ging dafür im Wohngebiet der
Muslime von Haus zu Haus, in Gesellschaft einer vornehmen Türkin,
einer armen Araberin und einer etwas geistesgestörten Kurdin.
Solche tabuverletzenden und grenzüberschreitenden Aktivitäten
legten den Grund für das dichte Netzwerk aus persönlichen
Freundschaften und guten Beziehungen, das den Künzlers das
Überleben und Weiterarbeiten während des Kriegs ermöglichte.
Wenn heute wieder über die Bedingungen humanitärer Hilfe
in Bürgerkriegssituationen geklagt und reflektiert wird -
vor fast einem Jahrhundert hat ein Schweizer Missionarspaar sich
bereits intensiv damit auseinandergesetzt.
Wie
sah Künzler nun die Morde an der armenischen Bevölkerung?
Zunächst beobachtete er in Urfa wie zahlreiche Züge
von deportierten Armeniern, Männer, Frauen und Kindern durch
die Stadt und ihre Umgebung getrieben wurden. Später dann
musste er die Erstürmung und Zerstörung des armenischen
Viertels in Urfa selbst und die systematische Ermordung seiner
Bewohner miterleben, Schrecken, die seinen amerikanischen Freund
und Missionarskollegen F.H. Leslie in den Wahnsinn und Selbstmord
trieben. Die von der türkischen Armee und den Behörden
angeordneten Deportationen hatten, wie Künzler mit eigenen
Augen und aus vielen detaillierten Augenzeugen erfahren musste,
als Ziel die Vernichtung. Zu Tausenden türmten sich in der
Umgebung der Stadt die toten Körper von Menschen, die vor
Hunger und Durst und vor Erschöpfung starben, aber auch die
verstümmelten Leichname von grausam zu Tode gefolterten,
erstochenen, erschlagenen oder erschossenen Armeniern. Künzler
lässt keinen Zweifel daran, und musste es in mancher Verhandlung
mit den Behörden erleben, dass dies von oben angeordnete
Aktionen waren. Er konnte aber auch beobachten, wie sich die Bevölkerung
dazu verhielt. Entsetzt aber präzise beschreibt er, wie kurdische
oder türkische Gruppen die Todgeweihten ausraubten, von Wasserstellen
vertrieben, die Frauen massenhaft vergewaltigten und nackt in
die Wüste schickten, die ganze Palette extremer Grausamkeit,
wie sie sich einen Weltkrieg später im von den Nazis besetzten
Osteuropa wiederholte. Er konnte auch im Detail beobachten, wie
sich die "Sieger" des Hab und Guts der Ermordeten und
Vertriebenen bemächtigten, einschließlich der als Sklaven
in Besitz genommenen Kinder und jungen Frauen. Trotzdem bleibt
Künzler in der Beschreibung dieser Gräuel von einer
eigenartigen leidenschaftlich objektiven Sprache, lässt sich
nur gelegentlich zu pauschalierenden Verurteilungen hinreißen.
Seine genaue Kenntnis der verschiedenen Bevölkerungsgruppen
lässt ihn überall auch diejenigen sehen, die Schutz
boten, ihre Haustüren selbst bei großer Gefahr Flüchtlingen
nicht verschlossen, die Beamten, die weniger taten als ihnen befohlen
war, den Richter, der bis zuletzt das Gesetz gegen den Terror
der Militärbehörden ins Feld zu führen suchte.
Und die Armenier, für deren Schutz er sein eigenes Leben
und das seiner Familie in Gefahr brachte, geraten ihm gleichwohl
nicht alle zu vorbildlichen Charakteren, auch hier verschweigt
er nicht Verrat und Eigennutz.
Nach
dem Krieg schrieb er in einem damals nicht publizierten, jetzt
dem Buch angehängten kleinen Aufsatz sogar davon, dass alle,
Türken und Armenier ihren Teil der Schuld bekennen sollten,
damit sie versöhnt wieder zusammenleben könnten. Hier
erweist sich der große Humanist und scharfsichtige objektive
Beobachter dann allerdings als ein politischer Analytiker, der
sich allzusehr von einem humanistischen Idealismus mitreißen
lässt, der damals politisch keine Chance mehr hatte. Künzler
selbst hatte nach dem Krieg, 1922, in mehreren großen Trecks
Tausende von verwaisten armenischen Kindern aus Ostanatolien bis
in den Libanon geführt, und auf diesem gefährlichen
Weg ein letztes Mal seine diplomatischen Fähigkeiten und
sein enormes Ansehen einsetzen können: Als kurdische Gruppen,
die den Treck überfielen, seiner ansichtig wurden, stoppten
sie den Raubzug sofort und entschuldigten sich bei ihm. Dass Künzler
diesen Marsch in die Emigration später als Fehler bezeichnete,
und meinte, er hätte sich für ein Verbleiben der Armenier
einsetzen müssen, entspricht sicher nicht der Realität
(es war das gleiche Jahr, in dem auch die Griechen aus Westanatolien
vertrieben wurden), zeigt aber noch einmal grundsätzliche
Dilemmata humanitärer Hilfe auf. Dass Jakob Künzler
sich solche Fragen bis zuletzt stellte, macht zusammen mit seiner
unglaublichen Tatkraft als Arzt, Organisator, Diplomat und Lebensretter
seine Größe aus. "Im Lande des Blutes und der
Tränen" - der Titel ist übrigens nicht von Künzler
und passt nicht zu dem nüchternen Sprachstil des Buchs -
ist nicht nur ein wichtiges zeitgenössisches Zeugnis des
Mordes an den Armeniern im Osmanischen Reich, sondern auch der
Möglichkeiten und Grenzen humanitärer Hilfe. Jakob und
Elisabeth Künzler sollten nicht vergessen werden.
Rainer
Huhle