Gérard
Prunier: Darfur. Der "uneindeutige" Genozid, Hamburg
(Hamburger Edition) 2006, 275 Seiten
Ende
Februar 2007 erhob der Internationale Strafgerichtshof Anklage
gegen einen Minister der sudanesischen Regierung und ein führendes
Mitglied der von der Regierung unterstützten "Janjaweed"-Milizen,
die für den größten Teil der Morde in Darfur die
unmittelbare Verantwortung tragen. Die Anklage basiert auf umfassenden,
teils geheimen, Ermittlungen der Anklagebehörde des IStGH
auf der Grundlage der UN-Sicherheitsrats-Resolution 1593 vom März
2005, die den IStGH gemäß Artikel 13 des Römischen
Statuts erließ, worin er den IStGH zu Ermittlungen zur Situation
in Darfur aufgefordert hatte. Diese Anklage bedeutet nicht nur
rechtspolitisches Neuland, ist sie doch das erste Verfahren, das
beim IStGH gegen Vertreter eines Landes durchgeführt wird,
das dem IStGH nicht beigetreten ist und ihn nicht anerkennt. Sie
hat auch die Dynamik des Konflikts erheblich verschärft und
stellt die "Weltgemeinschaft" dringender denn je vor
die Frage, wie sie sich zu den massenhaften Morden und Vertreibungen
in Darfur verhalten soll.
Der
französische Historiker und Ostafrika-Spezialist Gérard
Prunier vom angesehen Centre National des Recherches Scientifiques
hat 2005 in Frankreich erstmals eine umfassende Darstellung der
Hintergründe und der Entwicklung der Morde in Darfur vorgelegt.
Das Buch wurde am Hamburger Institut für Sozialforschung
auf Deutsch herausgebracht und dabei um ein Kapitel ergänzt,
so dass die Entwicklung bis Mitte 2006 erfasst ist. Wer sich gründlich
über die politischen Entwicklungen im Sudan und den Nachbarländern,
aber auch über die ethnischen Verhältnisse und Konflikte
im Hintergrund der heutigen Situation informieren will, findet
kaum eine bessere Einführung als Pruniers Buch. Ebenso kenntnisreich
wie engagiert räumt Prunier hier mit gängigen Vorurteilen
von "Stammeskämpfen" u.ä. auf. Ziemlich niederschmetternd
fällt Pruniers Bilanz des Verhaltens von UNO, Afrikanischer
Union und anderen Organen der "Staatengemeinschaft"
gegenüber der sudanesischen Regierung aus, in der er - hier
die Ansicht des IStGH vorwegnehmend - die Hauptverantwortlichen
sieht. Seine Analyse der Motive der sudanesischen Regierung ist
komplex. Wirtschaftliche, innen- und außenpolitische und
erst zuletzt auch ethnische Motive spielen hier zusammen. Die
erstgenannten sind wohl auch die wesentlichen Gründe, warum
das Morden in Darfur zwar inzwischen ausführlich dokumentiert
wird, aber bisher zu keinen entscheidenden Schritten gegen die
Regierung in Khartoum geführt hat.
Ein
eigenes Kapitel widmet Prunier der Frage, ob das Geschehen in
Darfur als Völkermord zu bezeichnen ist. Die Verwendung des
"G-Worts" (für Genozid) ist ja im Fall Darfur ebenso
umstritten wie sie es seinerzeit im Fall Ruandas war. Pruniers
Haltung ist hier "uneindeutig", nicht konsequent. Zum
einen beteiligt er sich an der Diskussion, führt gar eine
eigene Definition ein, die die engen Grenzen der Definition in
der bis heute verbindlichen Konvention gegen den Völkermord
noch schärfer fasst, nämlich den Versuch der totalen
Vernichtung einer Gruppe voraussetzt. Dabei lässt er sich
auch auf die semantische Grenzziehung zwischen Genozid und "ethnischer
Säuberung" ein. Auf der anderen Seite denunziert er
die angeblich von den Medien produzierte Meinung, der Mord an
250.000 Menschen - inzwischen sind es noch mehr - im Rahmen eines
Genozids sei eine größere Tragödie als der Tod
der gleichen Zahl von Menschen durch andere Massaker, zu Recht
als zynisch. Statt hier die Schuld den Medien zuzuweisen, wäre
eine kritische Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit des
Völkermords angebracht, wie sie seit der Konvention von 1948
die juristisch-politische Diskussion beherrscht - und den Politikern
immer wieder Vorwand für semantische Diskussionen liefert,
um das Nichtstun zu und die dahinter stehenden Interessen zu bemänteln.
Solche fruchtlosen Debatten, das hat schon Ruanda gezeigt, könnten
durch die Politik gebannt werden. Das Statut des IStGH, das zwar
erneut dem Völkermord eine Sonderstellung als eigenen Tatbestand
gegenüber den Verbrechen gegen die Menschheit einräumt,
gibt durch eben diese Einreihung in die zu verfolgenden übrigen
Verbrechen gerade keinen Anlass, dem Völkermord größere
Aufmerksamkeit zu widmen als anderen Großverbrechen. Dem
hier aufgezeigten Weg gilt es in der Politik zu folgen.
Doch
um diese politisch-juristische Debatte geht es Prunier nicht in
erster Linie. Sein Buch konzentriert sich erfolgreich auf die
präzise Darstellung der Hintergründe und der Entwicklung
einer Lage, die nach wie vor Hunderttausende in die Flucht treibt
und mittlerweile auch in großem Umfang die Nachbarländer
und ihre Bevölkerungen tangiert. Dies leistet das Buch in
hervorragender Weise. Ein Glossar arabischer Begriffe und ein
Abkürzungsverzeichnis erleichtern die Lektüre des ohnehin
gut verständlich geschriebenen Werkes ebenso wie ein Index.
Rainer
Huhle