Eric
Stover: The Witnesses. War Crimes and the Promise of Justice in
The Hague
Pennsylvania University Press 2005, 230 Seiten
Internationale
Strafgerichtshöfe für Kriegsverbrechen, Völkermord
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dienen der Wahrheitsfindung,
der Gerechtigkeit und damit letztlich der Versöhnung. So
etwa lautet, extrem simplifiziert, die Formel, die in der Literatur
und den Medien über diese Gerichtshöfe häufig zu
hören ist. Der Mediziner und Menschenrechtsexperte Eric Stover
untersucht diese Thesen vom Standpunkt derjenigen aus, denen die
Arbeit dieser Gerichtshöfe u.a. zugute kommen soll: der Opfer.
Er wirft damit die grundsätzliche Frage auf, wem eigentlich
die Strafjustiz dient und dienen soll: den unmittelbaren Opfern
der Verbrechen der verfolgten Täter, oder der Gesellschaft
insgesamt. Im Mittelpunkt des Strafverfahrens, ob national oder
international, steht ja der Täter. Um dessen Bestrafung und
um die Wiederherstellung der von ihm verletzten Norm geht es dem
Gericht. Alles andere, eine Wahrheitsfindung in einem über
die Feststellung der jeweiligen individuellen Schuld hinaus, die
Herstellung von Gerechtigkeit in einem umfassenderen Sinn als
nur der Sühne der einzelnen Tat, oder gar die Versöhnung
zwischen Opfer und Täter bzw. in den Verfahren um politische
Grossverbrechen, zwischen ganzen gesellschaftlichen Gruppen, kann
allenfalls indirekte Folge eines Strafprozesses sein, ebenso wie
die oft behauptete heilsame Wirkung eines Prozesses auf die Psyche
der Opfer nach dem Motto der südafrikanischen Wahrheitskommission
Revealing is Healing.
Dennoch
ist die Optik, von der aus Stover seine auf der Befragung von
87 Opfern der verschiedenen ethnischen Gruppen der Kriege im ehemaligen
Jugoslawien basierenden Thesen entwickelt, die als ZeugInnen vor
dem Jugoslawientribunal der UNO (ICTY) aussagten, berechtigt und
wichtig. Anders als etwa in den Nürnberger Prozessen hat
man bei der Konstruktion des ICTY den Opfern und Zeugen eine bedeutende
Rolle eingeräumt und ihnen z.B. eine eigene Einheit innerhalb
des Gerichtes zur Seite gestellt. Stover hat in seiner Studie
herauszufinden versucht, wie die Opfer ihre Rolle im Prozess wahrgenommen
haben, wie sie den Wert der Prozesse für sich erlebten und
wie sie rückblickend (gewöhnlich bereits nach mehreren
Jahren) den Nutzen des Haager Gerichtshofs bewerteten. Die aus
der empirischen Untersuchung gewonnen Daten ergänzt der Autor
durch eine Reihe eigener Beobachtungen über die Funktionsweise
der Betreuung und des Schutzes von Opfern und ZeugInnen beim ICTY,
gestützt auch auf eine Reihe von Experteninvterviews mit
Angehörigen der verschiedenen Abteilungen des Gerichts. Das
Bild, das diese umfassende und neuartige Studie ergibt, ist vielfältig.
Trotz vielfacher Kritik an einzelnen Defiziten und zahlreichen
Erlebnissen von Enttäuschung zieht eine Mehrzahl der befragten
Opfer/ZeugInnen eine positive Bilanz.
Stovers
Schilderung der Befragungsergebnisse, die naturgemäss oft
auf hochemotionalen Gesprächssituationen beruhen, ist häufig
von starker Empathie mit den Befragten getragen. Wie gesagt, dies
ist wichtig und notwendig zu wissen, nicht zuletzt für die
beteiligten Akteure am ICTY oder auch dem ICC selbst. Gerade deshalb
sind die Schlüsse, die Stover aus seiner Untersuchung zieht,
etwas enttäuschend. Denn so sehr er die Wahrnehmung der von
ihm Befragten und die von ihnen geäusserte Kritik mitträgt,
so sieht er andererseits doch auch die objektiven Grenzen, die
Institutionen wie ICTY oder ICC aufgrund ihrer spezifischen Mandate,
aber auch Strafprozessen grundsätzlich gesetzt sind, was
die Beteiligung und Unterstützung der Opfer betrifft. Seine
Verbesserungsvorschlaege bleiben entweder sehr abstrakt oder berühren
Details, die am Ende das Bild kaum grundsätzlich ändern
würden.
Problematisch
an Stovers Untersuchung ist auch, dass er die Situationen von
Opfern und ZeugInnen methodisch nicht deutlich unterschiedet.
Während der Titel des Buches nur von "Witnesses"
spricht, sind diese ZeugInnen in Wahrheit alle zugleich Opfer.
Was von den Erfahrungen dieser Menschen am ICTY dann ihre Rolle
als ZeugInnen und ihre Situation als Opfer betrifft, wird nicht
mit der nötigen Sorgfalt unterschieden. Dass es die Betroffenen
selbst nicht tun, ist zweifellos verständlich, aber im Hinblick
auf mägliche Konsequenzen aus der Untersuchung wäre
es unbedingt notwendig, beide Aspekt klar zu unterscheiden.
Dennoch
ist "The Witnesses" eine unverzichtbare Lektuere für
alle, die ein Stück der schwierigen Wirklichkeit der internationalen
Strafgerichtshöfe sehen wollen, die sich nicht mit den schönen
Schlagworten von Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und
Heilung zufrieden geben. Dass Stovers Untersuchung einmal mehr
die problematischen Seiten dieser Verfahren beleuchtet, war überfällig,
zumal er es nicht in polemischer Weise oder gar denunziatorischer
Absicht tut. Indem Stover vor überzogenen und falschen Erwartungen
an die Strafgerichtshöfe warnt, tut er diesen, den dort auftretenden
Opfer/ZeugInnen und letztlich allen einen wichtigen Dienst.
Rainer
Huhle