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Richard W. Sonnenfeldt: Mehr als ein Leben. Vom jüdischen
Flüchtlingsjungen zum Chefdolmetscher der Anklage bei den Nürnberger
Prozessen. Bern (Scherz-Verlag) 2003, 288 Seiten
Heinz
Wolfgang Richard Sonnenfeldt wurde 1923 in dem konservativen preußischen
Städtchen Gardelegen bei Berlin geboren. In Nürnberg lernten
wir ihn in den letzten Jahren bei mehreren Veranstaltungen kennen,
deren Anlass bereits im Titel seines Buches genannt ist: Als junger
Mann von gerade 23 Jahren wurde er Chefdolmetscher des amerikanischen
Anklägers Robert Jackson im Nürnberger Prozess gegen die
Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes. Sehr lebendig, mit erstaunlichem
Gedächtnis und viel Humor erzählte der 80-Jährige
bei seinen Besuchen im historischen Saal 600 des Nürnberger
Justizpalastes (dem damaligen Gerichtssaal) und im Dokumentationszentrum
Reichsparteitagsgelände von seiner Arbeit bei diesem Jahrhundertprozess,
die ihm manchen aufschlussreichen Einblick in das Innenleben des
Prozesses, aber auch der Angeklagten erlaubten. Die vielen Fragen,
die ihm bei diesen Gelegenheiten, und auch bei späten Besuchen
in seiner Geburtsstadt Gardelegen gestellt wurden, motivierten Sonnenfeldt,
dieses Erinnerungsbuch zu schreiben.
Auch
das Buch ist vom Humor, der Lebensfreude und dem Selbstbewusstsein
des Autors geprägt, die er bei seinen Vorträgen ausstrahlt.
Als Jugendlicher gelangte Sonnenfeldt über England, Australien
und Indien in die USA, die ihm damals das gelobte Land erschienen,
und mit deren demokratischen Grundsätzen er sich auch heute
identifiziert. Der Umweg über Australien und Indien war keineswegs
freiwillig: Sonnenfeldt ereilte das Schicksal so manchen Flüchtlings
vor Hitler, der bei Kriegsbeginn, ohne Rücksicht auf den Grund
seiner Ausreise aus Deutschland, als "feindlicher Ausländer"
interniert wurde. Die schlimme Behandlung auf dem Internierungsschiff
und manch andere Diskriminierung schildert Sonnenfeldt ohne Larmoyanz
und Ressentiment, aber er verschweigt sie auch keineswegs. Sein
unbefangener Blick ins Auge der Wahrheit ist überhaupt ein
durchgehender Zug in Sonnenfeldts Erinnerungen, ebenso wie seine
Weigerung, sich als Opfer zu fühlen, auch wenn er objektiv
Opfer war. Seine jugendliche Energie, die bis ins hohe Alter reichte,
seine vielseitige Begabung und seine ungemein rasche Auffassungsgabe
erlaubten ihm, sich in jeder neuen Wendung des Schicksals schnell
zurechtzufinden. Den Blick zurück übte er so wirklich
erst im Alter, als junger Emigrant wollte Sonnenfeldt sich dort
bewähren, wohin es ihn verschlug, und in die Zukunft blicken.
Anders als etwa seine Eltern und viele andere Emigranten wollte
er sofort ein hundertprozentiger Amerikaner werden - und wurde es.
Aus seinen komplizierten Vornamen machte er ein amerikanisches "Richard
W.", sein Englisch war bald akzentfrei, und eine praktische
Lebensauffassung ohne Standesdünkel war ihm ohnehin zu eigen.
In
diesem Geist agierte Sonnenfeldt auch im Nürnberger Prozess.
Seine Neugierde auf Personen wie Göring überwog allemal
seine Abscheu, und so kam es zu erstaunlich nahen Interaktionen,
deren Schilderung sicher zu den interessantesten Passagen des Buches
gehört. Wo seine Urteile bisweilen fast naiv anmuten, sind
sie letztlich doch von nichts anderem als einer aufrechten Menschlichkeit
geprägt, die ihn auch immer wieder im Lauf seines Lebens fragen
ließ: Was hätte ich getan, wenn die Nazis mich nicht
ausgegrenzt, sondern an ihrem Wahn hätten teilnehmen lassen?
Und ebenso unbefangen stellt er in Frage, dass Opfer schon deswegen
besonders gute Menschen seien müssten, weil sie eben Opfer
sind.
Sonnenfeldts Buch wird in Deutschland vor allem im Hinblick auf
seine Tätigkeit als Dolmetscher und damit Zeitzeuge beim Nürnberger
Prozess rezipiert und vermarktet. Doch dieses eine Jahr seines Lebens
macht auch nur ein Kapitel im Buch aus. Das ganz Buch ist aber darüber
hinaus sehr lesenswert als Dokument eines Lebens, das die Schläge
der Vertreibung und Migration auf bemerkenswerte Weise in einen
positiven Lebensentwurf verwandelte. "Mehr als ein Leben"
zu haben, sah Sonnenfeldt immer als Chance, auch wenn diese zusätzlichen
Leben durch Leid und Unglück verursacht war. Insofern auch
ein Buch für das 21. Jahrhundert, in dem immer mehr Menschen
die von Sonnenfeldt gelebte Einstellung zu den Wechselfällen
des Lebens abverlangt wird.
Rainer Huhle
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