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Neue
Bücher zur Colonia Dignidad
Friedrich
Paul Heller: Lederhosen, Dutt und Giftgas : Die Hintergründe
der Colonia Dignidad, Schmetterlingverlag, Stuttgart 2005
Efrain
Vedder/Ingo Lenz: Weg vom Leben - 35 Jahre Gefangenschaft in
der deutschen Sekte Colonia Dignidad, Berlin: Ullstein 2005, 204
S.
Über
das deutsch-chilenische Folterzentrum Colonia Dignidad sind seit
Jahrzehnten immer wieder grausige Berichte publiziert worden. Das
wahre Ausmaß des dort Geschehenen ist aber erst in jüngster
Zeit, nach der Verhaftung des Gründers und Herrschers der Kolonie,
Paul Schäfer, zutage getreten. Neue Augenzeugenberichte wie
das Buch von Efrain Vedder und Ingo Lenz sowie das neue Buch des
Colonia-Dignidad-Experten Friedrich Paul Heller präzisieren
das Bild des Schreckens in diesem Lager, das lange genug vom Schleier
des Mysteriösen umgeben war. Wie sich herausstellt, war mit
der Colonia Dignidad alles viel simpler und schlimmer bestellt als
gedacht.
Friedrich
Paul Heller: Lederhosen, Dutt und Giftgas : Die Hintergründe
der Colonia Dignidad, Schmetterlingverlag, Stuttgart 2005
Jetzt,
wo es mit der Siedlung zu Ende geht, werden Mythen offensichtlich,
die sich um die deutsche Foltersiedlung Colonia Dignidad in Chile
gebildet haben. Die Sektensiedlung ist eben keine Nazi-Fluchtburg,
ihr Gründer Paul Schäfer kein Kriegsveteran, Strauß
hat sie nicht besucht und es gibt keine geheime Verschwörung,
die hinter Allem steht. Der Hintergrund dieser Siedlung, die so
viel Leiden und Tod gebracht hat, ist, wie das 2005 erschienene
Buch "Leserhosen, Dutt und Giftgas" zeigt, eine billiger
Krimi. Ihre Verbrechen sind, so das Buch, schlimmer als bisher bekannt.
Die
Führerfigur Schäfer kann man sich nicht trivial genug
vorstellen. Er ist ein berufsloser, ungehobelter Langschläfer.
Er ließ seine Anhänger abgetragene Sachen aus deutschen
Altkleidersammlungen tragen und lief selbst in Seidenhemden herum.
Die Siedler durften nur ein Mal in der Woche duschen; Schäfer
sammelte in seinem geräumigen Bad, in dem zwei Kloschüsseln
nebeneinander standen, Duftwässerchen und Schönheitsgels
an. Seine Predigten, die er spät nachts hielt, dauerten Stunden,
und als er älter wurde, schlief er dabei ein, während
die übermüdete Siedlergemeinde mucksmäuschenstill
wartete, bis er wieder aufwachte und weiter predigte. Aber er war
ein begnadeter Manipulator.
Zu
den Gründen, die aus der 1961 gegründeten Sektensiedlung
ein Folter- und Todeslager gemacht haben, zählt der mit der
Landnahme in einem abgelegenen Teil Chiles verbundene Totalanspruch.
Die Sekte wollte eine utopische urchristliche Gemeinde gründen,
in der nur ihre eigenen Gesetze galten. Das Geld wurde abgeschafft.
Die Siedlung war ein kleiner Ständestaat mit Elementen einer
Sklavenhaltergesellschaft. Die Religion wurde zum Herrschaftsmittel.
Schäfer, der ein sexuelles Monopol auf alle Jungen in der Siedlung
ausübte, kontrollierte und maßregelte alle sexuellen
Aktivitäten in der Siedlung. Im Siedlungskrankenhaus wurden
alle renitenten Mitglieder mit Psychopharmaka und Elektroschocks
zwangsbehandelt. Die Landnahme geriet zu einer Kolonisierung von
Körpern und Seelen der Siedler.
Dann
kam 1973 Pinochets Militärputsch. Schäfers antikommunistische
Sekte ging ein Bündnis mit dem chilenischen Geheimdienst DINA
ein. Die Colonia Dignidad, die längst ihre eigenen Verhör-
und Foltertechniken herausgebildet hatte, wurde zu einem geheimen
Lager des Militärs. Das Buch schildert Massaker und ein geheimes
Arbeitslager, über die der Autor F.P. Heller in seinem Buch
Colonia Dignidad : von der Psychosekte zum Folterlager (Schmetterlingverlag
Stuttgart 1992) zum ersten Mal überhaupt berichtet hatte. Heute,
fast eineinhalb Jahrzehnte später, ermittelt die Justiz in
dieser Richtung.
Neue
Informationen enthält ein Kapitel über Waffenschmuggel
und -Produktion der Colonia Dignidad. Neben illegalen Geschäften
mit konventionellen Waffen war die Sekte in die Vorbereitung eines
Krieges mit biologischen und chemischen Waffen verwickelt. Sie war
Teil eines militärisch-geheimdienstlichen Projektes, das sich
den Kampf gegen den Kommunismus auf der ganzen Welt vorgenommen
hatte. Das wichtigste Betätigungsfeld war das Ausspionieren,
Verhaften und Ermorden von Oppositionellen in den jeweiligen Nachbarländern.
Die USA und einige europäische Länder wurden zum vorgelagerten
Operationsgebiet dieser kontinentalen Konterrevolution. Die Colonia
Dignidad wurde, so der Autor, durch diese Entgrenzung "ein
frühes, wenn nicht das erste Beispiel für die Auslagerung
der staatlichen Folter in einen privaten und rechtsfreien Raum,
die ein Vierteljahrhundert später zur weltweiten Tendenz wurde."
Ein
Kapitel über die deutsche Botschaft in Chile und das Auswärtige
Amt zählt Doppelzüngigkeiten und sträfliche Vernachlässigungen
bis hin zur Komplizenschaft der Diplomaten mit der Schäfer-Sekte
auf. Erst 1985, als nach Berichten geflohener Siedler über
Misshandlungen von Deutschen durch Deutsche eine Neupositionierung
nicht mehr zu umgehen war, ging die deutsche Diplomatie gegen die
Colonia Dignidad vor. Das Buch belegt auch Verwicklungen des Bundesnachrichtendienstes
mit der Sekte.
Die
Colonia Dignidad war als nichtstaatliches Unternehmen früh
gezwungen, ihre eigene Straflosigkeit zu organisieren. Sie legte
ein umfangreiches Archiv an, um Freunde und Feinde erpressen zu
können. Sie wurde der schlimmsten Verbrechen beschuldigt und
schaffte es, mit Hilfe teuerer Rechtsanwälte zur Klägerin
zu werden. Sie vernichtete Beweise und baute zu ihrer Verteidigung
einen "Freundeskreis" auf.
Erst
nach Schäfers Verhaftung 2005 brach das Sektengefüge ein.
Die Veränderungen gehen langsam genug vor sich. Von Schäfers
utopischem Unternehmen sind zerbrochene Menschen ohne Zukunft übrig
geblieben.
Das
Buch folgt einer menschenrechtlich-didaktischen Fragestellung: Wie
wird ein Mensch zum Folterer? Es nähert sich einer Antwort
durch exemplarische Biographien und deren Milieu. Es lässt,
ohne die grausamen Details, eine Parade chilenischer und deutscher
Folterer und Mörder aufmarschieren. Einige der Deutschen waren
durch das repressive Sektenmilieu so geprägt, dass sie nach
dem Putsch bruchlos mit den chilenischen Geheimdiensten arbeiten
konnten. Statt des Teufels trieben sie nun den Kommunismus aus.
Zu den chilenischen Folterern zählt der Enkel einer von Stalin
gequälten Kosakenfamilie, der den Racheengel spielt [link Krassnoff!!].
Der Geheimdienstler Osvaldo Heyder konnte Mord und Folter nicht
billigen, rettete einige Gefangene und büßte dafür
mit seinem Leben.
Diese
Methode, in kompakten biographischen Abrissen die Motivationen und
Hintergründe von Tätern auszuleuchten, verschiebt gelegentlich
die Erzählperspektive von den Opfern zu den Tätern. Das
Buch schildert z.B. eine Demonstration von Angehörigen "verschwundener"
Gefangener vor dem Tor der Siedlung nicht aus der klassischen Journalistenperspektive
(hinter der Polizei), sondern, dem Bericht eines Aussteigers folgend,
von der anderen Seite des Zaunes aus. Solche etwas beklemmende Perspektivwechsel
tragen zu einer im Schlusskapitel versuchten Antwort auf die Anfangsfrage
bei, wie ein Mensch zum Folterer wird. Die Colonia Dignidad wird
als moralphilosophisches Realexperiment gedeutet, bei dem ein "moralischer
Äquator" die Schrumpfmoral Schäfers von der der Umwelt
trennt. Es gab keine moralvermittelnden Instanzen, und selbst die
Bibel war zensiert. Dennoch hatten die Bewohner ein Wissen von Gut
und Böse, und die Täter hatten die Möglichkeit, sich
anders zu entscheiden. Lederhosen, Dutt und Giftgas ist das erste
Buch zur Colonia Dignidad, das nach der Verhaftung Paul Schäfers
geschrieben wurde.
Norbert
Niemann
Efrain
Vedder/Ingo Lenz: Weg vom Leben - 35 Jahre Gefangenschaft in
der deutschen Sekte Colonia Dignidad, Berlin: Ullstein 2005, 204
S.
Efrain
Vedder hieß eigentlich José Efraín Morales Norambuena.
Ein paar Wochen nach seiner Geburt wurde er von seinen chilenischen
Eltern wegen eines Fiebers ins Krankenhaus der deutschen Siedlung
Colonia Dignidad in der Nähe von Parral im Süden von Chile
gebracht. Paul Schäfer, der brutale Päderast und "Führer"
der Sektensiedlung mit dem perversen Namen "Colonia Dignidad"
gab ihn nicht mehr zurück. Fortan war er "der Hans"
und musste Kindheit und Jugend im Zwangssystem der Kolonie verbringen.
Erst mit 35 Jahren, im Jahr 2002, schaffte er den Absprung. "Weg
vom Leben" ist der erste authentische Bericht aus dem Innenleben
der Colonia. Vedders Bericht hat keine politischen Absichten, in
mancher Hinsicht wirkt er geradezu naiv. Darin spiegelt sich, wie
der Autor selbst beschreibt, auch die fast totale Abschottung von
der Außenwelt während des Zwangsaufenthalts in der Kolonie.
Vielleicht ist es gerade diese Schlichtheit der Erzählung,
die die Lektüre so erschütternd macht. Unbegreiflich bleibt,
wie das potemkinsche Dorf, die "Villa Baviera", wie die
Kolonie sich auch gern nannte, über Jahrzehnte nicht nur beste
Beziehungen zu den chilenischen Behörden pflegen konnte, sondern
auch zur deutschen Botschaft und Politik. Von den politischen Verbindungen
des in Deutschland ursprünglich schon per Haftbefehl wegen
Missbrauchs gesuchten Schäfer, von den Folterungen und dem
Verschwinden Oppositioneller in der Kolonie erfährt man, wie
könnte es anders sein, aus Vedders Buch nur Bruchstücke.
Wie es möglich war, dass das Terrorsystem des Paul Schäfer
und seiner fanatisierten Anhänger das Ende der Regierung seines
Schutzherrn Pinochet noch eineinhalb Jahrzehnte überdauern
konnte, trotz des von Vedder beschriebenen allmählichen Wandels
der Einstellung der chilenischen Behörden, bleibt unfassbar.
Erst im November 2004 wurde der "tío" gefasst und
steht nun vor Gericht. Man muss gespannt sein, was dabei noch zu
Tage kommt.
Rainer
Huhle
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