Thomas
Buergenthal: Ein Glückskind, Frankfurt (S.Fischer) 2007,
272 Seiten
Am
19. April 2007 verlieh die Juristische Fakultät der Universität
Göttingen dem amerikanischen Völkerrechtler Thomas Buergenthal
die Ehrendoktorwürde. Keine aufsehenerregende Meldung, könnte
man meinen, schließlich ist Buergenthal Autor zahlreicher
vielzitierter juristischer Fachwerke, war Gründungsmitglied
des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofs (wo er 12 Jahre
als Richter, zuletzt als Präsident des Gerichts tätig
war) und ist derzeit Richter am internationalen Gerichtshof in
Den Haag. Solchen Koryphäen verleiht jede Universität
gerne Ehrendoktorhüte.
Um
zu verstehen, dass es sich bei der Göttinger Auszeichnung
um mehr handelt, muss man Thomas Buergenthals jüngstes Buch
lesen, das so gar nichts mit seinen juristischen Fachbüchern
gemein hat. Mehr als 60 Jahre hat der heute 76-jährige Autor
gezögert, seine Kindheitserinnerungen zu Papier zu bringen.
"Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch
überlebte und ein zweites Leben fand", fasst der Untertitel
des Buches diese Kindheit zusammen, die Buergenthal nach seiner
Auswanderung 1951 in die USA hinter sich gelassen hat, ohne sie,
wie er schreibt, natürlich je abschütteln zu können,
schon gar nicht mit der Nummer B-2930 auf dem Arm eintätowiert.
Dass Buergenthal als erfolgreicher Jurist sich nicht den lukrativen
Möglichkeiten dieses Standes in den USA zuwandte, sondern
schon bald zu einem der wichtigsten Menschenrechtsjuristen in
den USA und darüber hinaus wurde, hängt zweifellos mit
seiner Lebensgeschichte zusammen, und doch haben nur wenige davon
gewusst, denn Buergenthal hat zwar, wie er selbst sagt, nie die
Scheu vieler Überlebender der NS-Vernichtungslager empfunden,
über diese Jahre zu sprechen, doch offenbar wollten nicht
viele Menschen, angefangen bei seinen Kindern, sie hören.
Und wenn man sein Buch liest, das in kaum fassbarer Nüchternheit
und Unbefangenheit auch die entsetzlichsten Erlebnisse dieser
Kindheit beschreibt, dann begreift man nur schwer, wie der Autor
selbst nach so langen Jahren die Abgeklärtheit, und oft genug
sogar Anflüge sanfter Ironie aufbringt, die seinen Erzählstil
auszeichnen. Vielleicht liegt es daran, dass Buergenthal viel
Mühe darauf verwendet, seine damaligen Gefühle zu erinnern,
sie auch dann offen zu legen, wenn sie seinen heutigen moralischen
Überzeugungen widersprechen. Und dass diese Gefühle
schon damals widersprüchlich waren. Denn was ihn die extremste
Form der Barbarei überleben ließ, war eine Serie von
Ereignissen, die dem Buch zu seinem merkwürdigen Titel verhalfen:
eine Kette von glücklichen Momenten, Glück im Doppelsinn
des deutschen Wortes: eine Reihe von glücklichen Zufällen,
vor allem aber von glücklichen Begegnungen mit Menschen,
die dem Kind im entscheidenden Moment halfen, fremden Menschen
unter den Mithäftlingen und gelegentlich sogar den Peinigern,
die dem kleinen "Tommy" seinen Gang durch das Ghetto
von Kielce, durch Auschwitz und Birkenau, auf dem Todesmarsch
von Auschwitz nach Sachsenhausen, wo ihm zwei erfrorene Zehen
amputiert wurden, und schließlich auf dem Rückweg nach
Polen durch die Fronten der letzten Kriegstage das Überleben
ermöglichten. Nicht nur physisch haben diese winzigen Taten
von Menschlichkeit dem Kind zum eigentlich unmöglich scheinenden
Überleben verholfen. Wer so beschützt wurde, der versteht
nicht nur, wie Buergenthal schreibt, "auch gefühlsmäßig,
was es heißt, ein Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu
sein." Der kann auch in heutigen Zeiten, wo seine eigene
Regierung und andere den Menschenrechtsschutz wieder zurückzudrehen
versuchen, gelassen erklären: "Sie mögen sagen,
ich bin ein Idealist, das ist ein blöder Kerl - aber ich
habe eben einen Grund dafür, optimistisch zu sein."
(Interview in der taz vom 12.4.2007)
Gleichwohl
verzichtet Buergenthal darauf, nun den Bogen von seinen Kindheitserinnerungen
zu seiner Arbeit als Menschenrechtsjurist zu (über)spannen.
Das Buch endet mit seiner Auswanderung als 17-Jähriger in
die USA. Schließlich muss man nicht durch Auschwitz und
Sachsenhausen gegangen sein, um Menschenrechtsverteidiger zu werden.
Dies, so erklärt uns Buergenthal lakonisch, war sein zweites
Leben.
Rainer
Huhle