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Gabbert,
Karin u.a. (Hg.): Neue Optionen lateinamerikanischer Politik. Jahrbuch
Lateinamerika 29. Verlag westfälisches Dampfboot, Münster
2005. 201 S.
Von den Schwierigkeiten
eines "anderen Lateinamerika"
Ist ein anderes
Lateinamerika möglich? Diese Frage ist der Leitfaden des Jahrbuchs
Lateinamerika Nr. 29. Als Reaktion auf drei Jahrzehnte Militärregierungen
und Neoliberalismus hat es in Ländern wie Venezuela, Brasilien,
Argentinien, Uruguay, Chile und Bolivien Machtverschiebungen gegeben,
die man etwas vage als "Linksrutsch" bezeichnen kann.
Welche Reformpotentiale haben diese Länder und welche politischen
Spielräume ihre Regierungen?
Die in Brasilien
regierende Arbeiterpartei und Präsident da Silva (Lula) stellten
sich nach ihrem historischen Wahlsieg 2003 den wirtschaftspolitischen
Realitäten und setzte auf Stabilität statt permanenter
Mobilisierung ihrer Anhänger. Der aus der Gewerkschaftsbewegung
hervorgegangenen Lula ist ein "Moderator der Widersprüche"
der brasilianischen Gesellschaft. Eine Zwischenbilanz seiner bisherigen
Politik lässt auch bei vorsichtigem Optimismus daran zweifeln,
ob dieses lateinamerikanische Schlüsselland die Macht des nationalen
und internationalen Kapitals zu zähmen in der Lage ist.
Der argentinische
Präsident Néstor Kirchner ist das Resultat der Wirtschaftskrise
des Landes von 2001/02, während der das Land seine Zahlungsunfähigkeit
erklären musste. Aus dem Staatsbankrott hat Kirchner einen
Trumpf bei den Neuverhandlungen mit den Schuldnern gemacht (dem
Nackten kann man nicht in die Tasche greifen) und Maßstäbe
gesetzt, die zum Modell für ähnliche Fälle werden
könnten. Die im argentinischen Fall sichtbar werdende Krise
der neoliberalen Hegemonie hat den politischen Spielraum der betroffenen
Länder und ihrer Regierungen erhöht. Die Macht, ohne die
ein radikaler Bruch mit Armut und Unterentwicklung nicht möglich
ist, haben aber immer noch die nationalen Bourgeoisien und die internationalen
Finanzmärkte.
In Argentinien
und Brasilien setzen die Reformregierungen auf einen stärkeren
Staat, der aber durch die Privatisierungspolitik der neoliberalen
Ära viele seiner Regelungsinstrumente (Energie- und Versorgungssektor,
Rentensystem) verloren hat, verschuldet ist und von Lobbys gelähmt
wird. In vielen Landesteilen sind staatliche Behörden kaum
präsent. Der "Neopopulismus" (Boeckh) des venezuelanischen
Präsidenten Hugo Chaves könnte ein Abgleiten in ein autoritäres
Regime mit sich bringen. Die Gewinne aus dem Ölexport werden
klientilistisch und an staatlichen Stellen vorbei unter der verarmten
Bevölkerung verteilt, aber nicht in Anlageinvestitionen geleitet,
wodurch die Abhängigkeit vom Ölexport gesteigert und die
Zukunftsfähigkeit der chavinistischen "Revolution"
in Frage gestellt wird.
In Bolivien,
das keine starke nationale Bourgeoisie hervorgebracht hat, prallen
die unterschiedlichen regionalen und sozialen Interessen seit jeher
aufeinander und haben zu allzuhäufigem Regierungswechsel geführt.
Stabile Phasen gab es während Banzers Militärdiktatur
und dem Neoliberalismus, der kontinuierliche Wirtschaftsbedingungen
brauchte. Der Versuch, die sozialen Proteste dauerhaft einzufrieden
und konstruktiv zu wenden, haben zum Mitte der neunziger Jahre eingeführten
Projekt der participación popular (Volksbeteiligung) geführt,
das in der Diskussion um eine geplante neue Verfassung eine wesentliche
Rolle spielt. Im Kern geht es dabei um Dezentralisierung. Die protestierenden
Bauern, Indios oder Konsumenten sind allerdings Teil einer autoritär
strukturierten politischen Kultur mit lediglich rhetorischen Alternativen,
und es steht zu befürchten, dass die Veränderungspotentiale
in einem Teufelskreis gegenseitiger Blockaden verpuffen. Positiver
schätzt ein Beitrag das zapatistische Experiment in Mexiko
ein. Hier allerdings hat sich die indigene Bevölkerung Freiräume
auf Gebieten (Gesundheit, Erziehung) erobert, um die der Staat sich
ohnehin nie wirklich gekümmert hat und die er heute liebend
gern privaten Initiativen überlässt.
Der aus der
Krise des Neoliberalismus entstandene "Linksruck" einiger
lateinamerikanischer Länder ist also recht disparat, und an
seiner Zukunftsfähigkeit sind Zweifel angebracht. Die Autorinnen
und Autoren des Bandes sehen zwei Ansätze für ein "anderes
Lateinamerika": Sich stabilisierende bilaterale Wirtschaftsbeziehungen
oder multilaterale lateinamerikanische Binnenmärkte und eine
dauerhafte politische Präsenz der marginalisierten Mehrheiten.
So bleibt als
Antwort auf die Frage nach einem anderen Lateinamerika der an die
Regierenden gerichtete Schlachtruf vieler Protestbewegungen "Que
se vayan todos" (Ihr könnt alle abhauen), der sich wie
ein roter Faden durch das Buch zieht. Das Machtvakuum, das durch
die Proteste entsteht, wird von einer neuen Elite gefüllt,
die hinter ihrem Banner die alten klientilistischen, personalistischen
und autoritären Strukturen einherschleppt. Solange das so ist,
ist kein anderes Lateinamerika möglich.
Dieter Maier
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