Buchbesprechung:
Micha Brumlik
"Wer
Sturm sät
Die Vertreibung der Deutschen"
Erschienen 2006 im Aufbau-Verlag, 300 S.
Mit dem
ZDF-Film über die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen in
diesem Frühjahr erreichte die öffentliche und private Erinnerung
eine große Übereinstimmung, ein Ziel, das die offizielle Erinnerungspolitik
mit ihrer Thematisierung fremden, oft von deutscher Politik verursachten
Leides selten erreicht. Immer stärker werden inzwischen "deutsche
Leidensgeschichten" ins Bild gerückt. Hier mag ein vielleicht
nachvollziehbarer Nachholbedarf wirksam werden. Soll dabei allerdings die
Perspektive des "Zentrums gegen Vertreibungen" eingenommen werden,
die im Kern darin besteht, die Vertreibungen in die Kette der Völkermorde
des 20. Jahrhunderts einzureihen? Einen umfassenden Beitrag zu dieser Frage
hat der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, vorgelegt.
"Eine
Streitschrift für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur"
Die Katastrophe, die über die Deutschen in den "ehemaligen Ostgebieten
ab dem Winter 1945 hereinbrach, ist inzwischen nicht mehr nur als private
oder nur von den Vertriebenen-Verbänden zelebrierte Erinnerung in Deutschland
präsent. Unter den Linksintellektuellen hat der Politikwissenschaftler
Claus Leggewie den Mut gehabt, den deutschen Opfern gegenüber Mitleid
zu zeigen ("Nachgetragenes Mitleid", Steidl-Verlag 1994). Inzwischen
hat die öffentliche Repräsentation der Erinnerung und Trauer durch
drei Entwicklungen eine Zuspitzung erfahren:
- durch eine Erinnerungspolitik, die das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin betreibt,
- durch die Rückkehr der Politik "ethnischer Säuberungen" nach Europa in den jugoslawischen Bürgerkriegen
- und durch die auf Dauer doch nicht abweisbare Frage nach dem Unterschied zu Flucht und Vertreibung der Deutschen ab dem Winter 1945 aus der Tschechoslowakei und Polen einerseits und der Vertreibung der Palästinenser 1947/48 andrerseits.
Für Micha Brumlik
ist die Frage nach einer für alle vertretbaren, an universalistischen
Maßstäben orientierten Erinnerungsmoral in Deutschland auch eine
existenzielle Frage. Der in Frankfurt lebende Publizist und Wissenschaftler
wurde 1944 in der Schweiz geboren, wo seine aus Hessen stammenden Eltern
ein Asyl-Heim leiteten. Er wuchs in Frankfurt auf, versuchte in den 60er
Jahren in Israel zu leben und kehrte danach nach Deutschland zurück.
In der Folge der Studentenbewegung wurde er als Schüler des Pädagogen
Klaus Mollenhauer und als Autor in der sozialistischen Zeitschrift "links"
bekannt. Nach seinem autobiografischen Text "Kein Weg als Deutscher
und Jude" verbietet sich ausdrücklich das Etikett "Deutscher
Jude". Seine Anstrengungen richten sich auf die Überwindung einer
partikular-nationalen Identität in Deutschland hin zu einer an Menschenrechten
orientierten Moral. Dieses Ziel hat Brumlik auch als Leiter des Frankfurter
"Fritz-Bauer-Instituts zur Erforschung des Holocaust" verfolgt
(2000 - 2005). Zur Theorie und Praxis der Menschenrechtsbildung in Deutschland
liegt von ihm das Buch "Aus Katastrophen lernen?" vor.
Der Autor geht vom Trauma
vieler Deutscher durch Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung aus und betont,
dass nach heutigen menschenrechtlichen Kriterien die Vertreibungspraxis
verbrecherisch war. Aber war sie ein Völkermord? Kann sie in die Völkermord-Genealogie,
vergleichbar dem Genozid an den Armeniern 1915, eingeordnet werden?
Mit ihren Antworten positioniert sich Brumliks Streitschrift in der Auseinandersetzung
um das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Sie kann auch als Auseinandersetzung
mit der Entwicklung der Vertriebenenverbände, insbesondere auch mit
seiner Frankfurter Mitbürgerin Erika Steinbach gelesen werden. Dazu
ist erst einmal eine saubere und differenzierte Darstellung der historischen
Entwicklung nötig. Wer sich diesen Aspekt der deutschen Politikplanung
noch nicht so genau vergegenwärtigt hat, erfährt Detailliertes
über die in Angriff genommene völkische Raumordungspolitik, die
verschiedenen Phasen der "Umsiedlungspolitik" der Alliierten und
der polnischen und tschechischen Regierung, aber auch über die Illoyalität
der Sudentendeutschen in der Zwischenkriegszeit gegenüber der jungen
Tschechoslowakei. Brumlik nutzt neben den bekannten Quellen (Götz Aly,
Alfred M. de Zayas) amerikanische und britische Autoren, aber auch aktuelle
Einschätzungen wie die des jüngst verstorbenen Peter Glotz, der
ja aus Eger stammte.
Mit Blick auf diese Vorgeschichte und angesichts der Konstellation der Nachkriegszeit
hat - so Brumlik - "das geforderte Recht auf Heimat niemals eine rationale
politische Form gefunden". Mit deutlicher Kritik begegnet Brumlik dem
erinnerungspolitischen Konstrukt, mit dem Erika Steinbach das "Zentrum
gegen Vertreibungen" legitimiert. In "missbräuchlicher Verwendung
der vergleichenden Genozidforschung" wird die Flucht und Vertreibung
der Deutschen in eine Reihe mit dem Völkermord an den Armeniern gestellt,
wo doch die eine in Vernichtung, die andere im zumindest sicheren und freien
Westen endete. Die Inanspruchnahme von Völkerrecht und Menschenrechten
dient dabei einer unmerklichen Verschiebung: Der Erinnerung an die Opfer
deutscher Völkermordpolitik wird ein anderer Völkermord an die
Seite gestellt: die Menschen, die als Deutsche vertrieben wurden, seien
selbst Opfer eines Völkermordes geworden. Erika Steinbach behauptet
zum Beispiel in einer Rede zum 3. Oktober 2004, dass während der Verhandlungen
vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal wegen Deportation und Zwangsarbeit
"nahezu zeitgleich die gleichen Verbrechen ein weiteres Mal in Mittel,
-Ost- und Südeuropa stattfanden". Brumlik hält gegen Steinbach
aber um der historischen Wahrheit willen, trotz aller Empathie für
die deutschen Opfer der grausamen Menschenrechtsverletzungen daran fest,
dass hinter der Vertreibungspolitik nicht das Ziel einer systematischen
Vernichtung stand und dass es einen Unterschied macht, ob die Züge
in Sachsen und Bayern oder in einem Vernichtungslager zum Stehen kamen.
Nach dem Jahrhundert
von Völkermord und Vertreibung, angesichts der "kulturindustriellen
Globalisierung des Holocaust" (Brumlik) und der Frage nach einer gemeinsamen
europäischen Gedenkkultur, aber auch in menschenrechtspolitischer Hinsicht
hält Brumlik eine "Theorie des Völkermordes" für
unerlässlich. Sie sollte ihren Ausgangspunkt bei Rafael Lemkin nehmen,
der sich seit Beginn der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts um eine "begriffliche
Klärung und politisch-strafrechtliche Ahndung des Genozid" bemüht
hat. (Nach Lemkin, einem polnischen Juden, der in die USA emigrierte, ist
das "Zentrum für Genozidforschung" in Bremen benannt. Brumlik
widmet ein Kapitel seines Buches der Geschichte der Völkermord-Verbrechen
der Nachkriegsgeschichte. Auch wenn Genozide nicht mehr an zwischenstaatliche
Konflikte gebunden sind - eine Entwicklung, die Lemkin betont - werden sie
doch durch Kriege verschärft oder im Schatten von Kriegen begangen.
Bewaffneter menschenrechtlicher Interventionismus angesichts von Völkermorden
hat in dieser Sicht auch regelmäßig zu Konflikt-Verschärfung,
zur Vertreibung und zur Brutalisierung von ethnischen Konflikten beigetragen.
Wie sollen wir uns heute der Opfer von Völkermord in Deutschland erinnern?
Brumlik nähert sich der Frage, indem er die Rede untersucht, die Ralph
Giordano ("Die zweite Schuld") 2002 auf dem Berliner Vertriebenen-Treffen
hielt. Dessen Überlegungen gehen von der zentralen Unterscheidung zwischen
Trauer einerseits und Anteilnahme andrerseits aus. Giordano versicherte
den Vertriebenen seine Anteilnahme und seinen Respekt, aber authentisch
trauern über Leid und Tod lässt sich nur gegenüber Menschen,
die einem nahe standen und die man kannte. "Giordanos bedeutende Einsicht
besteht in der Erkenntnis, dass die moralisch gebotene und politisch sinnvolle
Empathie andrer Natur ist als jene Empathie, die wir mit unsern Nächsten,
mit Kindern, Freunden und Verwandten empfinden." Die Gleichsetzung
von Anteilnahme und Respekt mit Trauer war und ist für Brumlik dagegen
ein falsch tönender "basso ostinato der deutschen Gedenkkultur".
"Die Vertreibung
der Deutschen und das palästinensische Flüchtlingsproblem":
Brumlik scheut sch nicht vor der Verknüpfung der Fragestellung, die
meist in polemisch-antiisraelischer Absicht formuliert wird. Ihm sind dabei
drei Punkte wichtig:
1.
Zentral für die Konfliktlösung ist eine Klärung des Rückkehrrechts.
Dazu muss Israel eingestehen, dass es in der Gründungsphase des Staates
eine Art Masterplan des Generalstabs für die Vertreibung der Palästinenser
gab. Brumlik nennt diese Politik "ethnische Säuberung".
2.
Als nicht unbedingt besonders moralische, aber klare rechtliche Lösung
betrachtet Brumlik die in der Genfer Initiative von 2005 entwickelte Perspektive:
"Neu und Bahn brechend ist, wie die Problematik der Wahl des ständigen
Wohnortes der Flüchtlinge behandelt wird." Der in diesem Zusammenhang
sinnlose Begriff des "Rechtes auf Heimkehr" wird vermieden, denn
er gälte ja nur für die Kinder und Enkelkinder, die ihre Heimat,
wenn überhaupt, woanders haben. Ich will diesen Punkt des Genfer Vorschlags
mit einem längeren Zitat Brumliks vorstellen:
"Der Entwurf unterscheidet fünf Kategorien von Ländern, bezüglich
derer die Flüchtlinge und ihre - so muss man wohl sagen - nachgeborenen
Familien unterschiedlich verbürgte Ansprüche haben.... Während
das Wohnrecht in Palästina und in den durch Landtausch mit Israel hinzugekommenen
Territorien unbedingt gilt, unterliegt die Wahrnehmung des Rechts auf einen
Dauerwohnsitz in Bezug auf gegenwärtige Aufenthaltsländer (Israels
Nachbarländer, also Drittländer von Marokko bis Kuwait und den
Emiraten) sowie in Israel selbst dem souveränen Ermessen dieser Länder.
Israel wird also wie ein Drittland behandelt, dessen souveränem Ermessen
es unterliegt, wie viele Flüchtlinge es repatriiert. Der Clou des Vorschlages
ist, dass eine Internationale Kommission darüber wacht, dass das dauernde
Bleiberecht an eine festgelegte Repatriierungsquote gebunden ist: Israel
nimmt in Relation zu den anderen arabischen Ländern auf."
3.
Wer in diesem Konflikt das Symbol arabischer Erniedrigung durch den Westen
schlechthin sieht, denkt ideologisch und sieht die realen Probleme der arabischen
Länder nicht:
Entwicklungsprobleme und reales Demokratiedefizit, gewaltiges Bevölkerungswachstum
und defizitäre Bildungssysteme, ungenügend entwickelte Zivilgesellschaften,
Abhängigkeit der Volkswirtschaften vom Öl, ungenügend entwickelte
Landwirtschaft: All das hat nicht das Mindeste mit dem Palästinakonflikt
zu tun. Ein Beitrag zur Lösung des Palästinaproblems wäre
also eine Ent-Ideologisierung der arabischen Politik.
Otto Böhm