Das
Kopftuch oder die Möglichkeiten antirassistischer Erziehung
Sabine
Schiffer, November 2003
Medienpädagogik
Es ist schon
paradox: Da wollen wir die Musliminnen befreien und die wollen
gar nicht. Da geht doch eine hin und klagt darauf, ihr Kopftuch
tragen zu dürfen. Ist es nicht das Symbol weiblicher Unterdrückung
schlechthin? Inzwischen ist die Bedeutung dieses Stückchens
Stoff dermaßen überfrachtet, dass auch richterliche
Entscheidungen ihm kaum neutral gegenüberstehen können.
Inzwischen hat das Tuch so viele Bedeutungen angenommen, dass
die Karlsruher Richter vor einem klärenden Grundsatzurteil
anlässlich der Klage Fereshta Ludins zurückgeschreckt
sind, obwohl sie es irgendwann werden fällen müssen.
Es ist aber auch nicht leicht, sich an seinen eigenen Maßstäben
messen zu lassen. Viel leichter ist es da in die EU-anwartende
Türkei zu blicken, die ein solches Kopftuch in keinem öffentlichen
Amt oder gar Gebäude dulden würde. Dabei übersieht
man leicht, dass es sich hierbei um einen laizistischen Staat
handelt, was die Bundesrepublik nicht ist. Somit hinkt der Vergleich
und sagt lediglich aus, dass man religiöse Symbole - wozu
das Kopftuch degradiert wurde - aus staatlichen Institutionen
heraushalten kann.
Eine solche
Entscheidung setzt eine sachliche Diskussion voraus, die alle
religiösen Symbole umfasst, aber genau diese ist hier nicht
zu erwarten. Denn das Kopftuch hat schon eine lange Karriere hinter
sich. Vor allem seit der Machtübernahme Khomeinis im Iran
1979 ist es nicht mehr nur auf dem Kopf, sondern in aller Munde.
An seiner Beschaffenheit machen wir den Grad der Freiheit fest,
den seine Trägerinnen angeblich genießen. Als Symbol
für die Unterdrückung der muslimischen Frau durch den
Islam, vertritt es gleichzeitig noch die Repression, die man dem
Islam allgemein zutraut. Der Zunahme an Symbolen wie Kopftuch
und Bart steht eine zunehmend stereotype Wahrnehmung gegenüber,
die sich seit dem 11. September für wahr erklärt zu
haben scheint: Äußere Zeichen des Islams als offensichtliche
Zeichen der Ablehnung westlicher Kultur- und Demokratieverständnisse.
Nun gibt es solche Ablehnung ja tatsächlich, aber nicht unbedingt
äußerlich erkennbar - und wie kann man der Verallgemeinerungsfalle
entgehen? Aus der Psychologie ist bekannt, dass Ablehnung die
radikalen Kräfte stärkt. Die Anstrengungen derjenigen,
die sich um eine realistische Einordnung des Islams in Europa
bemühen, werden damit torpediert.
Dabei ist
die Symbolüberfrachtung des Kopftuchs durchaus hausgemacht.
Frau Ludin selber betont immer wieder ihre religiöse Selbstfindung
und die Symbolhaftigkeit ihres Kopftuchtragens. Dabei würde
der Hinweis auf die kulturelle Eigenheit schon ausreichen, die
persönliche Schamgrenze betreffend Oder würden wir etwa
in Kulturen, die sich nackt präsentieren, ohne oder mit wenig
Bekleidung leben und arbeiten - um uns der Umgebung anzupassen?
Würde die persönliche Schamgrenze im Vordergrund der
Diskussion stehen, wäre selbige eine ganz andere. Jetzt müssen
wir uns mit religiöser Toleranz auseinander setzen und zwar
auf beiden Seiten. Eine bundeseinheitliche Regelung ist dabei
notwendig, weil dies die Frage der Trennung von Religion und Staat
betrifft. Darum werden die Gesetzesversuche der Länder auch
wieder beim Bundesverfassungsgericht landen, weil sie das Grundgesetz
selbst betreffen. Schön, wenn die Verfassungsrichter diese
Arbeit gleich erledigt hätten und nicht erst rassistischen
Polemikern ein Forum öffentlichen Konflikt-Schürens
geboten hätten.
Wie real ist
die Gefahr? Gibt es wirklich eine Überfremdung? Wird sich
hier nicht unsere Geschichte dahingehend wiederholen, dass man
sich irgendwann wundert, wie man vor 3% der Bevölkerung solche
Angst haben konnte? Die Möglichkeit besteht, dass irrationale
Ängste eine sachliche Auseinandersetzung erschweren. Ein
Beispiel dafür liefert die Frage nach dem Frauenbild, das
wir unseren Kindern doch nicht vermitteln wollen - dabei soll
eine kopftuchtragende Frau diametral unseren emanzipatorischen
Rollenvorstellungen gegenüber stehen. Welches Bild vermittelt
aber eine Lehrerin mit Kopftuch, die doch durch ihren Beruf eindeutig
demonstriert, dass sie eine studierte und damit - allgemein hin
anerkannt - eine emanzipierte Frau ist? Spielt uns hier vielleicht
eine andere Angst einen Streich - die vor dem Zusammenbruch unserer
Klischeevorstellungen?
Die Aufforderung,
das Gefahrenpotenzial für Schüler abzuschätzen,
zeugt von einer tief sitzenden Angst, die wir etwa bei der Diskussion
um Mediengewalt vermissen. Wird doch bezüglich der Problematik
von Gewaltdarstellungen immer noch darüber gestritten, ob
sie destruktiv und gefährlich für unsere Kinder sind
und will auch niemand das Wort ,Verbot' in diesem Kontext auch
nur in den Mund nehmen, so scheint diese Fragestellung bezüglich
des Kopftuchs angebracht zu sein. Dabei würde ein Blick in
die Rassismusforschung schnell zeigen, wo es lang gehen muss.
Antirassistische
Erziehung ist dann am erfolgreichsten, wenn in der Umgebung des
Kindes alle Lebensformen unkommentiert - also unmarkiert - vorkommen,
einfach vorhanden und damit normal sind. Dies gilt für Hautfarben
ebenso wiefür andere Merkmale, die wir Erwachsenen gelernt
haben als "(sehr) anders" wahrzunehmen: Behinderungen,
religiöse Merkmale, Kleidung, Augen- und Körperformen
usw. Die Umwelt ist aber nicht so idealtypisch wie sich die Pädagogen
das wünschen. Zur Kompensation kann man Medien heranziehen,
in denen die genannten Personengruppen vorkommen - Bilderbücher,
Fernsehsendungen usw. - hier können Medien eine sehr positive
Rolle spielen. Wichtig ist dabei nur, dass alles einfach vorkommt
und nicht besonders herausgestellt wird. Also ein Rollstuhlfahrer
im Zoo ebenso wie der Dicke. Schwarze, Asiaten, Merkmalsträger
verschiedenster Religionen, Jungen und Mädchen in allen Lebenssituationen
und nicht in stereotypen Kontexten. Noch besser, wenn die Lebensumwelt
des Kindes diese Realitäten bietet - und zwar schon so früh
wie möglich, dann werden Unterschiede einfach angenommen,
sie werden nicht thematisiert oder gar als kurios empfunden.
"Mama,
die Lisa hat mich gehauen!" "Wer ist Lisa?" "Die
mit dem grünen T-Shirt", sagt der 4-Jährige Jonas.
Die Mutter sucht und findet Lisa nicht in der Kindergartengruppe.
Dann kommt Jonas und zerrt ein schwarzes Mädchen mit sich.
"Da ist sie." Und in der Tat, sie hat ein grünes
T-Shirt an. Jetzt sieht die Mutter das auch. Diese reale Geschichte
ist eine von vielen, die zeigt, wie der selbstverständliche
Umgang mit verschiedenen Hautfarben dieses Merkmal des menschlichen
Äußeren als ,nicht relevant' einstufen lässt,
ebenso wie Schuhgröße oder Nasenform. Umgekehrt ist
es möglich, Kategorien zu etablieren. Teilt man die Kinder
immer in Blonde und Dunkelhaarige ein, dann meinen die Kinder
sehr bald, dass die Haarfarbe ein relevantes Unterscheidungskriterium
menschlicher Eigenschaften ist.
Nun stellen
wir uns vor, es gäbe eine oder einige Lehrerinnen mit Kopftuch
an der Schule. Oder besser noch im Kindergarten. Solange es nicht
thematisiert wird, kommt es dann einfach vor, ist für die
Kinder normal, fällt ihnen nicht weiter auf. Dies wäre
der Idealfall antirassistischer Erziehung. Alles, was traditionsgemäß
markiert ist, einfach vorkommen lassen. Natürlich reicht
es auch aus, wenn kopftuchtragende Frauen einfach so in der Umgebung
vorkommen - unkommentiert und ganz normal. Eine Gefahr für
unsere Kinder ist aber der polemische Umgang mit diesem Stück
Stoff bzw. seinen Trägerinnen. Die derzeit stattfindende
Markierung wird bei den Kindern schnell eine besondere Wahrnehmung
für eine Kopftuchträgerin erwecken. Schade!
Bezüglich
der muslimischen Frauen, die Kopftuch tragen, würde ich mir
wünschen, dass man ihnen genauso wenig Kleidungsvorschriften
macht, wie anderen Mitbürgern. Dennoch sollte auch bestimmt
werden, dass das Vermummungsverbot freilich weiterhin gilt und
es Grenzen der Kleidungsfreiheit für alle gibt. Diesem ins
Polemische abdriftenden Bedrohungsszenario radikaler Feministinnen,
die vor der Burqa in Deutschland warnen, ist damit von vornherein
der Boden entzogen.
Natürlich
darf eine Kultur selbst bestimmen, wie tolerant sie sein mag bzw.
was sie als Grenze ihrer Toleranz definiert - so auch die unsere.
Orientieren wir und am Beispiel Frankreichs, das den Laizismus
vorschreibt? Oder eher an England, das nicht nur kopftuchtragende
Lehrerinnen, sondern auch Polizistinnen und Polizisten - turbantragende
Sikhs - hat? Der Maßstab für Bestimmungen muss der
eigene sein und diesen gilt es nun festzulegen. Dabei hoffe ich
auf besonnene Diskutanten, die hinter den Symbolen die Menschen
zu sehen vermögen. Eine Kultur, die ihrer selbst sicher ist,
braucht sich nicht zu fürchten. Die derzeitige Diskussion
sagt also vor allem etwas über uns selbst aus.
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