Wir
brauchen unser eigenes Nürnberg
Der Nürnberger Prozess als Bezugspunkt für die Aufarbeitung
der Vergangenheit
in Lateinamerika
Rainer
Huhle (*)
VIERNES
11. FRANKFURT-NUREMBERG-VIENA
Desayuno en el hotel. Salida hacia Wurzburg para llegar a Nuremberg
donde, durante el tiempo libre, podremos conocer esta famosa ciudad,
cuna del genial pintor Alberto Durero y que fuera sede del Tribunal
que juzgó los crímenes de guerra tras la Segunda
Guerra Mundial. Proseguiremos viaje, vía Regensburg y Passau,
hacia la frontera con Austria y llegar, finalmente, a Viena. Alojamiento
en el hotel.
Aus
dem Angebot Eurofabulosa - 24 dias de recurrido visitando
9 paises
im
Prospekt eines mexikanischen Reisebüros 2001
Dürer
und der Nürnberger Prozess also, mittelalterliche Kunst und
die Niederlage des Nationalsozialismus, nicht Bratwürste
und Lebkuchen stehen an oberster Stelle in der Wahrnehmung der
Stadt Nürnberg in einem beliebig ausgewählten lateinamerikanischen
Land - zumindest wenn es sich um eine Bildungsreise handelt, die
in 24 Tagen das Wichtigste aus neun europäischen Ländern
zu vermitteln trachtet.
In
anderen Zusammenhängen ist Dürer doch eher die bildungsbürgerliche
Ausnahme. Weit bekannter ist Nürnberg
sofern überhaupt als Ort des Internationalen Militärtribunals,
des Tribunal de Nuremberg eben. Oft ist diese Chiffre
mit abenteuerlichen Vorstellungen über die Bedeutung Nürnbergs
als zentralem Ort des Nationalsozialismus überhaupt verbunden,
entsprechend stark sind die Reaktionen. Hitler steht
noch immer in Lateinamerika und sicher auch in anderen
Teilen der Welt für Stärke, für Selbstbehauptungswillen,
für Größe. Seine Propaganda wirkt oft nahezu ungebrochen
nach, die Niederlage wird in dieser Sicht dann als Fatum, nicht
als notwendiges Ergebnis der nationalsozialistischen Politik interpretiert.
Hitler als Vorname ist nicht selten wenngleich nicht konkurrenzfähig
mit den vielen Stalins oder Lenins[i] - und wird so wenig als
ehrenrührig empfunden, dass man ihn selbst in Wahlkämpfen
groß plakatieren kann, wie ich einst bei einer Bürgermeisterwahl
in Ecuador beobachten konnte. Die positive Identifikation von
Hitler und Deutschland in Lateinamerika
auch heute noch, die natürlich nicht durchgängig anzutreffen
ist, verrät normalerweise nicht mehr als ein wenig reflektiertes
Verständnis der Geschichte des Nationalsozialismus.
Beim
Namen Nürnberg werden die Assoziationen dann vollends unberechenbar.
Denn
in dieser populären Assoziation der Stadt mit dem Nationalsozialismus
kommen normalerweise keine Nürnberger Rassegesetze
und auch keine Nürnberger Reichsparteitage vor.
Die verbrecherische Seite des Nationalsozialismus bleibt in Bezug
auf Nürnberg ausschließlich mit der Niederlage des
Nationalsozialismus und der Sühne seiner Verbrechen verknüpft.
In dieser populären Rezeption von Nürnberg[ii]
ist also ein eine recht widersprüchliche Gemengelage festzustellen,
die durchaus auch als Hintergrund für die Rezeptionsebene
des Nürnberger Prozesses im Bereich der Politik und speziell
der Menschenrechtspolitik relevant werden kann.
Der
Aufstieg des Faschismus und Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg
und schließlich die Niederlage Hitlers und seiner Verbündeten
berührten Lateinamerika sicher weniger als andere Regionen
der Welt. Gleichwohl konnten diese von Europa ausgehenden Entwicklungen
Lateinamerika nicht unberührt lassen. Dazu gab es zu viele
Abkömmlinge von Deutschen, Österreichern, Italienern,
Kroaten und anderen, die sich aktiv für die eine oder andere
politische Seite in den Ländern ihrer Vorfahren engagierten;
zu viele Flüchtlinge vor dem Faschismus, die nach Lateinamerika
gelangten und dort die Auseinandersetzungen weiterführten
oder weiterführen mussten; zu viele politische und wirtschaftliche
Verbindungen zwischen den Achsenmächten und einigen lateinamerikanischen
Regierungen; zu viel Druck andererseits der USA, der schließlich
die meisten Staaten zum formalen Eintritt in den Krieg auf Seiten
der Alliierten brachte; und schließlich auch zu viel Entsetzen
und Mitgefühl, als die Verbrechen des Nationalsozialismus
in ihrem ganzen Umfang bekannt wurden.
Lateinamerika
war dann nach dem Krieg ungewöhnlich aktiv an den Bemühungen
um eine neue Weltordnung im Rahmen der Vereinten Nationen beteiligt.
Zu den 18 Staaten, die der ersten Menschenrechtskommission der
UNO angehörten, die ab Januar 1947 die Ausarbeitung einer
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte unternahm,
gehörten drei lateinamerikanische Länder: Panamá,
Uruguay und Chile, letzteres vertreten durch den Juristen Hernán
Santa Cruz, der zusammen mit dem Kanadier John Humphrey einer
der wichtigsten Verfasser überhaupt dieser Erklärung
wurde. In den verschiedenen Unterausschüssen und Redaktionskomitees,
die im Lauf der knapp zwei Jahre an den verschiedenen Entwürfen
der Erklärung arbeiteten, nahmen außerdem noch Delegierte
aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Kuba, der Dominikanischen
Republik, Ekuador, Haiti, Mexico und Venezuela teil.
Während
der Arbeit an der Allgemeinen Erklärung lag allen Delegierten
die umfangreichen, von der War Crimes Commission der
Vereinten Nationen zusammengestellten Beweismittel vor, der sogenannte
War Crimes Report, der auch eine Zusammenfassung der
Beweiserhebungen des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses
enthielt. Insofern ging der Nürnberger Prozess, der ja kurz
vor Beginn der Arbeit an der Allgemeinen Erklärung geendet
hatte, direkt in die Erarbeitung dieser Menschenrechtserklärung
ein und machte natürlich auch auf die lateinamerikanischen
Delegierten großen Eindruck, wie sich aus zahlreichen damaligen
Bemerkungen belegen lässt.[iii]
Dass
der Nürnberger Prozess auch unter den deutschen Emigranten
in Lateinamerika großes Interesse fand, erscheint selbstverständlich.
Eher erstaunt die zurückhaltende Art und Weise, in der das
Verfahren auch in Kreisen der antifaschistischen Opposition kommentiert
wurde. Die Empfindlichkeiten bezüglich des Problems der Siegerjustiz
waren auch dort durchaus spürbar. Als Beispiel sei ein Abschnitt
aus einem Aufsatz des heute kaum noch bekannten Udo Rukscher zitiert,
den dieser Ende 1946 wenige Tage nach dem Ende des Hauptkriegsverbrecherprozesses
in der Zeitschrift Deutsche Blätter in Santiago
veröffentlichte[iv]:
Will
man dem Grundsatz wirklich für die Zukunft Geltung verschaffen,
will man Missbrauch und Willkür einschränken, dann muss
man auf dem eingeschlagenen Weg entschieden fortfahren. Dann darf
die Aburteilung solcher Fälle nicht mehr dem Zufall überlassen
bleiben und keinesfalls einem ad hoc berufenen Sondergericht,
sondern dann müssen alle Anstrengungen darauf gerichtet werden,
zwei Mindestgarantien für die Zukunft zu schaffen: einmal
muss eine ständige und möglichst objektive Instanz von
vornherein für alle künftigen Fälle geschaffen
werden und zweitens muss das materielle und formelle Recht für
diese Prozesse in einer internationalen Konvention niedergelegt
werden. Geschieht das, dann hat man in Nürnberg neues Recht
für alle geschaffen und aus dem Präjudiz wird die Regel.
Unterbleibt es, dann ist jener Satz der Charter ein Ausnahmegesetz
gegen überwundene Feinde und deshalb verwerflich.
Die
Herausgeberin der Deutschen Blätter, die 1943
bis 1947 in Santiago erschienen, die 1980 verstorbene Nürnberger
Sozialarbeiterin, Gewerkschafterin und Sozialdemokratin Anna Landmann
deren Namen heute in Nürnberg nach jahrelangem Hin
und Her die ehemalige Treitschkestraße trägt
sah die Bemühungen um Bestrafung der NS-Verbrecher wohl ähnlich
zurückhaltend, als sie in der gleichen Zeitschrift ihre bekannte
Guttäterliste als Gegenstück zu den Listen
deutscher NS-Verbrecher veröffentlichte.
Die
Rezeption des Prozesses im besiegten und auch später im Deutschland
des Wiederaufbaus war bekanntlich ebenfalls zwiespältig,
ja ausgesprochen polarisiert[v]. Anhänger und Gegner des
Verfahrens an sich und seiner Legitimität standen sich in
entgegengesetzten Lagern anfangs oft unversöhnlich gegenüber.
In der Wissenschaft, aber auch im menschenrechtlichen Diskurs
ist man dem gegenüber zu differenzierten Beurteilungen gelangt,
bei denen die Unzulänglichkeiten des Verfahrens anerkannt
werden, in erster Linie jedoch die enorme, für ein neues
Verständnis von Menschen- und Völkerrecht bahnbrechende
Bedeutung des Prozesses im Blickfeld bleibt. Der Nürnberger
Prozess ist heute weltweit ein Referenzpunkt für Diskussionen
über Gerechtigkeit, Strafe und impunidad.
In
der lateinamerikanischen Rezeption, so scheint es, sind die positiven
wie negativen Urteile über den Prozess oft noch in ihrer
ganzen Schärfe erhalten geblieben. Am Anfang der lateinamerikanischen
Rezeption des Prozesses steht der Bericht der wohl einzigen Person
aus Lateinamerika unter den zahlreichen internationalen Beobachtern
des Nürnberger Prozesses: der argentinischen Schriftstellerin
Victoria Ocampo. In dem Bericht, den sie über ihre Eindrücke
vom IMT schrieb[vi], spielt das Problem der gerechten Bestrafung
der Täter keine zentrale Rolle. Viel aufregender war für
sie, dass sie mitten im zerstörten Nürnberg plötzlich
auf den vertrauten Tangorhythmus, ... auf beim Tanzen eng
aneinander geschmiegten Männer und Frauen stieß,
oder dass weder unter den Angeklagten noch unter den Richtern
Frauen waren. Und doch scheint der bekennend unpolitischen Herausgeberin
der Literaturzeitschrift Sur die Idee des Gerichtshofs
gefallen zu haben. Wie aus dem 1999 veröffentlichten Briefwechsel
mit ihrem französischen Dichterfreund Roger Caillois hervorgeht[vii],
verfocht Ocampo 1945 ernsthaft die Idee, den ihr verhassten Perón
vor das Nürnberger Militärtribunal zu bringen. Sie meinte,
nach den Naziverbrechern müssten nun auch deren Komplizen
vor das Gericht, und die Amerikaner hätten dazu freie Hand.
Während sich die Machtergreifung Peróns im Juni des
folgenden Jahres bereits abzeichnete, hoffte Ocampo 1945 offenbar,
wie andere Antiperonisten auch, darunter nicht zuletzt die Kommunisten,
auf eine Intervention der USA gegen Perón als Komplizen
der Nazis. Nach dem Attentat auf Perón vom April 1953 büßte
die Schriftstellerin ihre oppositionelle Einstellung mit 26 Tagen
Haft im Gefängnis Buen Pastor. Wie auch immer
man Ocampos Idee von 1945 beurteilen mag, es dürfte sich
um einen der ersten Ansätze für das handeln, was später
zum geflügelten Wort in vielen Ländern des Kontinents
wurde: Wir brauchen unser eigenes Nürnberg.
Neben
seiner rechtspolitischen Bedeutung war das Nürnberger Militärtribunal
nicht zuletzt eine ungemein wichtige historische Quelle über
das ungeheure Ausmaß der NS-Verbrechen, die über den
genannten War Crimes Report weltweite Verbreitung
fand. Wo immer seither staatliche Makrokriminalität
stattfand, lagen die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus
und der Bezug auf die Ergebnisse des Nürnberger Prozesses
und die dort angewandten rechtlichen Kategorien nahe. Da auch
lateinamerikanische Diktatoren, zum Teil sogar direkt über
die zahlreichen dorthin geflüchteten NS-Verbrecher[viii],
sozusagen in die Schule der Nazis gingen, konnte auch für
die Opfer und diejenigen, die sich für die Menschenrechte
in Lateinamerika einsetzen, die Erinnerung an die NS-Verbrechen
nie abreißen.
Großen
Raum im Nürnberger Prozess nahm der sogenannte Nacht-
und Nebelerlass Hitlers vom 7. Dezember 1941 ein, dessen
gehorsame Durchführung dem Angeklagten Keitel nachgewiesen
wurde. Der Nacht- und Nebelerlass beauftragte die
Wehrmacht mit Maßnahmen, die die Angehörigen
und die Bevölkerung über das Schicksal des Täters
im Ungewissen lassen. Hitler verstand diesen Befehl bewusst
als Kampfmaßnahme gegen möglichen Widerstand. Wie
man Revolutionen und Aufstände unterdrückt, ...davon
verstehe ich mehr als Generäle und Juristen, erklärte
Hitler laut einer Aussage des mit der Durchführung des Erlasses
beauftragten Robert Lehmann im Kriegsverbrecherprozess der USA
gegen das OKW. Anders als später meist in Lateinamerika wurde
im Nationalsozialismus aber auch das Vernebeln
dies war tatsächlich der gebrauchte Ausdruck mit deutscher
Behördengründlichkeit dokumentiert: Wie gewöhnlich
wickelte die deutsche Behörde die Rechtlosigkeit auf dem
Rechtsweg ab.[ix]
Das
gewaltsame Verschwindenlassen von Personen wurde in Lateinamerika
erstmals in massiver Weise in den sechziger Jahren in Guatemala
praktiziert[x]. In den siebziger Jahren wurde es dann zum schrecklichen
Markenzeichen der Diktaturen vor allem in Chile und Argentinien,
wo gerade diese Praxis des Verschwindenlassens bis heute auch
die größten Nachwirkungen zeitigt. FEDEFAM, der lateinamerikaweite
Dachverband der Familienangehörigen von Verhaftet-Verschwundenen,
gibt als Gesamtzahl der Opfer dieser terroristischen Praxis 90.000
bis 100.000 an. Auf den Vorläufer des Verschwindenlassens,
eben das Vernebeln durch die Nazis, haben Täter
wie Opfer immer wieder Bezug genommen. So lautet etwa der Titel
der kolumbianischen Vierteljahreszeitschrift, die im Land als
zuverlässigste Quelle für die Registrierung von Menschenrechtsverletzungen
gilt, Noche y Niebla (Nacht und Nebel).
Dass
prominente Nazis, derer man nach dem Krieg nicht habhaft wurde,
immer wieder, und oft genug zu Recht, in Lateinamerika vermutet
und gesucht wurden, hielt ebenfalls die Erinnerung an die NS-Verbrechen
und die Gefahren wach, die mit dem straflosen Agieren dieser Täter
in Lateinamerika verbunden waren. Der Name des schließlich
1979 während eines Badeurlaubs in Brasilien ertrunkenen Josef
Mengele, der Jahrzehnte unbehelligt in Paraguay gelebt hatte,
ist auch in Lateinamerika zur Symbolfigur einer entmenschten Medizin
geworden. Der Fall des 1960 aus Argentinien nach Israel verbrachten
Adolf Eichmann rollte nicht nur weltweit erneut alle ethischen,
politischen und juristischen Fragen wieder auf, die in Nürnberg
zur Debatte gestanden hatten, sondern brachte, ebenso wie später
der französische Barbie-Prozess, auch die Verbindungen lateinamerikanischer
Regierungen mit diesen Tätern ins Bewusstsein.
Dass
Argentinien nach dem Krieg zu einem bevorzugten Ziel der Flucht
vor Nürnberg wurde, wie der Historiker Holger Meding
die massenhafte Absetzbewegung von NS-Tätern an den Río
de La Plata nannte[xi], ist heute ausgiebig dokumentiert. Es gab
in Argentinien nach dem Krieg keine politische Öffentlichkeit,
die den Nürnberger Prozess in seiner welthistorischen Bedeutung
wahrnahm. Für die meisten Menschen war die Angelegenheit
einfach zu weit entfernt von ihren Problemen, wie das Sprachrohr
der deutsch-jüdischen Emigranten in Argentinien, die Jüdische
Wochenschau beklagte:
Sehr
schnell sollte es sich jedoch zeigen, dass der unbeteiligte Südamerikaner
vielleicht ein- oder zweimal diese Meldungen studiert, dann aber
das Interesse dafür verliert, was sich in Nürnberg abspielt.
Sehr schnell sollte sich zeigen, dass lokale Ereignisse, politische
Entwicklungen im eigenen oder im benachbarten Land das Interesse
viel stärker in Anspruch nehmen, sodass die einem durchschnittlichen
Zeitungsleser zur Verfügung stehende Zeit gar nicht mehr
ausreicht, das zu lesen und zur Kenntnis zu nehmen, was wir selbst
als wesentlich, und nicht allein für uns wesentlich ansehen.[xii]
Die
herrschende politische Klasse, die zumindest ahnte, welche potentiellen
Folgen für Unrechtsregime in den Prinzipien des Nürnberger
Prozesses verborgen war, reagierte mit geradezu hysterischer Ablehnung
des Verfahrens. Perón etwa beschrieb später vom Madrider
Exil aus seine Haltung so: In Nürnberg fand damals
etwas statt, was ich persönlich als Infamie betrachtete und
als eine verhängnisvolle Lehre für die Zukunft der Menschheit.
Und nicht nur ich, sondern das ganze argentinische Volk. Ich erwarb
die Gewissheit, dass die Argentinier den Nürnberger Prozess
ebenfalls als eine unwürdige Infamie der Sieger betrachteten,
die sich aufführten, als wären sie keine Sieger. Jetzt
verstanden wir, dass sie es verdient hätten, den Krieg zu
verlieren. Wie viele Reden habe ich während meiner Regierungszeit
über Nürnberg gehalten, welches die größte
Monstrosität ist, die von der Geschichte nicht vergeben werden
wird![xiii]
So
selbstherrlich die Geste des Generalspräsidenten ist, mit
der er gleich sein ganzes Volk für seine Ansichten vereinnahmt
dass es Ausnahmen gab, zeigt die erwähnte Haltung
von Victoria Ocampo -, so sicher ist andererseits, dass seine
Ansichten von vielen geteilt wurden. Peróns einstiger Industrieminister
Antonio Cafiero gab in seinen 1983 von Hugo Gambini aufgezeichneten
Erinnerungen preis, dass er zwar nach Peróns Sturz dem
Gefängnis entgangen sei, dass er aber von einer Reihe von
kleinen Nürnberger Tribunalen belästigt
worden sei, bestehend aus 8 bis 10 Angehörigen der neuen
Militärregierung, die ihm alle möglichen Untaten der
Perónzeit vorgeworfen hätten.[xiv]
Reduziert
sich in des Ex-Ministers Erinnerung der Begriff Nürnberger
Tribunal auf ein banales Symbol für lästige, unsinnige
und ungerechte Verfahren, so fahren andere bald wieder schwerere
Geschütze auf. Im August 2000 erschien in Chile eine Kolumne
eines gewissen Jorge Rodríguez, die in folgenden, mit zahlreichen
Ausrufungszeichen versehenen Sätzen gipfelte: Jemand
muss einmal die Wahrheit sagen! Jemand muss seine Stimme erheben!
Schluss mit den ewigen Lügen und Heucheleien! Es gibt keine
Versöhnung ohne vollständige Wahrheit. Es gibt keinen
Übergang zur Demokratie ohne vollständige Gerechtigkeit.[xv]
Wer
wollte dem nicht zustimmen. Seltsam war nur die Überschrift
der Kolumne: "Pinochet es un héroe de la talla de
O'Higgins" (Pinochet ist ein Held von der Größe
[des Gründervaters von Chile, General] O'Higgins). Im wesentlichen
ging es in dem Artikel darum, die Diktatur Pinochets nicht nur
zu rechtfertigen, sondern als große patriotische Tat zur
Rettung des Vaterlands darzustellen, eine Sicht, die ja noch immer
ein nicht geringer Teil der Chilenen teilt. Diese Rechtfertigung
hatte sich damals allerdings bereits auf dem Hintergrund der internationalen
gerichtlichen Verfolgung des Helden des Vaterlands zu bewähren.
Und das erste, was dem Autor dazu einfiel, war einer der meistgebrauchten
Einwände gegen den Nürnberger Prozess: In Nürnberg
wurden die Nazis angeklagt, aber kein Land und kein Gericht hat
je die Kommunisten abgeurteilt.
Interessant
an dem Satz ist weniger seine fulminante historische Ignoranz
als die bruchlose Kontinuität des Arguments der Einseitigkeit
des Nürnberger Prozesses, die sich seit 1945 durch die Geschichte
als einer seiner Interpretationsstränge zieht, in Lateinamerika
wie im Rest der Welt. Weil nicht alle Missetäter verurteilt
wurden, ist der Prozess ungerecht. Der Einwand darf als Kritik
des historischen Prozesses natürlich durchaus ernst genommen
werden, doch als solche ist er weder hier noch sonst gewöhnlich
gemeint. Intendiert ist vielmehr ein prinzipieller und
als solcher unzulässiger - Einwand gegen das Verfahren von
Nürnberg als Strafverfahren, das sich wie jeder Strafprozess
an der konkreten Straftat orientiert und nicht einen historischen
Prozess umfassender Ursachenforschung betreibt, bei dem es schließlich,
und das ist die unausgesprochene Absicht, keine Schuldigen mehr
gäbe. Aufrechnung soll in dieser Polemik gegen den Nürnberger
Prozess an die Stelle der Justiz treten.
Unter
den gängigsten Einwänden gegen den Nürnberger Prozess
darf das Argument der Siegerjustiz nicht fehlen. Wie
weit es unter den besiegten Deutschen verbreitet war, wurde bereits
am Beispiel der Deutschen Blätter gezeigt. Auch
dieses Argument hat, nüchtern betrachtet, selbstverständlich
seine Berechtigung. Die Nürnberger Prozesse wurden von den
Siegermächten des Zweiten Weltkriegs organisiert und durchgeführt,
während Vertreter des besiegten NS-Regimes auf der Anklagebank
saßen. Das Ressentiment derer, die sich mit dem besiegten
Regime identifizieren, ist zumindest verständlich, wenn es
auch am Kern der Sache vorbeigeht, dass eben von den Siegern gerade
ein im wesentlichen faires Verfahren über die Besiegten durchgeführt
wurde.
Komplizierter
wird das Argument, wenn, wie häufig nach den Diktaturen Lateinamerikas,
die Frage gar nicht so klar ist, wer Sieger und Besiegte sind.
Das Mitglieder der argentinischen Junta, General Roberto Viola,
erklärte 1981, als er noch de facto Präsident Argentiniens
war, einem Journalisten der Tageszeitung Clarín: Wenn
ich recht verstehe, schlagen Sie ein Untersuchung gegen die Sicherheitskräfte
vor. Das kommt nicht in Frage. In diesem Krieg gibt es Sieger,
und die Sieger sind wir. Sie können sicher sein, wenn im
letzten Weltkrieg die Truppen des Reichs [im Original deutsch]
gewonnen hätten, dann hätte der Prozess nicht in Nürnberg,
sondern in Virginia stattgefunden.[xvi]
Drei
Jahre später stand Viola mit den anderen Generälen der
Junta vor dem Bundesgericht in Buenos Aires und wurde zu 17 Jahren
Gefängnis wegen Freiheitsberaubung, Folter und Diebstahls
verurteilt. Sein Mitangeklagter, Admiral Emilio Massera, gab dem
Gericht eine überraschende neue Variante des Topos von der
Siegerjustiz, nämlich die einer Justiz gegen besiegte Sieger:
Ich bin nicht hier, um mich zu verteidigen. Niemand
erklärte Massera muss sich verteidigen, weil er einen
gerechten Krieg gewonnen hat. Und der Krieg gegen den Terrorismus
war ein gerechter Krieg. Ich stehe hier vor Gericht, weil wir
diesen gerechten Krieg gewonnen haben.[xvii] Siegerjustiz
also einmal anders herum: die Verlierer Massera machte
im weiteren Verlauf des Prozesses deutlich, dass er auch die Richter
und Staatsanwälte dazu zählte - sitzen über die
Sieger zu Gericht. Wie aber konnten die Sieger auf die Anklagebank
kommen? Um das zu erklärten schlug das eloquenteste der Juntamitglieder
einen großen rhetorischen Bogen, der die Umwertung aller
Werte durch ein äußerst effizientes und
weitverzweigtes System psychologischer Kriegsführung mit
den Menschenrechtsverteidigern an der Spitze beschrieb, die schließlich
in einem Akt satanischer Diskriminierung die Sieger
auf dem Feld der Waffen der Früchte des Siegs beraubten.
Anders als bei Hitler, der bei Massera des öfteren als Held
im Hintergrund auftaucht, steht diese Dolchstoßlegende allerdings
nicht am Anfang, sondern am Ende der Bewegung.
Auch
der Ankläger im Prozess gegen die Juntas, Staatsanwalt Julio
César Strassera, fragte sich, ob das Verfahren dem Nürnberger
Prozess gleiche[xviii]. Die Argumente für seine Ansicht,
dass der Prozess kein neues Nürnberg sei, sind
ebenfalls aufschlussreich. Anders als in Nürnberg, wo ja
auch u.a. die SS und die Gestapo verurteilt wurden, stünden
keine Institutionen, sondern nur Personen vor Gericht. Im übrigen
sei der Prozess nicht politisch motiviert, ein Argument, das ungewollt
den Kritikern des Nürnberger Prozesses, die in ihm ein Paradigma
politischer Justiz gegen Regierende sehen, Vorschub leistet.
Wieder
vom Kopf auf die Füße gestellt, taucht das Motiv der
Siegerjustiz auch in Zentralamerika auf. In der Zeitschrift der
Universidad Autónoma de Centro América von Costa
Rica beschrieb ein Autor drei Methoden der Vergangenheitsbewältigung:
Rache, Vergessen, und die Methode Nürnberg, nämlich
Die Sieger verurteilen die Verlierer. Obwohl, setzt
der Autor ebenso bitter wie aufschlussreich, und dann doch wieder
im Sinne Masseras hinzu, manchmal auch die Verlierer über
die Sieger richten können, dann nämlich, wenn letztere
sich in London befinden.[xix]
Schon
fünf Jahre früher hatte sich der später in London
Befindliche selbst in einem langen Interview mit der chilenischen
Tageszeitung La Tercera ähnlich geäußert[xx].
Damals waren gerade Pinochets langjähriger Geheimdienstchef
Manuel Contreras und dessen Stellvertreter Pedro Espinoza wegen
der Ermordung des ehemaligen Verteidigungsminister Orlando Letelier
in Washington zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.
Das Urteil war unangemessen milde, doch es war das erste mal,
dass ein chilenisches Gericht die Mauer der Straflosigkeit durchbrach.
Für Pinochet war das Urteil, immerhin handelte es sich um
zwei erwiesene Morde, schlicht ungerecht. Mehr noch,
es sei ein politisch motiviertes fabriziertes Urteil,
ausgesprochen von einem ad-hoc-Gerichtshof vergleichbar
dem Nürnberger Tribunal. Tatsächlich handelte
es sich um ein ganz normales[xxi] Verfahren vor einem ordentlichen
Gericht nach der chilenischen Strafprozessordnung.
Auch
an Pinochets Ausbruch ist weniger der sachliche Bezug von Interesse
der hier im Grunde nicht vorhanden ist sondern die
ungefilterte Kontinuität eines weiteren tradierten Arguments
gegen die Nürnberger Prozesse: sie seien nicht von ordentlichen
Gerichten, sondern von Sondergerichten durchgeführt worden,
wobei weder die historischen Umstände, die dies rechtfertigten,
in Betracht gezogen werden, noch die Tatsache, dass auch ein Sondergericht
in der Sache gerechte Urteile fällen kann.
Da
wundert es nicht, dass der Nürnberger Prozess dann auch den
Gegnern Pinochets gelegentlich für fragwürdige Analogien
herhalten muss. So erinnerte die chilenische Wochenzeitung Punto
Final anlässlich des Tauziehens um den Gesundheitszustand
von Augusto Pinochet und der damit verbundenen Frage seiner Verhandlungsfähigkeit
daran, dass die Richter im Nürnberger Prozess ja auch den
Angeklagten Rudolf Heß aufgrund mehrerer psychiatrischer
Gutachten für verhandlungsfähig erklärt und schließlich
verurteilt hätten.
Mehr
historisches Verständnis bewiesen da die Mitglieder des kolumbianischen
Parlaments, die im April 2001 einen Gesetzentwurf zur Ratifizierung
des Statuts des kommenden Internationalen Strafgerichtshofs einbrachten[xxii].
In ihrer Begründung bezeichnen zwar auch sie den Nürnberger
Prozess als Siegerjustiz. Doch zugleich erinnern sie
daran, dass damals die ganze Welt einen Schrei des Nunca
Más ausgestoßen habe, und dass eine internationale
Instanz zur Verurteilung solcher Verbrecher wie der Täter
des Holocaust allgemein gefordert worden sei. Lange habe es gedauert,
aber nun erlaube die Entwicklung der Rechtsprechung endlich die
Errichtung eines allgemeinen und unabhängigen ständigen
Gerichtshofes für solche Verbrechen, die keinen machtpolitischen
Interessen unterworfen sei.
Für
aufgeklärte lateinamerikanische Politiker ist diese Haltung
inzwischen unproblematisch. Bis auf Surinam haben alle Staaten
Südamerikas das Römische Statut des Internationalen
Strafgerichtshofs (IStGh) unterzeichnet und zum größten
Teil auch bereits ratifiziert. Anlässlich einer diesbezüglichen
Debatte im chilenischen Parlament nahm auch Justizministerin Soledad
Alvear auf den Nürnberger Prozess als Vorläufer des
IStGh Bezug und sah den historischen Fortschritt des letzteren
gegenüber Nürnberg darin, dass das Nürnberger Gericht
erst im Nachhinein konstituiert werden konnte, während der
Vorzug des künftigen internationalen Gerichts in seinen klaren
und transparenten Regeln beruhe, die eben bereits vor den abzuurteilenden
Taten bestehen.
Solchen
Einsichten schließen sich die meisten unabhängigen
Menschenrechtsverteidiger in Lateinamerika an. Allerdings haben
sie das Internationale Militärtribunal von Nürnberg
von Anfang an als ungemein positiven Bezugspunkt für ihren
Kampf gegen die Straflosigkeit betrachtet. Eine Schlüsselstellung
nehmen dabei die Nürnberger Prinzipien ein, die
von der Völkerrechtskommission der UNO 1950 in Anlehnung
an das Statut des Internationalen Militärtribunals als verbindliche
völkerrechtliche Richtlinien formuliert wurden. Über
sie erlangte der Nürnberger Prozess im Nachhinein seine völkerrechtliche
Legitimierung, die während des Verfahrens selbst vom amerikanischen
Ankläger Robert Jackson noch in eindrucksvollen Passagen
seiner Eröffnungsrede vor allem aus dem Völkergewohnheitsrecht
und den unabdingbaren Grundsätzen der Zivilisation hergeleitet
werden musste.
Auch
die lateinamerikanischen Staaten nahmen diesen Impuls des Nürnberger
Militärtribunals ausdrücklich auf. Im Frühjahr
1945, also noch ehe der Prozess selbst begann, fand im mexikanischen
Chapultepec eine amerikanische Konferenz über Probleme
des Krieges und des Friedens statt, in deren Schlussdokument
die damals bereits im Umlauf befindlichen Formulierungen aufleuchten,
die dann in das Statut des Nürnberger Prozesses und die späteren
Nürnberger Prinzipien einflossen: Im zweiten Weltkrieg seien
Verbrechen begangen worden, die Verstöße gegen
das Kriegsrecht, gegen bestehende Verträge und die Vorschriften
des Völkerrechts, gegen das Strafrecht der zivilisierten
Nationen und gegen die Vorstellungen von Zivilisation überhaupt
darstellten. Außerdem stellten sich die amerikanischen Staaten
ausdrücklich hinter die Absicht der alliierten Regierungen,
in dem Sinn, dass die Schuldigen, Verantwortlichen und Komplizen
derartiger Verbrechen vor Gericht gestellt und verurteilt
werden müssten[xxiii].
In
unzähligen Schriftsätzen lateinamerikanischer Anwälte
und Autoren findet sich seither der Bezug auf die Prinzipien von
Nürnberg wieder, als Kern einer Argumentation, die in der
Durchsetzung von Rechtsnormen auch gegenüber den individuellen
Tätern die Grundlage nicht nur einer rechtsstaatlichen Zivilisation,
sondern auch für erfolgreiche Demokratisierung und schließlich
gesellschaftliche Versöhnungsprozesse sieht.
So
nimmt einer der großen Nunca Más-Berichte
aus Lateinamerika, der 1989 vom Servicio Paz y Justicia in Uruguay
herausgegebene Bericht über die Verbrechen der Diktatur in
Uruguay, im Vorwort ausgiebig auf Nürnberg Bezug:
Nürnberg
ging in die Annalen der Geschichte als die Instanz ein, in der
die internationalen Gemeinschaft und das kollektive Gewissen der
Völker sich zusammenfanden, um schwerste Kriegsverbrechen
vor Gericht zu bringen und die rechtlichen, politischen und ethischen
Grundlagen zu schaffen, damit sich der Nazi-Wahnsinn niemals wiederhole
und die Straflosigkeit der Verantwortlichen ein Ende finde. Uns
ist bewusst, dass in Nürnberg nur einige wenige vor Gericht
standen. Aber die Wirkung dieses Prozesses für das Gewissen
und das Gedächtnis der Völker war beispielhaft.[xxiv]
Fabiola
Letelier, die chilenische Rechtsanwältin und Schwester des
1976 in Washington auf Befehl von Pinochet und seinen Geheimdienstchefs
ermordeten ehemaligen Ministers Orlando Letelier, wurde in ihrem
Einsatz für die Bestrafung der Mörder ihres Bruders
nicht müde, auf Nürnberg zu verweisen. Lateinamerika
hat sein Nürnberg noch nicht erlebt, sagt sie und meint
damit die andauernde Straflosigkeit von staatlich gedeckten Tätern,
die zeige, dass die auf Nürnberg zurückgehenden
Systeme zum Schutz der Menschenrechte in Lateinamerika versagt
haben. Für Fabiola Letelier und die vielen anderen,
die ähnlich denken und reden, geht es dabei nicht um die
einfache Anwendung eines einmal gefundenen Verfahrens: Der
Geist, der das Tribunal von Nürnberg beherrschte, muss lebendig
und erneuerungsfähig bleiben, wenn wir in Lateinamerika die
Ketten der Straflosigkeit zerreißen wollen, die das Erblühen
einer wahrhaften Demokratie in unserm Kontinent verhindern.[xxv]
Kurz
vor dem Sturz des Fujimori-Regimes in Peru erinnerte der langjährige
Direktor der Andinen Juristenkommission, Diego García Sayán,
an Nürnberg als Präzedenzfall für die Durchsetzung
von Gerechtigkeit, der es erlaubt habe, eine neue Seite in der
Geschichte Deutschlands aufzuschlagen, während in Peru das
wasserdichteste Amnestiegesetz ganz Lateinamerikas jede Aufarbeitung
der Vergangenheit unterbinde.[xxvi] Wenig später fand sich
García Sayán als Justizminister im Kabinett der
neuen Regierung von Valentín Paniagua wieder und konnte
unter Berufung auf entsprechende Urteile auch des Interamerikanischen
Gerichtshofs für Menschenrechte die Aufhebung der Amnestie
betreiben und zahlreiche Prozesse wieder in Gang bringen.
In
Argentinien urteilte, aus den gleichen Gründen und ebenfalls
in Anlehnung an Entscheidungen des interamerikanischen Gerichtshofs,
der Richter Gabriel Cavallo, dass die unter der Regierung von
Präsident Alfonsín in den achtziger Jahren verabschiedeten
Amnestiegesetze verfassungswidrig seien. Einer spanischen Zeitschrift
gegenüber erklärte er dazu: Während der letzten
zwanzig Jahre versuchte man in Lateinamerika ständig, die
barbarischen Taten, die unter den Diktaturen begangen wurden,
unter den Teppich zu kehren. Jetzt geht es darum, sie ans Licht
zu holen. Wir brauchen in Lateinamerika unser eigenes Nürnberg,
wir müssen die Verantwortlichkeiten annehmen, die uns zukommen.[xxvii]
Wir
brauchen in Lateinamerika unser eigenes Nürnberg. -
Nürnberg steht in einer solchen Sicht nicht nur
für einen ersten ernsthaften Ansatz von internationaler Rechtsprechung,
sondern für allgemeine Prinzipien des Rechts, die damals
angelegt wurden und seither, weil unerfüllt geblieben, als
permanente Herausforderung für eine menschenrechtliche Ordnung
bestehen:
das Prinzip individueller Verantwortlichkeit, auch für staatliche
Funktionsträger;
kein Ausschluss von Verantwortung unter Berufung auf die Gehorsamspflicht
für unrechtmäßige Befehle;
Primat des Völkergewohnheitsrechts über geschriebenes
nationales Recht;
die Idee eines internationalen Strafrechts und Gerichtshofs schlechthin;
Es
liegt auf der Hand, dass diese in Nürnberg angelegten Prinzipien
mit einer Reihe charakteristischer Verfahrensweisen gerade auch
in den Perioden nach Militärdiktaturen, die gern und allzu
pauschal als Transitionsperioden bezeichnet werden,
in Konflikt geraten. Insbesondere sind sie unvereinbar mit der
verbreiteten Tendenz zur Straflosigkeit auch größter
Verbrechen, für die mit bemerkenswerter Kreativität
im Lauf der Jahre die unterschiedlichsten Formen und Namen gefunden
wurden. In Uruguay etwa verstieg man sich, um den Begriff Amnestie
zu vermeiden, zu der absurden Bezeichnung Gesetz über
die Hinfälligkeit des staatlichen Strafanspruchs. In
Argentinien erfand man, um den nach dem Ende der Diktatur zunächst
erfolgreichen Bemühungen der argentinischen Justiz einen
Riegel vorzuschieben, ein Schlusspunktgesetz, das
die Absicht gewissermaßen in einen auch hierzulande populären
Slogan goss, und ein Gesetz über den schuldigen Gehorsam,
das schon im Titel diametral einem der Nürnberger Prinzipien
widerspricht.
Für
den argentinischen Schriftsteller Osvaldo Bayer sind beide Gesetze
verderbenbringende, feige und knechtische Gesetze,
die seinem Land zur Schande gereichen. In einem Anfang 2001 in
Argentinien veröffentlichten Artikel[xxviii] hält auch
er den Betreibern der Straflosigkeit den Nürnberger Spiegel
vor: Nürnberg, - schreibt er - welch ein Symbol! Wo
die Statthalter Hitlers verurteilt wurden. [..] Nürnberg,
das Tribunal über die rassistischen Mörder und die Mörder
der Gaskammern.
Doch
Nürnberg als Symbol gegen die Straflosigkeit hat für
Bayer und viele Argentinier, insbesondere für die Opfer der
Militärdiktatur, eine weitere, eine neue Farbe in seinem
Bedeutungsspektrum bekommen. Seit die zähen Bemühungen
der in der Koalition gegen die Straflosigkeit zusammengeschlossenen
deutschen und argentinischen Menschenrechtsorganisationen zur
Eröffnung einer Reihe von Strafverfahren in Nürnberg
gegen Angehörige der argentinischen Diktatur geführt
haben, und vor allem seit mittlerweile bereits mehrere internationale
Haftbefehle durch die Nürnberger Staatsanwaltschaft ergingen,
schließt sich für Osvaldo Bayer ein Kreis: Die
Geschichte fügt die Teile des Ungedachten zusammen, um Gerechtigkeit
zu schaffen, schreibt er im gleichen Artikel. Nürnberg,
das Tribunal über die uniformierten argentinischen Verschwindenlasser.
Die Geschichte hat eine unerbittliche Logik, eine Hand, die kein
Verbrechen über die Zeit hinweg straflos lässt. Nürnberg,
ein Symbol, wie es unsere Militärs der Diktatur verdienen.
[...] Jetzt wird Gericht über sie in Nürnberg gehalten,
dem greifbarsten Symbol der Gerechtigkeit für die Menschenrechte.
Symbol
der Gerechtigkeit und der Strafe für die Großen, die
normalerweise unberührbar bleiben: Das ist der Kern, auf
den sich im populären Gedächtnis Lateinamerikas das
komplexe welthistorische Ereignis des Nürnberger Prozesses
kondensiert hat. Der folgende Brief einer Mapuche-Bäuerin
drückt die darin enthaltene Hoffnung ebenso plastisch aus
wie die seither erfahrenen Enttäuschungen. Er sei hier abschließend
im Original zitiert, da keine Übersetzung den aufschlussreichen
Zwischentönen dieses Zeugnisses gerecht werden kann.
Lautaro,
21 de diciembre 1998
Querida
amiga:
Espero
que al recibo de esta presente se encuentre bien junto a su
trabajo y sus gentes queridas. Paso a contarle que estoy lo mas
bien, la
cosecha parece que Dios permita sea buena, los chicos terminaron
la escuela y los grandes vendran a pasar al ano nuevo con nosotros.
Bueno,
vemos en la tele que es Pinocho de siempre esta por esos lados.
Ojala no le hagan mucho caso, porque Ud. sabe que justicia no
va a haber y
el estara popular otra vez. Naiden nos va a escuchar a nosotras,
pero si a
este criminal. Yo le rezo a mi Diocito para que ocurra un milagro
y tambien
para que no le pase nada a Ud. El viejo esta cuidao, y no se lo
van a
sentar como hicieron a los malos en el juicio de Numbeg que fue
por esos lados.
Lorenza
C., mapuche de Lautaro[xxix]
Hoffen
wir, dass die Nürnberger Justiz den hohen Erwartungen Osvaldo
Bayers und Lorenza C.s gerecht werden wird.
___________
* Vortrag
auf der Konferenz "Konfliktive Geschichte. Die Erinnerung
an Diktaturen und Bürgerkriege in Lateinamerika", die
vom 7. - 9. Februar 2002 in Nürnberg stattfand.
[i]
Vladimiro Lenin Montesinos ist z.B. der volle Name
des jetzt einsitzenden ehemaligen peruanischen Geheimdienstchefs
[ii]
es gibt m. W. keine empirische Untersuchung dazu, ich stütze
mich aber auf einige Jahrzehnte eigener Erfahrung.
[iii]
Johannes Morsink: The Universal Declaration of Human Rights. Origins,
Drafting and Intent, University of Pennsylvania Press, Philadelphia
1999 (zum War Crimes Report, s. S. 345 Fußnote 9)
[iv]
Rukser, Udo: Zum Nürnberger Prozess, in: Deutsche
Blätter 34, 1946, S. 20-23 (hier S.23)
[v]
ausführlich dazu: Anneke de Rudder: Öffentliche Reaktionen
auf den Nürnberger Prozess in Deutschland undden Vereinigten
Staaten von Amerika, Magisterarbeit an der FU Berlin, 1995
[vi]
Steffen Radlmaier (Hg.): Der Nürnberger Lernprozess. Von
Kriegsverbrechern und Starreportern, Frankfurt/M 2001, S. 241-250
[vii]
Correspondencia Victoria Ocampo-Roger Caillois (1939-1978). Prólogo,
selección y notas de Odile Felgine, Editorial Sudamericana.
1999
[viii]
ein bekanntes Beispiel ist der ehemalige Gestapokommandant von
Lyon, Klaus Barbie, der in Bolivien als Klaus Altmann
unter den Diktaturen von Barrientos, Banzer, und vor allem als
rechte Hand des Innenministers Luis Arce Gómez während
des blutigen Regimes von García Meza seine vielfältigen
Kenntnisse schmutziger Repressionstechniken in den Dienst seiner
neuen Herren stellte.
[ix]
Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges, München 1993,
S. 338-342
[x]
Ana Lucrecia Molina Theissen, La desaparición forzada
de personas en América Latina, in: Instituto Interamericano
de Derechos Humanos (ed.): Estudios Básicos de Derechos
Humanos, tomo VII, San José de Costa Rica 1996, S. 63-129
(65)
[xi]
Holger M. Meding, Flucht vor Nürnberg? Deutsche und österreichische
Einwanderung in Argentinien, 19451955, Köln, Weimar,
Wien 1992.
[xii]
Jüdische Wochenschau, 18.1.46, zit. in Kerstin Schirp: Die
Wochenzeitung Semanario Israelita, Münster etc.
2002, S. 93f
[xiii]
En Nuremberg se estaba realizando entonces algo que yo,
a título personal, juzgaba como una infamia y como una
funesta lección para el futuro de la humanidad. Y no sólo
yo, sino todo el pueblo argentino. Adquirí la certeza de
que los argentinos también consideraban el proceso de Nuremberg
como una infamia indigna de los vencedores, que se comportaban
como si no lo fueran. Ahora estamos dándonos cuenta de
que merecían haber perdido la guerra. ¡Cuántas
veces durante mi gobierno pronuncié discursos a cargo de
Nuremberg, que es la enormidad más grande que no perdonará
la historia.! Zit. in Goñi, Uki: Perón y los
alemanes, Buenos Aires 1998, S. 268f nach Tomás Eloy Martínez:
Las Memorias del General, Buenos Aires 1996
[xiv]
Das Buch steht im Internet unter www.antoniocafiero.com.ar/librocafiero.doc
[xv]
¡Alguien tiene que decir la verdad en este país!.
¡Alguien tiene que dar la cara! ¡Basta de tanta hipocresía
y mentiras! Ninguna reconciliación es posible si no hay
VERDAD TOTAL. Ninguna transición es posible si no se hace
JUSTICIA TOTAL
http://www.granvalparaiso.cl/politicos/63ta.htm
[xvi]
Clarín, 18 de marzo de 1981: Me parece que lo que
Ud. quiere decir es que investiguemos a las Fuerzas de Seguridad,
y eso si que no. En esta guerra hay vencedores, y nosotros fuimos
vencedores y tenga la plena seguridad que si en la última
guerra mundial hubieran ganado las tropas del Reich, el juicio
no se hubiera hecho en Nuremberg sino en Virginia.
(zitiert
in: Nunca Más. Informe de la Comisión Nacional sobre
la Desaparición de Personas, Buenos Aires 1984, S. 476)
[xvii]
Sergio Ciancaglini/Martin Granovsky: Nada más que la verdad.
El juicio a las Juntas, Buenos Aires 1995, S. 203
[xviii]
Luis Roniger / Mario Sznajder: The Legacy of Human Rights Violations
in the Southern Cone: Argentina, Chile, and Uruguay, Oxford 1999,
S. 65
[xix]
José Calvo: PinoChile, in: Revista Acta Académica
(Universidad Autónoma de Centro América), Número
24, Mayo 1999
[xx]
La Tercera, 15. Juni 1995; s.a. Mark Ensalaco: Chile under Pinochet.
Recovering the Truth, Philadelphia: University of Pennsylvania
Press 2000, S.235; Ensalaco zieht eine Parallele von der Verurteilung
Keitels wegen der Nacht- und Nebel-Aktionen zum Verschwindenlassen
unter Contreras und Pinochet. Doch Contreras wurde nicht wegen
seiner systematischen Anwendung des Verschwindenlassens
belangt.
[xxi]
Normal ist hier im wörtlichen Sinn, also abgeleitet
vom Substantiv Norm gemeint. Normal im Sinn von üblich
war das Verfahren keineswegs, im Gegenteil, lange Jahre blieb
es das einzige in Chile, in dem Verbrecher der Pinochetdiktatur
nach rechtsstaatlichen Normen vor Gericht standen s. Rainer
Huhle: Von Nürnberg nach Santiago. Anmerkungen
zum Prozeß in Chile gegen die Mörder Orlando Leteliers,
in: Nürnberger Menschenrechtszentrum (Hg.): Von Nürnberg
nach Den Haag, Hamburg 1996, S. 198-206
[xxii]
INFORME DE PONENCIA PARA PRIMER DEBATE EN DEL PROYECTO DE ACTO
LEGISLATIVO NUMERO 014 DE 2001, SENADO
Por
medio del cual se incorpora a la Constitución Colombiana
el Estatuto de Roma de la Corte Penal Internacional
Bogotá
D.C. Abril 2 de 2001-04-01
[xxiii]
Marcelo Sancinetti / Marcelo Ferrante, El derecho penal
en la protección de los derechos humanos, Hammurabi,
Buenos Aires, 1999, S. 438
[xxiv]
Servicio Paz y Justicia Uruguay: Uruguay Nunca Más. Informe
sobre la Violencia a los Derechos Humanos (1972-1985), Montevideo
1989, S. 6
[xxv]
Fabiola Letelier: Ein einsames Urteil. Der Fall Letelier
und der Kampf für die Menschenrechte in Lateinamerika,
in: Nürnberger Menschenrechtszentrum (Hg.): Von Nürnberg
nach Den Haag. Menschenrechtsverbrechen vor Gericht Zur
Aktualität des Nürnberger Prozesses, S. 190-197
[xxvi]
s. Revista Caretas, Lima, 19. Oktober 2000
[xxvii]
EresMas 31.8.01; das Urteil selbst (causa Nro. 8686/2000 - Simon,
Julio, Del Cerro, Juan Antonio s/sustracción de menores
de 10 años vom 6. März 2001) geht über
mehrere Seiten ausführlich auf Geschichte und juristische
Relevanz der Nürnberger Prozesse ein.
[xxviii]
Osvaldo Bayer: La Argentina en Nuremberg, in: Página
12, 20.1.2001
[xxix]
Lorenza C. schrieb den Brief nach London an die chilenische Forscherin
Roberta Bacic während der dortigen Demonstrationen gegen
Pinochet (Pinocho). Roberta Bacic hatte mehrere Jahre
mit den Mapuche im Süden Chiles über die spezifischen
Folgen der Diktatur für die indigene Bevölkerung gearbeitet.
(pers. Mitteilung)