Öffentliche
Tabus und private Ressentiments
Antisemitismus
in Deutschland nach 1945
OTTO
BÖHM
Auch in Bezug
auf den Antisemitismus kann die öffentliche politische Entwicklung
in Deutschlands Parteien und Institutionen als erfolgreicher historischer
Lernprozess verstanden werden. Andrerseits belegen empirische
Forschungen und Umfragen den Zusammenhang von aktueller Fremdenfeindlichkeit
und Antisemitismus wer ausländerfeindlich agitiert,
ist meist auch antisemitisch eingestellt. Und nicht zuletzt weist
die öffentliche Präsenz antisemitischer Stereotype
Juden sind selbst am Judenhass schuld (Möllemann), ein geiler
Jude zerstört deutsche Literatur (Walser) - auf eine gewisse
sich tabubrechend gebende Rehabilitation von latenten Gefühle
und Stimmungen. Latenz kann aber als Spekulation abgetan werden.
Deshalb will ich im Folgenden Material und Erklärungen aus
der Antisemitismusforschung zusammenzutragen, das sowohl den Lernprozess
als auch die These von der kommunikativen Latenz des Antisemitismus
plausibel macht.
Antisemitismus,
der als vulgäres Ressentiment, irrwitzige Ideologie oder
als mörderische Praxis auftreten kann, reicht von dem Unwillen,
Juden in den Golfclub aufzunehmen über Theorien jüdischer
Allmacht bis hin zu verletzenden Taten.
Es handelt sich um ein vielfältiges Phänomen, um ein
je unterschiedlich ausgeprägtes Konglomerat von missverstandenen
christlichen Glaubensüberzeugungen, rassistischen Feindbildern,
spinnerten Welterklärungstheorien oder persönlichen
Projektionen. Antisemitismus kann sich als persönliche Marotte
ebenso äußern wie als kühl kalkulierte Strategie
oder paranoide Weltanschauung. Adolf Hitler immerhin forderte
in einem frühen Brief einen "Antisemitismus der Vernunft".
Antisemitismus kann, muss aber nicht mörderisch sein
freilich ist die Bahn, wie die Geschichte gezeigt hat, abschüssig
....Judenhass ist heute wieder zum anerkannten Bestandteil der
politischen Kultur geworden.."
Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau v. 07.06.2002, unter
dem Titel Gezielt und ohne Reue".
Was bis 1945 zum ideologischen und psychologischen Haushalt vieler
Deutscher gehörte, kann nach seinem offiziellen Verschwinden
nicht einfach verschwunden sein. Selbst wenn wir davon ausgehen,
dass radikale Antisemiten unter den Nazis in der Minderheit waren,
hat es doch viele antisemitisch denkende Menschen in Deutschland
gegeben, denen ein aktives Eintreten für die Rechte der Juden
fern lag.
Kristallisationspunkte
eines antisemitischen Meinungsklimas in der Nachkriegszeit
Kurz nach dem Kriegsende stellten us-amerikanische Meinungsforscher
fest, dass 40% der Deutschen antisemitisch eingestellt waren.
Nach dem Schock der Niederlage und der damit einhergehenden politischen
Zurückhaltung kamen wieder alte Ressentiments zum Vorschein,
die sich neue Nahrung suchten. Sie entstanden an Konflikten mit
Displaced Persons, an Rückgabeansprüchen und an Schwarzmarktgeschäften.
Sie gingen einher mit der Forderung nach einem Ende der Entnazifizierung
und nach der Wiedereingliederung der Nazis. Gefragt nach ihrer
Einstellung gegenüber Juden, zeigten sich 1949 23% der Befragten
demonstrativ oder gefühlsmäßig ablehnend, 1952
wurden insgesamt 34 % mit einer insgesamt ablehnenden haltung
registriert. Die deutschen Leistungen an den Staat Israel nach
dem Luxemburger Abkommen und das Bundesentschädigungsgesetz
1952 hielten 54% der Bundesbürger die Wiedergutmachung an
Israel für überflüssig, weitere 24 % für grundsätzlich
richtig, aber zu hoch. 29 % sahen darin die Ursache von Antisemitismus.
Die Allensbacher Meinungsforscher fragten kontinuierlich: Würden
Sie sagen, es wäre besser für Deutschland, keine Juden
im Land zu haben? Von 37% Ja-Aussagen Anfang der 50er Jahre sanken
diese Stimmen in den 50er und 60er Jahren auf 9 % 1983, um seitdem
wieder leicht anzusteigen.
Nach der Abwehr
eines materiellen Ausgleiches an die Opfer des Nationalsozialismus
entstand in den 60er Jahren ein weiterer Kristallisationspunkt,
die Forderung nach einem Ende der Strafverfolgungen von NS-Taten.
Diese Position ist natürlich nicht an sich antisemitisch,
auch wenn sie zum Kernbestandteil rechtsradikaler und antisemitischer
Agitation gehört.
Neben den
von der Meinungsforschung festgestellten Einstellungen gab es
auch Manifestationen des Antisemitismus wie die Schändung
der Kölner Synagoge Weihnachten 1959, auf die eine antisemitische
Schmierwelle in Deutschland folgte. Zugleich war aber ein starkes
Gegengewicht, ein Philosemitismus entstanden, der die Aufbauleistungen
Israels bewunderte und der Kibbuzim-Bewegung viel Sympathie entgegenbrachte.
Der Eichmann- und die Auschwitz-Prozesse Anfang der 60er Jahre
verdeutlichten zudem im öffentlichen Bewusstsein, dass die
europäischen Juden Opfer der deutschen Politik In der politisch-intellektuellen
Öffentlichkeit begann die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung
des Nationalsozialismus zu überwiegen. Die entstehende Studentenbewegung
verband diese Haltung bald mit einer antiimperialistischen
und antizionistischen" Position: Nach dem 6-Tage-Krieg 1967
wird Israel als Militär- und Besatzungsmacht im Dienste des
US-Imperialismus betrachtet, langsam geht der hasserfüllte
Antizionismus der politischen Linken dazu über, den Freiheitskampf
des palästinensischen Volkes" einschließlich Terrorakten
zu unterstützen, bis hin zu vereinzelten Anschlägen
auf jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland.
Die achtziger
und mehr noch Jahre waren geprägt von einer Zunahme antisemitischer
und fremdenfeindlicher Straftaten in Deutschland. Trotz des offiziellen
Antizionismus der DDR ermittelte die Meinungsforschung direkt
nach 1989, dass die Menschen in den neuen Bundesländern seltener
antisemitisch (4-6 %) als Westdeutsche (15 %) sind. Inzwischen
haben die Ostdeutschen bereits Westniveau erreicht, allerdings
mit einer größeren Verbreitung bestimmter Haltungen
unter männlichen Lehrlingen, etwa der Überzeugung, die
Juden besäßen zuviel Macht im Lande. Das glaubt en
Anfang der 90er Jahre insgesamt in Deutschland 20 % der Befragten
(Vergleich: Österreich 28 % Russland 49%)
Lernprozesse
in Politik und Öffentlichkeit
Das erklärte
politische Ziel Adenauers war, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit
zu ziehen und sich mit den Juden auszusöhnen, war verbunden
mit einem kalten Krieg gegen die Opfer und ihre materiellen und
symbolischen Ansprüche, zum Beispiel vor Gericht. Dennoch
wandelten sich die Institutionen langsam, die Politik nahm eine
Renazifizierung nicht hin. 1952 verbot das Bundesverfassungsgericht
die Sozialistischen Reichspartei. Die Parteien sprachen sich programmatisch
gegen Rassenhochmut aus, die SPD trat auch für Wiedergutmachung
und Strafverfolgung von NS-Taten ein. Adenauer forderte 1951 eine
Erziehung im Geist der Toleranz und scharfe Strafverfolgung von
antisemitischer Hetze. In Zusammenhang mit 685 Fällen von
antisemitischen Schmierereien von Ende 1959 bis Ende Januar 1960
(82% der Deutschen waren nach Umfragen für eine Bestrafung
der Täter) gab es gesetzgeberische (Bestrafung von Volksverhetzung)
und bildungspolitische Maßnahmen, die den Rückgang
antisemitischer Haltungen vor allem in der nachwachsenden Generation
förderten.
Trotz der
offiziellen Tabuisierung antisemitischer Denkfiguren war die Geschichte
der Bundesrepublik geprägt von einer langen Kette von Affären,
in den vor allem um den richtigen Umgang mit dem Holocaust gestritten
wurde. Dominierend wurde in diesen Auseinandersetzung ein Eintreten
für eine öffentliche Erinnerungskultur. Der Berliner
Antisemitismusforscher Benz zieht das Fazit: Dennoch. in
Deutschland, wie generell in USA und Europa, hat der Antisemitismus
heute deutlich an gesellschaftlicher Akzeptanz verloren und ist
weitgehend tabuisiert. Juden genießen staatlichen Schutz
und Antisemitismus wird vom Staat, den Massenmedien und den vielen
gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen bekämpft, die
ihre antijüdische Traditionen, wie etwa die Kirchen
revidiert haben. Soziale oder politische Krisen werden nicht mehr
mit Juden verknüpft, sodass Antisemitismus als Erklärungsmodell
nur noch in marginalisierten rechtsextremen Gruppen vorkommt."
Dazu kommt: Die jüdische Minderheit wird öffentlich
intensiv wahrgenommen, sie macht sich bemerkbar. Sie hat Konjunktur
als Objekt der Literatur und sonstiger Sparten der öffentlichen
Kultur. Daraus wächst politische Solidarität auch mit
dem Existenzrecht des Staates Israel.,
Besonders
zu erwähnen ist m.E. der Lernprozess der Linken: am Beispiel
der Grünen
Die Studentenbewegung
hatte 1967 den Philosemitismus Springers und die deutsche Israel-Sympathie
angesichts des Blitzkrieges auf Sinai als Entlastungsversuch denunziert,
stattdessen wurden die Palästinenser als die aktuellen Opfer
des Faschismus begriffen. Die Zionisten zeugen den
Behemoth fort" (so der Titel einer Ende der 60er Jahre kursierenden
Schrift). Die Grünen haben unter vielen Wendungen und Windungen
sich zu einem eindeutigen Bekenntnis für das Existenzrecht
Israels durchgerungen und sind inzwischen weit entfernt von der
Sympathie der Studentenbewegung für den palästinensischen
Terrorismus.
Diese Auseinandersetzung
hat auch viele Evangelischen Studentengemeinden in den 70er intensiv
beschäftigt.
Holocaust
als Focus eines sekundären, schuldabwehrenden Antisemitismus
Jenseits der
Konjunkturen, Konflikten und Meinungen ist der Antisemitismus
auch nach 1945 in Deutschland latent vorhanden, Forscher nennen
ihn sekundären Antisemitismus". Der Bezug zu den
Juden im Land spielt keine entscheidende Rolle mehr. Seit 1948
kann vielmehr ein Antizionismus die Juden kollektiv haftbar machen
für die Politik Israels. Geringere Bedeutung als vor 45 hat
offensichtlich auch die rassistische Zuspitzung; das zeigt, dass
ein antisemitisches Weltbild nicht einfach eine Spielart des Rassismus
ist, der durch Aufklärung und Toleranzappelle überwinden
wäre.
Unterhalb
der offiziellen Tabuisierung, die hier etwas heilsames für
die Gesellschaft hätte, sehe ich verschiedenen Facetten eines
in der Kommunikation latent vorhandenen Ressentiments gegenüber
Juden und der Erinnerung an die ihrem Volk durch Deutsche zugefügten
Leiden. Der Überdruss an der Konfrontation mit dem Holocaust
(genug, zuviel, zulange") verwandelt sich in den Wunsch
und den Anspruch auf ein normales Verhältnis zu den Juden,
zu Israel und zur eigenen Geschichte. Jüdische und auf der
Erinnerung an den Holocaust insistierende Stimmen werden als Störenfriede
wahrgenommen., die die Normalität verweigern. Die Dauerkritik
an Deutschland" und die Verteidigung Israels wird darauf
zurückgeführt, dass die Juden zuviel Macht in
der Welt haben". Der Berliner Antisemitismusforscher Werner
Bergmann schreibt: Die Unmöglichkeit der Normalität
wird als Weigerung seitens der Juden wahrgenommen und führt
zu einem sekundären Antisemitismus, der ins Private eingeschlossen
bleibt, da ihm öffentliche Äußerungsmöglichkeiten
bisher weitgehend fehlten. Wir sprechen deshalb von einem kommunikationslatenten
Antisemitismus ".
Die antisemitische
Reaktion auf die Ausrottung der europäischen Juden besteht
in der Leugnung oder in einer Schuldprojektion auf Juden (Wollen
sie nicht das auserwählte Volk sein? Warum müssen immer
wir Deutschen die Bösen Sein? Nicht häufige, aber regelmäßige
Fragen in meiner politischen Bildungsarbeit).
Wolfgang Benz,
Leiter des Antisemitismus-Institutes in Berlin, fasst seine Analyse
zu folgendem Fazit zusammen: Ein geschlossener antisemitischer
Vorurteilskomplex hat heute an Bedeutung verloren, er hat auch
seine Qualität und Motivation geändert. Es geht bei
ihm heute nicht primär um Gruppenkonflikte, also um rechtliche
Gleichstellung, religiöse Toleranz, wirtschaftliche Konkurrenz,
sondern um ein Ressentiment, das sich als sekundärer
Antisemitismus" aus den Problemen im Umgang mit der NS-Vergangenheit,
insbesondere mit dem Holocaust ergibt."
Ps.: Um Missverständnisse
bei diesem schwierigen Thema zu vermeiden: Wenn ich von Schuldabwehr
schreibe, gehe ich nicht von einer Kollektivschuld aus, sondern
von einer historischen Schuld und Verantwortung, die wir tragen
sollten. Daher fühle ich mich zum Schreiben dieser Hinweise
auch eher verpflichtet als von antifaschistischer Empörungsbereitschaft"
(Thomas Schmid im FAZ-Leitartikel vom 6. Juni 2002) getrieben.
Wesentliche
Argumente und alle empirischen Befunde dieses Textes sind nachzulesen
in:
Benz, Wolfgang: Bilder vom Juden - Studien zum alltäglichen
Antisemitismus; Beck-Verlag München 2001
Bergmann, Werner/Erb, Rainer: Antisemitismus in Deutschland 1945
1996, in:
Benz, Wolfgang,
Bergmann, Werner: Vorurteil und Völkermord - Entwicklungslinien
des Antisemitismus; Bundeszentrale für politische Bildung,
Bonn 1997.
Bergmann,
Werner: Geschichte des Antisemitismus, Beck-Verlag, München
2002.
Reemtsma,
Jan Philipp: Zur historischen Dynamik des Antisemitismus, in:
Hutter, Farnz-Josef/Tesmer, Carsten (Hrsg.): Menschenrechte und
Bürgergesellschaft in Deutschland, Verlag Leske und Budrich,
Opladen 1999.