Anne Frank
Hermann
Glaser
Juni
2004
Warum
war ich nicht derjenige den das Maschinengewehr niedermähte
warum nicht diejenige die in dunkler Straße vergewaltigt
wurde warum nicht der Hungernde der scheu hinter dem Hotel in
einer Abfalltonne nach Essbarem sucht warum nicht das Kind auf
einer Wiese spielend morgen schon deportiert umgebracht warum
bin ich derjenige der nun beruhigt in Alpträumen versinkt?
Wen
das Schicksal begünstigt hat, wer dem Moloch "Geschichte"
auf längere Zeit entronnen ist - wie wir glücklich Überlebenden
eines furchtbaren 20. Jahrhunderts -, wer Geschichte mit dem Anschein
des Sinnlosen einen Sinn zu geben trachtet, wer also Da-sein trotz
allem als Möglichkeit für Hoffnungen begreift, der soll
und muss Trauer- wie Erinnerungsarbeit leisten - für diejenigen,
denen das Lebensglück, das Glück, leben zu dürfen,
zerstört wurde. Nicht durch ein unbestimmbares Schicksal,
sondern als Folge der unfassbaren Bosheit von Menschen, hier von
deutschen Menschen und ihrer wahnhaften Verblendung.
Die von den amerikanischen Autoren Frances Goodrich und Albert
Hackett eingerichtete Bühnenfassung des "Tagebuchs der
Anne Frank" - weltweit aufgeführt und allein 1957 mit
1420 Vorstellungen in 44 verschiedenen Inszenierungen das meistgespielte
Theaterstück der Bundesrepublik - endet mit der Schlusszeile:
"Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen."
Die Figur des einzig Überlebenden der Familie, des Vaters
Otto Frank, dem bei seiner Rückkehr von Auschwitz nach Amsterdam
das gerettete Tagebuch übergeben wurde, spricht über
seine Tochter den Nachsatz: "Wie sie mich beschämt."
Von dem "Tagebuch" sollte eine positive Botschaft ausgehen;
Otto Frank ging es um internationale Zusammenarbeit, wechselseitiges
Verständnis, Toleranz, Bekämpfung des Rassenwahns, Versöhnung.
Diese Botschaft ist angekommen und wird auch mit der Nürnberger
Ausstellung viele, hoffentlich im Besonderen junge Menschen, erreichen,
ergreifen, aufrütteln. "Wie dieses Mädchen uns
beschämt" - in einer Zeit, Welt und Gesellschaft, die
immer noch dem fern steht, was Albrecht Goes im Vorwort der ersten
deutschen Ausgabe des "Tagebuchs" feststellte: "Dieses
Buch, das ohne jede falsche Zutat die Wahrheit sagt, nichts als
die Wahrheit, die ganze Wahrheit." Wahrlich eine Geschichte
für heute!
Man
kann sagen, dass es wohl kein Zeugnis aus der Zeit des nationalsozialistischen
Terrors gibt, das weltweit so nachhaltig Empathie mit den jüdischen
Opfern hervorrief und im Mitleiden eigenes Engagement für
eine bessere Welt bewirkte - ein humanes Vermächtnis, von
dem der niederländische Publizist Jan Komein 1946 in einem
Artikel, welcher der Veröffentlichung des "Tagebuchs"
den Weg bereitete, schrieb, dass es dabei helfe, den "Kampf
gegen das Tier im Menschen" nicht verloren gehen zu lassen.
Quantitativ gesehen: Das Buch ist in Millionen Exemplaren verbreitet;
es ist eine viel verwendete Schullektüre in den Gymnasien
und Gesamtschulen; den Namen Anne Frank tragen auf der ganzen
Welt Schulen, Straßen, Kinderdörfer, Kirchen. Auf den
Erfolg der Bühnenfassung wurde schon hingewiesen; auch der
Film war äußerst erfolgreich. Tausende von Briefen
erreichten die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam, die einen großen
Andrang von Besuchern verzeichnet. Viele Bücher beschäftigen
sich mit dem Schicksal des ermordeten Mädchens. Der Name
"Anne Frank" muss mit rechtlichen Mitteln sogar laufend
wie ein Markenzeichen vor Plagiaten und Missbrauch geschützt
werden, so zum Beispiel, wenn ein Textilproduzent in China seine
T-Shirts unter dem Namen "Anne Frank" auf den Weltmarkt
zu bringen sucht.
Anne
Frank - nicht nur eine Geschichte für heute, sondern auch
eine Geschichte, die in den Sog des Medienzeitalters geriet. Ist
es kleinlich zu fragen, wie viel diese Form der kollektiven Verehrung
noch mit der realen Erfahrung Anne Franks und dem Wortlaut ihres
Tagebuches, mit dem, was sie persönlich beschäftigt
hat, zu tun hat? Hanno Loewy, Direktor des Fritz-Bauer-Instituts
(des "Studien- und Dokumentationszentrums zur Geschichte
und Wirkung des Holocaust" in Frankfurt am Main) spricht
von einer mythischen "Universalisierung" und moralischen
Vermarktung der Anne Frank, mit der Gefahr, dass viele, die sich
mit ihr emotional identifizieren, rasch - zu rasch - sich entsühnt
fühlen. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung
an der Technischen Universität Berlin, beklagt, dass Annes
Geschichte unter den Händen geschäftstüchtiger
Strategen zum Rührstück zu verkommen drohe, zum geradezu
rituell gehandhabten Betroffenheitstext; jüdisches Schicksal
wird nun aus der Stigmatisierung in die Auserwähltheit gerückt.
Anne
Frank selbst hat sich widersprüchlich dazu geäußert,
was sie nach der erhofften Befreiung aus ihrem Versteck mit den
Aufzeichnungen tun wolle. Zum einen erstrebte sie einen publizistischen
Beruf, wollte nach dem Krieg ein Buch über ihr Leben im Hinterhaus
veröffentlichen; zum anderen wollte sie dafür sorgen,
dass niemand das Tagebuch in die Hände bekomme.
Wahrscheinlich hätte sie nicht der Fassung zugestimmt, die
zunächst ihr Vater zusammenstellte - und zwar aus einer Version
von drei Heften, einer veränderten Abschrift auf losen Blättern
und schließlich einzelnen ausformulierten Geschichten. Die
Gründe für die harmonisierenden und Familienprobleme
aussparende Redigierung durch Otto Frank sind durchaus verstehbar;
man muss sich auch die Qualen vorstellen, als er, der einzig Überlebende
der Familie, das Tagebuch seiner Tochter las. Doch tritt erst
aus den gesamten Tagebüchern, wie sie in einer kritischen
Ausgabe des "Niederländischen Staatlichen Instituts
für Kriegsdokumentation" seit 1988 vorliegen, die wirkliche
Anne Frank voll in Erscheinung: Eine durch die Erfahrung von Leid
und Angst gezeichnete Frühvollendete, die sich zugleich durch
einen unsentimentalen Realismus und skeptischen Humor auszeichnet,
deren frühreife Lebenserfahrung nicht geglättet und
harmonisiert ist. Sie scheut sich nicht, die problematischen Familienverhältnisse
zu benennen, setzt sich mit ihrer Sexualität auseinander,
blickt tapfer in den Abgrund (die Kunde von den Massenmorden und
Vergasungen hat das Versteck längst erreicht); sie weiß
radikal zu formulieren - etwa, was die Deutschen und Deutschland
betrifft. Durch eine neue Übersetzung wurden auch die unverzeihlichen
Retuschierungen der ersten Übersetzerin beseitigt. Aus der
enttäuscht-unerbittlichen Feststellung etwa: "Es gibt
keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen
Deutschen und Juden" war die besänftigende geworden:
"Eine größere Feindschaft als zwischen diesen
Deutschen und den Juden gibt es nicht auf der Welt". Aus
Anne Franks Notiz: "Ich habe wieder etwas gelernt, Bordell
und Kokotte, ich habe ein extra Büchlein dafür angeschafft",
machte die Übersetzerin: "Für Fremdwörter
und Aussprüche habe ich mir ein besonderes Heft angelegt."
Dies nur pars pro toto - das "Gesamte" ergäbe eine
lange Liste von Verfälschungen.
Wenn wir uns heute mit dem Tagebuch der Anne Frank beschäftigen,
dann nicht mehr in Form einer die unverfälschte Offenheit
meidenden, aus einem restaurativen Zeitgeist heraus besänftigten,
geglätteten, aus uneinheitlichen Versionen zu einer geschönten
Einheit kompilierten Fassung, sondern mit einer Geschichte, die
nun - und damit gewinnt das Wort von Albrecht Goes eine neue Bedeutung
- ein literarisches Meisterwerk darstellt, "das ohne Zutat
die Wahrheit sagt, die ganze Wahrheit".
Das
literarische Meisterwerk schließt freilich die tief greifende
Herausforderung ein, aus dem Bannkreis der "Literarisierung"
immer wieder herauszutreten, um sich das ganze Ausmaß der
Banalität des Bösen in ihrer gemeinsten Entartung zu
vergegenwärtigen. Deshalb mischt die Ausstellung das Persönliche
und Literarische mit Fakten und Dokumenten.
Die
Leiden der Anne Frank - ein Leben in Angst vor dem Entdecktwerden,
den Tod ständig vor Augen - kann man als Geschichte noch
auf eine Weise mitfühlen, dass man mit der äußersten
Dimension von Entwürdigung und Zerstörung nicht konfrontiert
wird. Doch sollte die autobiographische Geschichte den Nachgeborenen
dazu verhelfen, nicht nur von einer Geschichte angerührt
zu werden, sondern darüber hinaus sich dem zu stellen, was
sich der Literarisierung entzieht und nie historisiert werden
darf: es betrifft die ungeschriebenen und unschreibbaren Kapitel
des Tagebuchs. Eine in der Ausstellung zitierte Zeitzeugin der
Massenvernichtung, die Auschwitz überlebt hat, spricht es
aus: "Man bekam zunächst das Wort nicht über die
Lippen. Es ist immer noch schwierig. Heute spreche ich es aus:
'Vergast'. Denn es ist so."
Über
die Unmittelbarkeit des Grauens kann in einem Vortrag anlässlich
der Vernissage wohl kaum reflektiert werden; sie ist Sache des
lapidaren Berichts. Nachfolgend Hannah Pick, eine Kinderfreundin
von Anne Frank und ihrer Schwester Margot, die ebenfalls in Bergen-Belsen
war, aber der Vernichtung entging. Anfang 1945 sprach sie zum
letzten Mal mit Anne Frank - durch einen Stacheldrahtzaun getrennt.
"Das war nicht dieselbe Anne, die ich gekannt habe. Sie war
ein gebrochenes Mädchen. ... Sie fing sofort an zu weinen
und erzählte mir: 'Ich habe keine Eltern mehr!'
Sie
dachte, ihr Vater sei sofort vergast worden
Wir standen
also da, zwei junge Mädchen, und wir weinten
Dann
sagte sie: 'Wir haben überhaupt nichts zu essen hier, fast
nichts, und wir frieren, wir haben überhaupt keine Kleider,
und ich bin sehr mager, und man hat mich kahlgeschoren.'
An irgendeinem Zeitpunkt in den letzten Tagen stand Anne in eine
Decke gehüllt vor mir.
Sie
hatte keine Tränen mehr, ach, die hatten wir längst
nicht mehr.
Es war ein harter Winter, und sie war in eine
einzige Decke gehüllt. Ich habe alles, was ich finden konnte,
zusammengerafft, um es ihr zu geben, so daß sie wieder angezogen
war. Zu essen hatten wir selbst auch nicht viel
aber ich
habe Anne etwas von unserer Brotration abgegeben. Es sind schreckliche
Dinge passiert. Zwei Tage später bin ich hingegangen, um
nach den Mädchen zu schauen. Sie waren beide tot!"
Doch
kehren wir noch einmal zum "Tagebuch" zurück: Kurz
nach dem Satz, mit dem die Bühneneinrichtung des Tagebuchs
endet, Eintrag vom 15. Juli 1944 - "Trotz allem glaube ich
noch an das Gute im Menschen" -, stehen Sätze, die wir
beherzigen und in unser Gehirn fest einschreiben müssen,
wollen wir uns nicht in der Apokalypse, die wir inzwischen selbst
herstellen können, bewusstlos und widerstandslos einrichten:
"Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von
Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe, wie die Welt langsam
immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den
anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird,
ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch,
wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles zum Guten
wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass
wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden."
Solcher Mut, solche Kraft fällt uns aber nicht zu, dafür
müssen wir einstehen, dazu müssen wir uns aufraffen.
Mit
Günter Eich gesprochen:
"Nein,
schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig
sind.
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn
mit der Leere eurer Herzen
gerechnet wird!
Tut
das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht
erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"