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Institut für
Iberoamerika-Kunde · Alsterglacis 8 · D-20354 Hamburg
Stellungnahme im Rahmen
des Öffentlichen Hearings 25 Jahre Militärputsch
und Völkermord in Argentinien" der Fraktion Bündnis
90/Die Grünen und der Koalition gegen die Straflosigkeit am
21. März 2001 im Reichstagsgebäude in Berlin
Militärregime
und Völkermord aus politikwissenschaftlicher Sicht
Detlef
Nolte
Unbestreitbar ist, dass
während der letzten argentinischen Militärdiktatur, dem
proceso" (1976-1983), massiv die Menschenrechte verletzt
wurden und das argentinische Militärregime von allen Diktaturen
im südlichen Lateinamerika die meisten Menschenleben forderte.
Die Zahlen schwanken zwischen 9.000 und 30.000 Personen, die genaue
Zahl werden wir vermutlich nie erfahren. Dass nicht noch mehr Opfer
zu beklagen sind, ist allein auf den Druck von außen, die
internen Konflikte im Militärregime und das Debakel im Malwinen-Konflikt
zurückzuführen. In einer erst kürzlich veröffentlichten
Biographie mit dem Titel Der Diktator" hat Ex-Juntachef
Videla in einem darin enthaltenen Interview offen das heimliche
Verschwindenlassen" von Regimegegnern verteidigt, weil
die argentinische Bevölkerung Massenexekutionen nicht akzeptiert
hätte. Der Massenmord als solcher wird als völlig legitim
erachtet.
Was unterscheidet die
Repression in Argentinien von anderen lateinamerikanischen Militärdiktaturen
dieser Epoche? Vergleicht man Argentinien mit Chile, wo wir mittlerweile
durch die teilweise Veröffentlichung von Dokumenten des US-amerikanischen
Geheimdienstes CIA und anderer Regierungsstellen über zusätzliche
Informationen verfügen, so fällt auf:
· In Chile entfielen
die Hauptrepression und die größte Zahl der Todesopfer
auf die Wochen und Monate unmittelbar nach dem Putsch. Die Liquidierung
von Regimegegnern hatte zwei klare Ziele: die Beseitigung oder Abschreckung
von Personen, denen die Militärs in einer Phase, in der sie
noch ihre Macht konsolidierten, ein Widerstandspotential zuschrieben.
Dies zeigt sich deutlich am Fall der Todeskarawane",
wegen derer sich Pinochet zur Zeit - noch - vor Gericht verantworten
muss. Danach war die Beseitigung von Regimegegnern eher selektiv
und weitgehend zentral über die Geheimpolizei gesteuert. Nur
ein Teil der Streitkräfte war nach der Putschphase, während
der die gesamten Sicherheitskräfte an der Unterdrückung
von Repräsentanten und Anhängern der Allende-Regierung
beteiligt waren, in die institutionalisierte Repression involviert.
Neben der Vernichtung von Regimegegnern wurde in großem Umfang
auf Maßnahmen wie die zwangsweise Exilierung von tatsächlichen
oder potentiellen Regimeoppositionellen zurückgegriffen.
· In Argentinien
stand der Terror weit weniger in einem zeitlichen und instrumentellen
Zusammenhang zur Machtkonsolidierung der Militärs, er war weit
weniger selektiv, hochgradig dezentralisiert und umfasste fast die
gesamten Streitkräfte. Eine derartige Repressionspolitik geht
zwangsläufig weniger vom individuellen Regimegegner aus, der
als Bedrohung wahrgenommen wird und deshalb im Extremfall vernichtet
werden muss, sondern von Oppositions- oder Feindgruppen, die relativ
breit definiert sind, und über deren Zusammensetzung und Liquidierung
in der militärischen Führung und im Offizierkorps ein
breiter Konsens bestand.
Die relativ hohe Zahl
an Todesopfern, die das argentinische Militärregime forderte,
und die aus der Sicht des Regime relativ breite Definition der potentiellen
Opfergruppen werfen die Frage auf, ob es sich im argentinischen
Fall zumindest in Ansätzen um einen Genozid an Teilen des eigenen
Volkes handelt; im Bewusstsein der Tatsache, dass nach der vorherrschenden
Interpretation des Völkerrechts, politisch definierte Gruppen
nicht unter die Genozidklausel fallen. Obgleich die spanische Audiencia
Nacional in einer abweichenden Rechtsauslegung - den Genozidbegriff
auch auf den Versuch der Liquidierung nationaler Gruppen bezogen
hat.
Folgende Argumente sprechen
aus politikwissenschaftlicher Sicht dafür, den Massenmord durch
das argentinische Militärregime als Genozid an Teilen des eigenen
Volkes einzuordnen:
1. Das weitgefächerte,
ausgeklügelte System der Gefangenenlager, die Systematik
bei der Ermordung und die große Zahl der Opfer sind Indizien
dafür, dass die Militärs eine Vernichtungsmaschinerie
aufgebaut haben, die nur bedingt auf die Verfolgung politischer
Gegner, die eine reale oder potentielle Bedrohung für das
System darstellten, ausgerichtet war, sondern auf die Vernichtung
bestimmter Bevölkerungsgruppen bzw. gesellschaftlicher Subkulturen
abzielte.
2. Das argentinische
Militär definierte sich im Krieg gegen einen inneren Feind,
der nur zu einem Teil politisch definiert war: die bewaffneten
Gruppen der Stadtguerilla und ihre unmittelbaren Unterstützungsgruppen.
Darüber hinaus waren die Militärs nach einem organizistischen
Staatsverständnis bestrebt, die argentinische Nation von
aus ihrer Sicht kranken Elementen zu befreien, gegebenenfalls
auch durch eine Notoperation. Die Militärs beriefen sich
auf die abendländisch christlichen Werte und die argentinische
Nation. Wer zur argentinischen Nation gehörte, definierten
die Militärs. Die nationalen Gruppen, die nicht dazu gezählt
wurden, waren in einer Art Kreuzzug Videla spricht in diesem
Zusammenhang von einem aus christlicher Sicht gerechten
Krieg" (schmutzige Kriege" gibt es nach seiner
Geschichtsinterpretation nicht) - der Vernichtung frei gegeben.
Es handelte sich dabei nur zum Teil um eine eng umgrenzte politische
Gruppe, letztlich sollten bestimmte Subkulturen vernichtet werden.
Dazu gehörten engagierte Gewerkschafter, kritische Intellektuelle,
bestimmte Wissenschaftler (wie z.B. Sozialwissenschaftler), kritische
Journalisten, sozial engagierte Christen (bzw. bestimmte religiöse
Orden, die mit der Befreiungstheologie in Verbindung gebracht
wurden), jüdische Mitbürger (insbesondere wenn diese
noch weitere von den Militärs als negativ erachtete politische
oder soziale Kriterien aufwiesen). Betroffen war potentiell jede
Gesellschaftsgruppe, die nicht dem Weltbild der Militärs
entsprach.
3. Der Sachverhalt,
dass es sich nicht um klar definierte politische Gruppen handelte,
zeigt sich u.a. daran, dass die militärische Bedrohung des
Regimes bereits 1976 weitgehend neutralisiert war, die Tötungsmaschinerie
aber weiterlief. Die Systematik der Tötung und die große
Zahl der Opfer deuten auf einen Gesamtplan zur Beseitigung der
ausgegrenzten nationalen Gruppen hin. D.h., es waren keine Gewaltexzesse,
sondern geplante Massenexekutionen, wie sie jetzt auch von Videla
bestätigt wurden. Dies manifestierte sich auch darin, dass
innerhalb der Streitkräfte nahezu alle Offiziere in einer
Art Blutpakt" an Tötungsaktionen beteiligt wurden,
wie sie beispielweise in einem Interview mit dem ehemaligen Marineoffizier
Scilingo, das später als Buch (Der Flug"/"El
vuelo") veröffentlicht wurde, beschrieben wurden.
4. Die Strategie der
Vernichtung bestimmter nationaler Gruppen zeigt sich auch daran,
dass ganze Familien ausgelöscht bzw. in Sippenhaft genommen
wurden. Unter den Opfern befanden sich Alte, Behinderte und Kinder,
die keinerlei militärische Bedrohung darstellten.
5. Die Strategie des
Verschwindenlassens", der Ermordung ohne Zeugnis über
den Verbleib der Opfer, zielte neben der Vertuschung der Verbrechen
auf die Vernichtung der Identität ganzer Opfergruppen. Aus
diesem Grund sind die Prozesse zur Aufklärung des Schicksals
der Verschwundenen", wie beispielsweise die Juicios
por la Verdad" in Argentinien, die auch von der Interamerikanischen
Menschrechtskommission unterstützt werden, so wichtig. Wer
diese Verfahren in Frage stellt, unterstützt damit nachträglich
die Strategie der Militärs, die Identität ihrer Opfer
auszulöschen und ihnen damit den letzten Rest an Menschenwürde
zu nehmen.
6. Auch das Phänomen
des Kindesraubes, d.h., dass man den Familien der Opfer die Kinder
wegnahm, deutet auf eine Vernichtungsstrategie hin. Man wollte
nicht nur bestimmte Personen liquidieren, sondern ganzen Familien,
die man einer ausgegrenzten Subkultur oder nationalen Gruppe zurechnete,
die Nachkommen nehmen. Die Kinder wurden zwar nicht als Personen
liquidiert, aber es wurde ihre ursprüngliche Identität
vernichtet und durch eine andere ersetzt, die den Kriterien der
Militärs entsprach.
Es ist aus meiner Sicht
ex post schwer nachzuprüfen, ob die Gesetze Alfonsíns
zur Begrenzung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit der für
Menschenrechtsverletzungen verantwortlichen Militärs oder die
Amnestie Menems der einsitzenden und rechtskräftig verurteilten
Junta-Generäle damals eine politische Notwendigkeit zur Stabilisierung
der argentinischen Demokratie darstellten. Immerhin wurden die Demokratie
und die Entwicklung der zivil-militärischen Beziehungen in
den 90er Jahren durch diese Entscheidungen nicht negativ beeinflusst.
Die argentinische Demokratie ist heute wesentlich stabiler als vor
15 oder noch vor zehn Jahren und die Militärs sind kein Machtfaktor
mehr.
Diese positive Entwicklung
sollte nicht als Entschuldigung genommen werden - mit dem Menetekel,
wieder die Zustände der Vergangenheit heraufzubeschwören
- , um einer Auseinandersetzung mit den offenen Fragen bei der Aufarbeitung
der Menschenrechtsverletzungen während der Militärherrschaft
auszuweichen.
Die Aufarbeitung von
Menschenrechtsverletzungen nach dem Ende von Diktaturen ist immer
ein Kompromiss zwischen dem politisch Machbaren, dem moralisch Wünschbaren
und dem politisch Notwendigen. Das Gewicht, das den drei Orientierungspunkten
für das Handeln zukommt, kann sich im Lauf der Zeit verändern.
Während das moralisch Wünschbare bei der Aufarbeitung
der Menschenrechtsverletzungen als relativ konstant angesehen werden
kann, sind das politisch Machbare und das politisch Notwendige variable
Größen.
Wenn die Demokratie nicht
mehr bedroht ist und sich neue Spielräume für das politisch
Machbare auftun, dann sollte die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen
voran getrieben werden, auch wenn dies in der Sichtweise mancher
liberaler Ökonomen als Störfaktor in der Außenwahrnehmung
des Landes angesehen wird. Und es gibt eine politische Notwendigkeit:
Die überlebenden Opfer und Täter werden älter, einige
sind bereits gestorben, die Rekonstruktion der Vergangenheit wird
damit schwieriger. Jeder Prozess und die damit verbundene Beweissicherung
leistet einen Beitrag, um die Verbrechen der Vergangenheit für
die Zukunft zu dokumentieren.
Vor diesem Hintergrund
verdienen Richter wie Gabriel Cavallo in Argentinien, Juán
Gúzman in Chile und nicht zuletzt Baltasar Garzón
in Spanien, aber auch Nichtregierungsorganisation wie die Gruppe
der deutschstämmigen Familienangehörigen" in Argentinien
oder die Koalition gegen die Straflosigkeit" in Deutschland
um nur zwei Beispiele zu nennen - unseren höchsten Respekt.
Sie stehen an vorderster Front in einem Kampf für einen besseren
Schutz der Menschenrechte in der Gegenwart und in der Zukunft, indem
sie gegen die Straflosigkeit von Menschenrechtsverletzungen in der
Vergangenheit angehen. Nur auf diesem Wege kann die Forderung des
nunca más", die über dem Bericht der argentinischen
Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas
(CONADEP) von 1984 steht, Realität werden.
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