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Der
Fall Pinochet" eine Chronik
vom Tag des Putsches
1973 bis Mitte Mai 2000
zusammengestellt
von Rainer Huhle
Nach der Rückkehr
General Pinochets aus seinem Londoner Hausarrest ins heimatliche
Chile ist es in der internationalen Presse wieder still um den ehemaligen
Diktator geworden. In Chile dagegen, wo fast gleichzeitig zum ersten
mal seit 1973 wieder ein Sozialist zum Präsidenten gewählt
wurde, ist die politische Szenerie in heftige Bewegung geraten.
Im Mai 2000 waren bereits über hundert Verfahren gegen Pinochet
vor der chilenischen Justiz anhängig.
11.9.1973 General Pinochet
putscht gegen die verfassungsmäßige Regierung von Präsident
Allende.
19.4.1978 In einem Gesetzesdekret
gewährt sich die Diktatur Straffreiheit für alle Verbrechen,
die von ihren Angehörigen zwischen dem 11. September 1973 und
dem 10. März 1978 begangen wurden.
11.9.1980 Die Diktatur
lässt sich per Plebiszit ihre eigene autoritäre Verfassung
absegnen.
5.10.1988 In einem weiteren
Plebiszit entscheidet sich Chile gegen die weitere Präsidentschaft
Pinochets und für die Rückkehr zu allgemeinen Wahlen.
14.10.1989 Als erster
Präsident der Nachdiktaturzeit wird der Christdemokrat Patricio
Aylwin gewählt, der im März 1990 sein Amt antritt. Die
Verfassung der Diktatur wird in etlichen Punkten modifiziert, behält
aber wesentliche undemokratische Elemente bei.
Juli 1996 Der spanische
Richter Manuel García Castellón beginnt eine Untersuchung
gegen Pinochet wegen der zwischen 1973 und 1990 in Chile begangenen
Verbrechen.
11.3.1998 Nach dem Ende
seiner 25-jährigen Amtszeit als Oberbefehlshaber der Streitkräfte
tritt Pinochet gemäß der Verfassung sein Amt als lebenslanger
Senator der Republik an.
22.9.1998 Pinochet reist
nach London mit einem Diplomatenpass und unterzieht sich einer Rückenoperation.
16.10.1998 Auf Antrag
des spanischen Richters Baltasar Garzón, der einen internationalen
Haftbefehl ausstellt, wird Pinochet in London unter Arrest gestellt.
Die chilenische Regierung protestiert und führt die diplomatische
Immunität Pinochets ins Feld.
22.10.1998 Das Europaparlament
begrüßt die Verhaftung Pinochets. Auch andere internationale
Organe sehen in ihr einen wichtigen Schritt zur Durchsetzung internationalen
Rechts. Gleichzeitig spricht Präsident Frei erstmals von der
Mögichkeit einer Freilassung aus humanitären Gründen".
28.10.1998 Der High Court
erkennt die Immunität Pinochets an. Die britische Staatsanwaltschaft
geht in Berufung.
6.11.1998 Die spanische
Regierung gibt grünes Licht für das Auslieferungsbegehren
der spanischen Justiz. Chile ruft seinen Botschafter aus Madrid
zurück.
25.11.1998 Mit drei gegen
zwei Stimmen entscheidet das Lordgericht in London, dass Pinochet
keine diplomatische Immunität in der Anklage wegen Verbrechen
gegen die Menschheit genießt.
1.12.1998 Pinochet tritt
seinen Hausarrest in einer Nobelvilla an. Das Auslieferungsverfahren
kommt in Gang.
11.12.1998 Pinochet erklärt,
er erkenne keinen britischen oder sonstigen ausländischen Gerichtshof
an. Gleichzeitig wird ein Brief Pinochets bekannt gemacht, in dem
er sich aller ihm vorgeworfenen Verbrechen für unschuldig erklärt.
17.12.1998 Das Lordgericht
entscheidet, dass wegen möglicher Befangenheit eines der Richter
im ersten Verfahren Richter Hoffmann hat Verbindungen zu
amnesty international eine neue Kammer nochmals entscheiden
muss.
24.3.1999 Auch die neue
Kammer der Lordrichter entscheidet gegen die Immunität Pinochets.
Gleichzeitig aber begrenzt sie die Anklagepunkte gegen Pinochet
auf Taten, die nach dem 8. Dezember 1988 begangen wurden, dem Tag,
an dem Großbritannien die Konvention gegen die Folter unterschrieb.
7.4.1999 Richter Garzón
erneuert seinen Auslieferungsantrag und fügt ihm eine Reihe
von Fällen bei, die nach dem 8.12.88 begangen wurden.
17.4.1999 General Ricardo
Izurieta, Nachfolger Pinochets im Amt des Oberbefehlshabers der
Streitkräfte, besucht seinen Vorgänger in der Villa in
London.
8.6.1999 Die ehemalige
britische Premierministerin Margaret Thatcher stattet Pinochet ihren
dritten Besuch ab und führt ihre aggressive Kampagne gegen
die Arrestierung Pinochets fort.
15.6.1999 Clara Szczaranski,
Präsidentin des Staatsverteidigungsrats (CDE), erklärt,
dass sich dieses Organ nicht der Klage gegen Pinochet anschließe,
die Richter Guzmán wegen der Todeskarawane" 1973
gegen Pinochet erhoben hat. In Spanien wirbt der neue chilenische
Außenminister Valdés für eine Rückkehr Pinochets
nach Chile aus humanitären Gründen. In Chile versichert
Präsident Frei, seine Regierung werde alles tun, um Pinochets
Rückkehr nach Chile zu erreichen.
30.6.1999 Die USA geben
5.300 Dokumente, insgesamt mehr als 20.000 Seiten zur Geschichte
des chilenischen Putsches und den ersten Jahren der Diktatur frei,
die auch belastendes Material zu Pinochet enthalten.
9.7.1999 Pinochet erklärt,
er werde nicht aus humanitären Gründen" nach
Chile zurückkehren, sondern verlange seine Freilassung. Seine
Verhaftung sei ein Angriff auf die Souveränität Chiles
und ein Bruch des Völkerrechts. Einige Tage später bezeichnet
er sich als Englands einzigen politischen Gefangenen".
7.8.1999 Chilenisch-spanische
Verhandlungen hinter den Kulissen über eine Lösung"
des Falles Pinochet enden ergebnislos.
16.8.1999 Nach einem
Besuch bei Pinochet erklärt der Oberbefehlshaber der chilenischen
Marine, Admiral Arancibia, dass Pinochet bereit sei, eine Freilassung
aus humanitären Gründen zu akzeptieren. Kurz darauf unterzieht
er sich einer gründlichen medizinischen Untersuchung.
31.8.1999 In Chile sitzen
in einer vom Verteidigungsminister initiierten Dialogrunde"
erstmals Militärs und Menschenrechtsanwälte an einem Tisch.
Verschiedene Menschenrechtsorganisationen distanzieren sich von
dem Unternehmen.
14.9.1999 In einem weiteren
offenen Brief erwähnt Pinochet erstmals den Schmerz der Opfer
seines Regimes, ohne aber Schuld anzuerkennen oder Reue zu äußern.
15.9.1999 Chile erklärt,
es wolle den Streit mit Spanien vor den Internationalen Gerichtshof
in Den Haag bringen.
20.9.1999 In Chile wird
der General i.R. Humberto Gordón wegen der Ermordung des
Gewerkschafters Tucapel Jiménez im Jahr 1983 verhaftet. Pinochet
sendet ihm eine Solidaritätsadresse.
27.9.1999 In London beginnt
das Auslieferungsverfahren gegen Pinochet.
8.10.1999 Richter Bartle
verkündet seinen Spruch: Die Auslieferung Pinochets an Spanien
ist in 34 der von Richter Garzón vorgetragenen Fälle
zulässig.
14.10.1999 Chile beantragt
offiziell die Freilassung und Rückkehr Pinochets aus gesundheitlichen
Gründen. Der britische Innenminister Straw sichert eine gründliche
Prüfung des Antrags zu.
16.10.1999 In einer Großdemonstration
feiern Demonstranten in London den ersten Jahrestag der Verhaftung
Pinochets.
22.10.1999 Pinochets
Verteidigung legt Berufung gegen den Spruch Richter Bartles ein.
2.11.1999 Pinochet verweigert
die Beantwortung eines Fragebogens, den ihm die chilenische Justiz
zugeschickt hatte.
5.11.1999 Innenminister
Straw ordnet ein ärztliches Gutachten über den Gesundheitszustand
Pinochets an.
16.11.1999 Auf dem iberoamerikanischen
Gipfel in La Habana wird eine Erklärung gegen Interventionismus
und die Einmischung ausländischer Justizbehörden verabschiedet,
ohne den Namen Pinochets explizit zu nennen. Die Initiative wurde
vor allem von den Präsidenten Frei und Menem betrieben.
28.11.1999 Chile entscheidet,
vorläufig doch nicht vor dem IGH in Den Haag zu klagen.
12.12.1999 Bei den Wahlen
in Chile kommt es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Kandidaten
der Regierungskoalition, dem Sozialisten Ricardo Lagos und seinem
konservativen Herausforderer, Joaquín Lavín. Eine
Stichwahl wird notwendig.
21.12.1999 Der Oberste
Gerichtshof in Spanien bestätigt die Ausdehnung von Richter
Garzóns Auslieferungsantrag auf insgesamt 72 Anklagepunkte.
31.12.2000 Zum Jahresende
sind in Chile 57 gerichtliche Untersuchungen gegen Pinochet wegen
verschiedener Verbrechen der Diktatur anhängig.
5.1.2000 Pinochet unterzieht
sich der von Straw angeordneten ärztlichen Untersuchung.
11.1.2000 Die britische
Regierung gibt ihre Absicht bekannt, Pinochet aufgrund der Ergebnisse
des ärztlichen Gutachtens, das sie geheim hält, freizulassen.
Sie setzt eine Frist von sieben Tagen für Einwände.
16.1.2000 Im zweiten
Wahlgang gewinnt Ricardo Lagos knapp die Präsidentschaftswahlen
in Chile.
25.1.2000 Der chilenische
Kongress beschließt eine Verfassungsänderung, die den
offiziellen Status des Ex-Präsidenten schafft. Ex-Präsidenten
steht nach dieser Reform ein lebenslanger Sold zu, vor allem aber
die Immunität vor Strafverfolgung. Die Vorbereitungen zu der
Verfassungsänderung waren in der Öffentlichkeit unbemerkt
geblieben.
27.1.2000 Eine Sondermaschine
der chilenischen Luftwaffe landet in London.
8.2.2000 Der High Court
in London lässt den Widerspruch der belgischen Regierung gegen
die Entscheidung Straws zu.
15.2.2000 Der High Court
ordnet die vertrauliche Aushändigung des medizinischen Gutachtens
an die Regierungen von Belgien, Spanien, Frankreich und der Schweiz
an. Diese Regierungen, die die Auslieferung Pinochets beantragt
hatten, sollen die Möglichkeit zu Einwendungen erhalten. Einen
Tag später publizieren spanische Presseorgane weite Teile des
Berichts, der Pinochet größere Gehirnschäden attestiert.
18.2.2000 Zum wiederholten
mal spricht sich der Vatikan für die Freilassung Pinochets
aus.
29.2.2000 Straw lehnt
den Antrag mehrerer Regierungen sowie von Richter Garzón
ab, die ein neues medizinisches Gutachten verlangt hatten.
2.3.2000 Straw ordnet
die Freilassung Pinochets an. Noch am selben Tag hebt die chilenische
Sondermaschine vom Luftwaffenstützpunkt Waddington ab. In Santiago
wird Pinochet nach 503 Tagen unfreiwilligen Aufenthalts in London
auf dem Flugfeld mit allen militärischen Ehren empfangen. Im
Fernsehen macht er einen rüstigen Eindruck. Ein erneutes ärztliches
Gutachten, erstellt nach kurzem check im Militärhospital, bestätigt
die Ergebnisse der Londoner Untersuchung.
3.3.2000 Der noch amtierende
Präsident Frei äußert sich zufrieden über Pinochets
Rückkehr und betont, die Regierung habe ihr Versprechen gehalten.
Der neugewählte Präsident Lagos erklärt, dass Pinochets
Schicksal nun in den Händen der Justiz liegen müsse und
dass die von der britischen Regierung angeführten gesundheitlichen
Gründe für die chilenische Justiz nicht maßgeblich
seien.
10.3.2000 Der spanische
Richter Baltasar Garzón erneuert seinen internationalen Haftbefehl
gegen Pinochet wegen Völkermords, Terrorismus und Folter.
11.3.1999 Ricardo Lagos
tritt sein Amt als dritter Präsident Chiles nach dem Ende der
Diktatur an. Er ist zugleich der erste Sozialist in diesem Amt seit
dem Sturz Allendes 1973.
15.3.2000 Der Oberste
Gerichtshof Chiles weist einen Antrag der US-Justiz zurück,
in Chile Vernehmungen im Fall der Ermordung des ehemaligen Ministers
Orlando Letelier durchzuführen. Letelier war 1976 in Washington
durch die DINA ermordet worden. Für das Verbrechen wurden mehrere
hohe Offiziere der DINA in Chile verurteilt, da das Amnestiegesetz
von 1978 hier nicht anwendbar war. Ergebnis der neuen Untersuchungen
könnte die direkte Verantwortlichkeit Pinochets sein, Der Oberste
Gerichtshof ordnete aber an, dass ein chilenischer Richter 46 der
von der US-Justiz gewünschten Personen vernehmen solle.
27.3.2000 Nach einer
jüngsten Meinungsumfrage wollen 57% der Chilenen, dass Pinochet
vor Gericht gestellt wird.
7.4.2000 Das Appellationsgericht
von Santiago entscheidet, dass ein Antrag der Verteidigung von Pinochet
auf eine Untersuchung des Gesundheitszustandes des Generals erst
nach Eröffnung des Verfahrens über die Aufhebung seiner
Immunität behandelt werden könne.
26.4.2000 Das Appellationsgericht
von Santiago eröffnet das Verfahren um die Aufhebung von Pinochets
Immunität mit der Anhörung eines Berichts über die
gerichtlichen Untersuchungen im Fall der Todeskarawane"
von 1973. Pinochet, der dem Verfahren nicht beiwohnt, erklärt
von seiner Wohnung aus, er habe nie jemanden foltern oder töten
lassen.
28.4.2000 Clara Szczaranski,
Präsidentin des Consejo de Defensa del Estado (CDE), einer
Art Landesanwaltschaft, spricht sich in sscharfen Worten für
die Aufhebung der Immunität Pinochets aus.
4.5.2000 Mit einem Stimmenpatt
lehnt das Appellationsgericht eine erneute medizinische Untersuchung
Pinochets ab.
5.5.2000 Der Oberkommandierende
des Heeres, General Izurieta, nimmt demonstrativ an einer Veranstaltung
der Pinochet-Stiftung" teil. Menschenrechtsanwälte
verlangen seinen Rücktritt, während Präsident Lagos,
wiederholt, er habe dafür zu sorgen, dass die Gerichte frei
von Druck ihrer Arbeit nachgehen können.
General Pinochet erhält,
mit zweimonatiger Verzögerung, einen Beschluss der argentinischen
Richterin María Servini zugestellt, in dem er aufgefordert
wird, sich einen Anwalt zu nehmen, da er als Beschuldigter im Fall
des 1974 in Buenos Aires ermordeten ehemaligen Oberbefehlshabers
der chilenischen Streitkräfte, General Prats, vernommen werden
solle. Pinochet ignoriert den Beschluss.
8.5.2000 Als Antwort
auf die Kritik der Anwälte brechen die Militärs ihre Beteiligung
am Dialogtisch" ab. An diesem Dialogtisch"
hatten seit über einem Jahr Vertreter der Streitkräfte
und Menschenrechtsanwälte über eine Lösung des Problems
der Verschwundenen beraten, ohne Erfolg.
11.5.2000 Wegen der Ermordung
des Zollbeamten Juan Jimenez Vidal im Jahr 1973 wird das Verfahren
Nr. 100 gegen General Pinochet in Gang gesetzt.
14.5.2000 Präsident
Lagos wiederholt öffentlich seine Auffassung, dass die von
ihm geforderte Verfassungsreform nicht von einer Einstellung des
Verfahrens gegen General Pinochet abhängen dürfe. Dieses
Verfahren sei in strikter Autonomie der Justiz durchzuführen.
16.5.2000 Präsident
Lagos kritisiert öffentlich ein Treffen der vier Kommandanten
der Teilstreitkräfte, das er als unzulässige Ausübung
von Druck auf die Regierung interpretiert.
31.5.2000 36 Abgeordnete
des amerikanischen Kongresses fordern Präsident Clinton auf,
die Auslieferung von Pinochet an die US-Justiz in die Wege zu leiten,
falls sich die neuen Indizien für eine Urheberschaft des Ex-Generals
im Mordfall Letelier erhärten sollten.
5.6.2000 Mit einer knappen
Mehrheit entscheidet das Berufungsgericht von Santiago, die Immunität
von Augusto Pinochet als Senator aufzuheben. Damit können die
Ermittlungen des Richters Guzmán im Fall der Todeskarawane"
weitergehen. Die Verteidigung Pinochets legt Berufung zum Obersten
Gerichtshof ein. Die Familie des ehemaligen Diktators lässt
verlauten, dass Pinochet ob der Entscheidung in tiefe Depression"
verfallen sei.
7.6.2000 Unter Missachtung
einer ausdrücklichen Aufforderung von Präsident Lagos,
sich nicht öffentlich zum Fall Pinochet zu äußern,
erklärt der Oberkommandierende der Streitkräfte, General
Izurieta, dass das Urteil über Pinochet, wie über andere
große Männer, nicht von seinen Zeitgenossen, sondern
von der Geschichte zu sprechen sei. Ein anderer General hingegen
meint, nur Gott könne über Pinochet urteilen.
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