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Die
Überwindung der Vergangenheit in Argentinien: Bemühungen
gegen die Straflosigkeit nach 23 Jahren
Esteban
Cuya
Entführungen
und Verschwindenlassen von Deutschen und Deutschstämmigen,
die im Jahr 1976 von argentinischen Polizisten und Militärs
begangen wurden
Solidarität
gegenüber der Repression
Gerechtigkeit
jenseits der Grenzen
Hearing
gegen die Straflosigkeit in Argentinien
Entführung
und Ermordung von Elisabeth Käsemann
Der Fall
"Major Peirano"
Die Rückkehr
der Unterdrücker
Attentat
gegen den Koordinator der Koalition
Die Perspektiven
für die Arbeit der Koalition
Literatur
________________________
Die Militärdiktatur,
die Argentinien zwischen 1976 und 1983 regierte, führte den
brutalsten Krieg der argentinischen Geschichte gegen die eigene
Bevölkerung: Wehrlose Menschen wurden entführt, gefoltert,
ermordet, terrorisiert, oder sie verschwanden. Diese Taten sind
auch nach zwei Jahrzehnten ein unüberwundenes historisches
Trauma, die Frage der Aufarbeitung der Vergangenheit steht immer
noch auf der gesellschaftlichen Tagesordnung.
Zur Erleichterung ihres
"Schmutzigen Krieges" löste die Militärregierung
den Kongreß auf, entließ die Mitglieder des Obersten
Gerichtes, verbot politische Organisationen und Gewerkschaften und
setzte die Grundrechte und Garantien außer Kraft. Per Dekret
wurden das Menschenrechtsforum und die "Kommission der Angehörigen
politischer Gefangener" aufgelöst, ihre Büros geschlossen,
ihr Besitz konfisziert, die Bankkonten gesperrt und jede gerichtliche
Verteidigung verboten. Zahlreiche Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen
wurden verfolgt, entführt, eingesperrt und umgebracht.
Von dem kriegerischen
Wahn der Streitkräfte waren nicht nur Tausende argentinischer
Familien betroffen, sondern auch europäische und lateinamerikanische.
Unter den 30.000 Opfern befinden sich 500 Menschen spanischer, italienischer,
deutscher, französischer oder anderer Herkunft, wegen denen
zur Zeit Strafprozesse in Europa angestrengt werden.
Entführungen
und Verschwindenlassen von Deutschen und Deutschstämmigen,
die im Jahr 1976 von argentinischen Polizisten und Militärs
begangen wurden
Am 24. März 1976
stürzten die Militärs die Regierung der Präsidentin
María Estela Martínez de Perón. Sofort danach
wird der von José López Rega, "Ministro de Bienestar
Social", organisierte Todesschwadron "Argentinische Antikommunistische-Allianz",
(TRIPLE A) zu einem weiteren Bestandteil der repressiven Strukturen
der Streitkräfte. Mit Hilfe von TRIPLE A hatte López
Rega bereits in den vorhergehenden drei Jahren ca. 300 Ermordungen
aufgrund politischer Motive verüben lassen. Somit steigt die
Anzahl der Fälle von Entführungen, Verschwindenlassen,
systematische Folter von Gefangenen und Massakern, begangen von
Polizei- und Militäragenten. Diese Unterdrückung wirkte
sich auch auf die Angehörigen der deutschen Gesellschaft in
Argentinien.
26-03-1976 Eine Gruppe
zivilgekleideter, bewaffneter Männer entführt den Studenten
der Technischen Universität München Klaus Manfredo Zieschank,
der in Buenos Aires als Praktikant arbeitete, direkt von seinem
Arbeitsplatz
26-03-1976 In Escobar
entführen Polizeiagenten den Journalisten Tilo Wenner
01-04-1976 Entführung
von José Mariano Fraczek Kant
03-04-1976 Peter Falk
verschwindet nach der Festnahme durch die Polizei.
09-04-76 Nicodemus Aspeleiter
und sein Sohn Alfredo Aspeleiter werden aus ihrer Wohnung entführt
10-05-1976 Entführung
von Luis Pender Gross
10-05-1976 Entführung
von Guillermo Engel Osuno
30-05-1976 Entführung
von Miguel Angel Bustos Von Joecker
12-06-1976 Felisa Violeta
Wagner de Galli, ihr Sohn Guillermo Galli Wagner und dessen Frau
Teresa Flynn werden aus der eigenen Wohnung entführt
14-06-1976 Entführung
von José Francisco Schiller Mury
15-06-1976 In Resistencia
wird Máximo Ricardo Wettengel entführt
16-06-1976 Entführung
von Julio Arin Delacourt
19-06-1976 Polizeiagenten
entführen Marta Beatriz Oesterheld. Danach werden noch weitere
Fünf Familienmitglieder entführt werden.
22-06-1976 Angel Adolfo
Mendez Brander verschwindet
Juni 1976 Entführung
von Patricio Biedma
12-07-1976 Entführung
von Alicia Raquel DAmbra-Esposito
30-07-1976 Abel Vigo-Boehm
wird aus seinem Haus entführt
30-07-1976 Der Journalist
Victor Eduardo Seib wird entführt
31-07-1976 Entführung
der Studentin Alicia Nora Oppenheimer
03-08-1976 Entführung
von Ricardo Heinze Caloisi
07-08-1976 In Tucumán
werden Diana Irene Oesterheld Araldi und ihr Ehemann Raul Carlos
Araldi entführt. Die Tochter der beiden kam später im
Konzentrationslager "Campo de Mayo" zur Welt.
20-08-1976 Entführung
von Luis German Cirigliano
21-08-1976 Entführung
der Meteorologin Leonor Gertrudis Marx
26-08-1976 In Mar del
Plata wird Ferdinand Hallgarten entführt
28-08-1976 Entführung
von Maria San Vicente Bergmann
24-09-1976 Entführung
der Medizinstudentin Marlene Kegler-Krug
25-09-1976 Entführung
von Cristina Kaltenbach und ihrem Ehemann durch Angehörige
der Militärstreitkräfte
30-09-1976 Entführung
von Albert Burghard
15-10-1976 Frederico
Jorge Tatter wird aus seinem Haus entführt
Oktober 1976 Entführung
von Vladimiro Hippler
01-11-1976 Entführung
von Guillermo Ritter
10-11-1976 Der Arzt José
Pargament Meller wird aus seinem Haus entführt
20-11-1976 In Cordoba
wird Carlos Alberto DAmbra-Esposito entführt
30-11-1976 In La Plata
wird Friedrich Gerard Lüdden Lehmann aus seinem Haus entführt
02-12-1976 Entführung
von Alberto Roque Krug
09-12-1976 In Misiones
wird Anselmo Hippler entführt
16-12-1976 In Neuquen
werden Raul Eugenio Metz, seine Ehefrau und die gemeinsame Tochter
Alicia aus ihrem Haus entführt
Etwa die Hälfte
der 90 Deutschen und Deutschstämmigen, die entführt wurden,
"verschwanden" 1976 im ersten Jahr der Militärdiktatur.
Es ist unmöglich, daß so viele Fälle vom Personal
der deutschen Botschaft in Argentinien nicht bemerkt wurden, insbesondere
weil ihre Aufgabe ist, auf die Sicherheit deutsche Staatsbürger
zu achten und ihre Interessen zu wahren.
Die Angehörigen
der Entführten baten die Botschaft zunächst um Hilfe.
Diese beschränkte sich aber darauf, Listen der Verschwundenen
zu erstellen. In einigen Fällen riefen Angehörige der
Botschaft bei den Polizeieinheiten der Gegend an, wo die Entführung
geschehen war; ab und zu wurden zaghafte Briefe an die zuständigen
Militär- oder Justizbehörden geschrieben. Später
verwies die Botschaft die Angehörigen für einige Jahre
an einen Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes, den
"Major Peirano". Nach Aussagen zahlreicher Angehöriger,
die sich mit ihm in der deutschen Botschaft trafen, versuchte dieser
Offizier aber vor allem, ihnen weitere Informationen über die
Verschwundenen, ihre Freunde und ihre täglichen Aktivitäten
zu entlocken.
Die Tatsache, daß
die Entführungen und das Verschwindenlassen weitergingen, spricht
Bände über die Unfähigkeit der deutschen Diplomatie
und das fehlende Interesse von Politikern und Beamten der Bundesregierung,
dieser Gewaltwelle Einhalt zu gebieten. Im Gegensatz dazu gibt es
Fälle von irischen, britischen oder US-amerikanischen Staatsbürgern,
die ebenso wie einige Spanier und Italiener Dank der schnellen und
energischen Intervention ihrer Regierungen aus den Fängen des
Militärs gerettet wurden.
Auch auf Seiten der Täter
gab es übrigens Personen deutscher Abstammung, darunter nach
Argentinien emigrierte Nazis.
Solidarität
gegenüber der Repression
Die Anklagen wegen massiver
Menschenrechtsverletzungen begannen in Deutschland bereits wenige
Tage nach dem Putsch, als am 26. März 1976 Klaus Zieschank,
ein Student der TH München, entführt wurde. Mitglieder
von amnesty international und Studenten der Hochschule gründeten
eine "Initiative für die Freiheit von Klaus Zieschank",
die sehr schnell auch von Rechtsanwälten, Kirchenmitarbeitern
und einigen Politikern unterstützt wurde. Einige traten sogar
in den Hungerstreik, um gegen die Menschenrechtsverletzungen in
Argentinien zu protestieren.
1977 gab es in Deutschland
schon zahlreiche größere Gruppen, die die Menschenrechtsverletzungen
in Argentinien anklagten und in einer Kampagne "Fußball
und Folter" einen Boykott der dort geplanten Fußballweltmeisterschaft
1978 forderten. Die Solidaritätsarbeit traf auf die Propagandamaschinerie
der Militärdiktatur, ebenso wie auf deren Verbündete in
Deutschland, beispielsweise "Bild am Sonntag" und einige
Sportfunktionäre. "Bild am Sonntag" veröffentlichte
Interviews aus Buenos Aires "mit gefangenen Terroristen, die
zugeben, nie gefoltert worden zu sein" sowie Berichte, die
Anklagen wegen Morden und Verschwindenlassen in Argentinien seien
Propaganda der sozialistischen Länder.
Gerechtigkeit
jenseits der Grenzen
Auch wenn mehr als 22
Jahre seit dem Beginn der systematischen Menschenrechtsverletzungen
vergangen sind und obwohl Amnestiegesetze zugunsten der Täter
erlassen wurden, sind die Wunden der Militärdiktatur weiterhin
offen. Sie belegen, wie unvollkommenen der Übergang zur Demokratie
ist, weil der Ruf der Angehörigen der Verschwundenen nach Wahrheit
und Gerechtigkeit ignoriert wurde. Zu Recht schreibt der deutsch-argentinische
Schriftsteller Osvaldo Bayer: "Die argentinische Gesellschaft
ist befleckt und wird für immer befleckt sein ... Wir müssen
uns als Gesellschaft begreifen, die Tisch und Bett mit den bezahlten
Henkern teilt, die ihre Opfer beraubt und deren Leichen später
in unseren Schränken verschwinden ließ. ... Und wir haben
nichts getan, sondern uns an den fauligen Geruch gewöhnt, der
sich im Land des Gehorsams und des Schlußpunktes ausbreitet."
(Página 12, Buenos Aires 28.2.98)
Angesichts der ergebnislosen
Versuche, die Täter in Argentinien selbst strafrechtlich zu
belangen, wandten sich die Angehörigen der Verschwundenen und
die Menschenrechtsorganisationen an die internationale Gemeinschaft,
um zu versuchen, wenigstens jenseits der eigenen nationalen Grenzen
Wahrheit und Gerechtigkeit zu erreichen.
So wie schon in Spanien,
Italien und Frankreich Strafrechtsprozesse gegen argentinische Militärs
wegen des Verschwindens von Staatsbürgern jener Länder
begonnen wurden, begann eine Gruppe von Menschenrechtsgruppen sowie
Organisationen der katholischen und evangelischen Kirche mit ähnlichen
Vorbereitungen in Deutschland. Dieser Schritt wurde nicht nur von
den Angehörigen, sondern auch von den Klägern der Prozesse
in Spanien und Italien lange erwartet. Während einer öffentlichen
Anhörung vor der Unterkommission für Menschenrechte des
Europäischen Parlamentes in Brüssel im Oktober 1996 erklärten
sie, daß Richter und Staatsanwälte in ihren eigenen Ländern
auf ein positives Signal aus Deutschland warteten, bevor sie selbst
konkretere Schritte gegen argentinische Militärs unternehmen
könnten. Sie argumentierten, daß das politische und wirtschaftliche
Gewicht Deutschlands für den öffentlichen Druck entscheidend
seien. Die deutschen Teilnehmer versprachen, auch in Deutschland
für die Aufnahme von Strafprozessen zu arbeiten.
Die Spanier und Italiener
hatten offensichtlich nicht zuviel von den Deutschen erwartet. Als
sich im März 1998 die "Koalition gegen die Straflosigkeit
in Argentinien" formell mit Sitz in Nürnberg konstituierte,
erschütterte allein diese Tatsache die argentinische Regierung
von Präsident Menem. Die argentinischen Zeitungen berichteten,
daß eine Krisensitzung des Kabinetts einberufen wurde, um
eine Strategie gegen die Strafprozesse in Europa zu entwickeln.
Die Mitarbeiter des Nürnberger Menschenrechtszentrums regten
viele Organisationen an sich an die Koalition gegen die Straflosigkeit
zu beteiligen. Diese gab beim Max-Planck-Institut für ausländisches
und internationales Strafrecht in Freiburg auch ein Gutachten in
Auftrag, das die Frage beantworten sollte: "Besteht eine Möglichkeit
der Bundesrepublik Deutschland zur Strafverfolgung Angehöriger
staatlicher argentinischer Stellen wegen der während der Militärdiktatur
(1976-1983) dort begangenen Taten des "Verschwindenlassens"
trotz innerstaatlicher Straffreistellungsvorschriften?"_ Das
Urteil der Arbeitsgruppe unter Leitung von Kai Ambos fiel positiv
aus.
Der Koalition erschien
es wichtig, die Unterstützung der im Bundestag repräsentierten
politischen Kräfte zu bekommen, weshalb vor der formellen Einreichung
von Anklagen Kontakte zu den verschiedenen Fraktionen aufgenommen
wurden. Die SPD, das Bündnis 90/Die Grünen und die PDS
zeigten von Anfang an Interesse an einer Unterstützung. Von
den Fraktionen der SPD und der Bündnisgrünen gab es sogar
eine finanzielle Unterstützung für die Reisekosten von
Delegierten des Komitees der Verschwundenen nach Deutschland. Auch
die Hilfswerke und Menschenrechtsorganisationen der evangelischen
und katholischen Kirche unterstützten die Arbeit für Wahrheit
und Gerechtigkeit weiterhin, wie sie es schon in den 70er und 80er
Jahren getan hatten.
Hearing
gegen die Straflosigkeit in Argentinien
Um eine breite öffentliche
Unterstützung für die Anklagen zu bekommen, veranstaltete
die Koalition gegen die Straflosigkeit am 7. Mai 1998 im Sitzungsaal
der Fraktion der Bündnisgrünen in Bonn eine öffentliche
Anhörung mit Juristen, Menschenrechtlern, Journalisten, Regierungsmitarbeitern
und interessierten Politikern. Der argentinische Friedensnobelpreisträger
Adolfo Perez Esquivel leitete die Sitzung, zu der auch Vertreter
der Gruppen aus Spanien und Italien eingeladen waren, um von ihren
zweijährigen Erfahrungen zu berichten. Unsere Versuche, Vertreter
des Auswärtigen Amtes für eine Teilnahme zu gewinnen,
blieben leider erfolglos. Dank der Bemühungen einiger Parlamentarier
und verschiedener Basisgruppen beteiligte sich allerdings ein Vertreter
des Justizministeriums an der Diskussion.
Das Hearing zu den Menschenrechtsverletzungen
in Argentinien während der Militärdiktatur und die Untätigkeit
der damaligen deutschen Regierung fand in den deutschen und internationalen
Medien ein breites Echo. Am Tag des Hearings überreichten die
Anwälte gemeinsam mit den Familienangehörigen der Verschwundenen
und Vertretern der Koalition dem Justizministerium die ersten vier
Anklagen mit der Bitte, sie dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorzulegen,
damit dieser entscheiden könne, welches Gericht zuständig
ist. Etwa zwei Monate später, im Juli 1998, verwies der Bundesgerichtshof
die Verfahren an das Landgericht Nürnberg-Fürth.
Mit dem direkten Mandat
der Angehörigen und einer Überlebenden hat die Koalition
bis November 2000 die Strafanzeige für folgende Fälle
gestellt:
1. Gerardo Coltzau
(Entführung, Körperverletzung und Ermordung), begangen
in Buenos Aires 26.05.1977
2. Marcelo Weisz
(Entführung, Körperverletzung und Ermordung), Buenos
Aires 16.02.1978
3. Jorge Federico
Tatter (Entführung, Körperverletzung und Ermordung),
Buenos Aires. 15.10.1976
4. Betina Ehrenhaus
(Entführung und Körperverletzung), Buenos Aires 05.88.1979
5. Elisabeth
Käsemann (Entführung, Körperverletzung und Ermordung,
Buenos Aires 08.03.1977)
6. Alicia Nora
Oppenheimer (Entführung, Körperverletzung) "Verschwunden"
am 31.07.1976
7. Juan Miguel
Thanhauser (Entführung, Körperverletzung) Verschwunden"
am 18.07.197
8. Walter Claudio
Rosenfeld (Entführung, Körperverletzung) Verschwunden"
zwischen dem 16.10.1977 und dem 20.10.1997
9. Leonor Gertrudis
Marx (Entführung, Körperverletzung) "Verschwunden"
am 21.08.1976
10. Alfredo
José Berliner (Geiselnahme, Körperverletzung und Ermordung)
am 27.11.1979.
11. Claudio
Manfredo Zieschank(Entführung, Körperverletzung und
Ermordung) am 26.03.1978.
12. Esteban
Reimer (Entführung, Körperverletzung) am 4.1.77.
Die juristische Grundlage
für unsere Anzeigen sind das Grundgesetz und das deutsche Strafrecht,
vor allem dessen Artikel 7. Darin heißt es: "Das deutsche
Strafrecht wird bei Straftaten gegen deutsche Staatsbürger
im Ausland angewandt, wenn die Tat am Ort des Geschehens strafbar
ist oder der Tatort keiner Rechtsprechung unterliegt." Das
deutsche Strafrecht ist auf Straftatbestände gegen deutsche
Staatsbürger im Ausland anwendbar. Künftig können
wir uns auch auf internationale Strafrechtsbestimmungen wie die
Anti-Folter-Konvention beziehen.
Die Anklage richtet sich
gegen mehr als 50 Mitglieder der Streitkräfte und der Polizei,
darunter gegen alle Mitglieder der Militärjuntas, die Argentinien
zwischen 1976 und 1983 regierten, wie der Ex-Junta-Chef Jorge Rafáel
Videla, das Ex-Junta-Mitglied Emilio Eduardo Massera. Einige von
denen, die wir angeklagt haben, sind bereits in den USA oder Frankreich
wegen ähnlicher Fälle verurteilt worden.
Die ersten fünf
Anzeigen werden zur Zeit von der Staatsanwaltschaft des Landgerichts
Nürnberg-Fürth geprüft, wobei es eine sehr ernsthafte
und professionelle Zusammenarbeit zwischen den Anwälten der
Koalition und der Staatsanwaltschaft gibt. Wir haben der Staatsanwaltschaft
zahlreiche Dokumente und Unterlagen zugänglich gemacht, darunter
solche, die in Prozessen im Ausland zum Beispiel von dem spanischen
Richter Baltazar Garzón verwendet wurden.
Entführung
und Ermordung von Elisabeth Käsemann
Der Fall Elisabeth Käsemann,
eine deutsche Sozialarbeiterin, Symbol der Generation 1968, die
mehr als sechs Jahre der Arbeit mit Randgruppen und Unterdrückten
in der Region Río de La Plata widmete und von Militärs
entführt und ermordet wurde, enthüllt sowohl die argentinische
Armeegrausamkeit als auch die Nachlässigkeit des deutschen
diplomatischen Dienstes im Argentinien jener Jahre.
Die Sozialarbeiterin
Elisabeth Käsemann wurde am 11. Mai 1947 in Gelsenkirchen geboren.
Ihre Eltern waren der bekannte Universitätsprofessor und lutherische
Theologe Ernst Käsemann und Margrit Wizermann. Sie wurde am
24. Mai 1977 im Alter von 30 Jahren in Argentinien ermordet, nachdem
sie mehr als acht Wochen lang Gefangene der argentinischen Militärs
war. Nach durch argentinischen Militärs aufgezwungen skandalösen
und demütigenden Verhandlungen, wurden ihre sterblichen Reste
nach Deutschland überführt. Ihre Familie mußte 26.000
US-Dollar bezahlen, um den Leichnam Elisabeths "freizukaufen"
(Zeitung Diario 12, Buenos Aires, 27.02.1999). Sie wurde am 17.Juni
1977 in Lustnau, Tübingen, beerdigt.
Elisabeth begann in den
Jahren 1954 bis 1966 ihre schulische Ausbildung in Göttingen
und Tübingen und machte in Tübingen ihr Abitur. Da sie
ein stark ausgeprägtes soziales und politisches Empfinden hatte,
organisierte Elisabeth in ihrer Tübinger Schule einen "Club
der politischen Diskussion".
Im Anschluß studierte
sie an der Freien Universität Berlin (FUB) Soziologie, wo sie
sich in Kreisen deutscher und lateinamerikanischer intellektueller
Sozialisten bewegte. Sie nahm zusammen mit Rudi Dutschke und anderen
sozialistischen Intellektuellen an Seminaren teil. Sie beteiligte
sich auch an antifaschistischen Organisationen und an Bewegungen
gegen den Krieg in Vietnam. Das Soziologieinstitut Otto-Suhr der
FUB gründete eine Solidaritätsorganisation mit der Dritten
Welt, der sie ebenfalls beitrat. Elisabeth besaß neben ihrer
deutschen Muttersprache perfekte Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch,
Spanisch und Portugiesisch.
Ende 1968 reiste Elisabeth
Käsemann nach Lateinamerika. Sie blieb in Argentinien, in Buenos
Aires, wo sie die politische Bewegung ihres Stadtviertels sowie
die Arbeiter in ihren Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit unterstützte.
Während der 70er Jahre half Elisabeth Menschen, die vom Tod
bedroht waren, aus Argentinien zu fliehen, indem sie ihnen gefälschte
Papiere besorgte und sie aus dem Land brachte.
Am 8. März 1977
traf sich Elisabeth mit ihrer Freundin Diana Houston (Engländerin),
der sie berichtete, daß sie sich überwacht fühle
und von unbekannten Personen verfolgt werde. Elisabeth Käsemann
wurde in der Nacht vom 08. auf den 09. Mai 1977 in Buenos Aires
verhaftet. Danach wurde Elisabeth in das als "EL Vesubio"
bekannte Konzentrationslager gebracht. Dieses befindet sich in der
Zone La Tablada, in der Provinz von Buenos Aires. Es befand sich
unter der Befehlsgewalt des Militärmajors Pedro Durán
Saenz. Dort wurde sie ununterbrochen gefoltert. Einige Tage später
wurde Diana Houston ebenfalls von Polizei- und Militäragenten
verhaftet, die sie über die Aktivitäten Elisabeth Käsemanns
verhörten. Das rasche Eingreifen der britischen Regierung ermöglichte
die Befreiung Diana Houstons
Zwei Wochen später
wurden in Deutschland einige Stimmen laut, die ihre körperliche
Unversehrtheit und einen Haftprüfungstermin forderten, bei
der ihre rechtliche Lage untersucht werden sollte. Am 31.3.1977
informierte die Deutsche Botschaft in Buenos Aires: "Eine Dame
[sic] Käsemann in Argentinien ist nicht bekannt und dort seit
8 Jahren auch nicht gemeldet", obwohl diese zuvor bei der Deutschen
Botschaft in Buenos Aires einen Paß beantragt hatte.
Elisabeth Käsemann
wurde mehrere Male innerhalb der geheimen Verhaftungszentren "Campo
Palermo" und "El Vesubio" von einigen Personen gesehen,
unter diesen die Gefangenen Elena Alfaro und Ana Di Salvo, welche
die Diktatur überlebten. Elisabeth erhielt keine medizinische
Versorgung, obwohl sie sich aufgrund der bei ihr angewandten Folterungen
in schlechtem Gesundheitszustand befand. Als Anfang Mai 1977 der
Vater von Elisabeth, der Theologe Ernst Käsemann, das Auswärtige
Amt informierte, dass es Anzeichen gebe, dass seine Tochter in dem
geheimen Verhaftungszentrum "Campo Palermo", Sitz des
1. Armeekorps in Buenos Aires, gefangen gehalten werde, und er ein
schnelles Eingreifen zu ihrer Befreiung forderte, erhielt er zur
Anwort: "Ein Lager dieses Namens ist uns nicht bekannt".
Mitte jenes Monats erhielt
die Deutsche Botschaft in Buenos Aires die Bestätigung, dass
Elisabeth Käsemann Gefangene der Militärischen Streitkräfte
sei, sie sich "wohlauf" befände und dass die Möglichkeit
bestünde "sie könne eventuell gegen eine Kautionszahlung
freigelassen werden". Dies wurde von der Staatsministerin im
AA Dr. Hamm-Brücher in einem anschließendem Brief, der
an den MdB K.D. Vogt gerichtet war, bestätigt. Man handelte
nicht mit der Tatkraft, die erforderlich gewesen wäre, um das
Leben von Elisabeth zu retten.
Die Militärs hielten
Elisabeth Käsemann bis zur Nacht des 23. Mai 1977 gefangen,
in der sie mit 15 anderen Personen aus dem Konzentrationslager abgeholt
und an einen unbekannten Ort verlegt wurde, um am folgenden Tag
in einer angeblichen Auseinandersetzung mit mutmaßlichen Guerilleros
an einem Ort, der "Monte Grande" heißt, erschossen
zu werden. Dies war die Version, die General Suarez Mason anschließend
bekannt gab und die in den folgenden Tagen mit einer Liste von Namen
angeblicher "Terroristen", darunter eine "Isabella
Kasermann" in den Tageszeitungen veröffentlicht wurde.
Elisabeth wurde durch Schüsse aus nächster Nähe in
den Rücken getötet. Die Kugeln führten den Herzstillstand
herbei, wie Tübinger Gerichtsmediziner feststellten.
Die Leiche von Elisabeth
Käsemann wurde nach der Ermordung zwei Wochen lang verborgen
gehalten. Erst am 6. Juni 1977 bestätigte die Militärregierung
offiziell den Tod Elisabeth Käsemanns. Einige Tage zuvor, am
4. Juni, hatte der argentinische Amtsinspektor Carlos Eulogio Castro
einen "rechtsmedizinischen Totenschein" für die Leiche
Elisabeth Käsemanns unter militärischem Druck ausgestellt
und unterzeichnet, ein falscher Bericht, den er selbst nicht ausgearbeitet
hatte. Bei einer späteren behördlichen Ermittlung erklärte
der Beamte Castro, dass er so verfahren habe, weil er sich unter
militärischem Druck befand und außerdem habe er die medizinische
Untersuchung unter denkbar ungünstigsten Umständen vollzogen,
da weder ausreichend Licht noch Röntgengeräte vorhanden
waren. Darüber hinaus gab er an, dass er über keine geeigneten
medizinischen Gerätschaften verfügt habe, um Überprüfungen
durchführen zu können.
Am 4. Juni stellte ein
Vertrauensarzt der deutschen Botschaft in Buenos Aires fest, dass
die Leiche von "Isabella" Schußwunden im Rücken
hatte und dass es sich bei ihr um Elisabeth Käsemann handelte.
Nicht genug, dass die
deutsche Botschaft in Buenos Aires untätig blieb, was den Schutz
des Lebens von Elisabeth Käsemann anbelangte, sie hielt auch
zwei Tage lang die Nachricht über die Bestätigung ihrer
Ermordung geheim, um nicht das Ereignis eines der Weltmeisterschaft
vorhergehenden Fußballspiel zwischen der deutschen und der
argentinischen Mannschaft zu beeinträchtigen.
Auch die führenden
Köpfe der deutschen Gemeinschaft in Buenos Aires, die Industriellen
und Unternehmer ebenso wie einige religiöse Oberhäupter
zogen es vor, das Stattfinden dieses "Freundschafts"-Fussballspieles
zu unterstützen, anstatt der Vorschläge, diesen sportlichen
Wettbewerb aus Protest an der Ermordung Elisabeth Käsemanns
abzusagen. Einige deutsche Vereine in Argentinien zeigten eine große
Gleichgültigkeit gegenüber den Fällen von Entführungen
und Verschwindenlassen, ohne die es möglich gewesen wäre,
manche Leben zu retten.
Zuverlässigen Informationen
belegen die Nachlässigkeit der Beamten des Auswärtigen
Amts, welche die dringlichen Bitten von Menschenrechtsorganisationen
und der Evangelischen Kirche Elisabeth Käsemann aus den Klauen
der argentinischen Diktatur zu befreien, ignorierten. Der Vater
Elisabeths, der Theologe Ernst Käsemann, würde darauf
bezogen die eindeutige Aussage machen: "Ein verkaufter Mercedes
wiegt zweifellos mehr als ein Leben. Wer diese Feststellung zynisch
nennt, wird vielleicht zu realistischem Denken zurückfinden,
wenn er einmal als Bittsteller unsere auswärtigen Dienste bemühen
muß."
Im Oktober 1977, als
das Verschwinden von deutschen Staatsbürgern in Argentinien
weiterging, wurde der Botschafter in Buenos Aires, Jörg Kastl,
durch den Botschafter Joachim Jaenicke ersetzt. Dieser Wechsel wurde
als Mißbilligung durch das Auswärtige Amt der Art und
Weise, wie Kastl mit dem Entführungsfall und der anschließenden
Ermordung Elisabeth Käsemanns umgegangen war, interpretiert.
Trotzdem verbesserte sich die Lage für Angehörige von
verschwundenen Deutschen nicht, die sich weiterhin von Diplomaten
und der deutsche Regierung im Stich gelassen und ungeschützt
fühlten.
Die deutsche Justiz hat
nun 22 Jahre nach dem Verbrechen die Möglichkeit, ihrer unumgänglichen
Pflicht nachzukommen, die Wahrheit herauszufinden und all jene ausfindig
zu machen, die in diesen skandalösen Fall von Entführung
und Ermordung verwickelt sind. Das wird keine sehr schwere Aufgabe
werden. Bereits 1988 befand Lowell Jensen, Richter am Gericht des
Regierungsbezirks Nordkaliforniens, USA, General Suarez Mason rechtlich
schuldig des Mordes und der Entführung von 39 Personen, unter
ihnen die uruguayischen Abgeordneten Zelmar Michelini und Héctor
José Gutierrez Ruiz, und die Frauen verschiedener Herkunft
Rosario Barredo de Schoeder, Leticia Mabel Akselman, Ana María
Perdighe, Elena Kalaidjian, Catalina Oviedo de Ciufo und Elisabeth
Käsemann.
Der
Fall "Major Peirano"
Seit dem Beginn der Arbeit
der Koalition interessierte ich mich für die dubiose Figur
des "Majors Peirano", der der Deutschen Botschaft als
Kontaktmann zu den argentinischen Streitkräften bei der Suche
nach deutschstämmigen Verschwundenen "half". Dieser
argentinische Beamte war in der deutschen Botschaft in Buenos Aires
tätig, er nahm die Proteste der Familien verschwundener Deutschstämmiger
entgegen Kein einziger der Familienangehörigen, die die Arbeit
der Koalition unterstützen, kennt einen Erfolg der Arbeit dieses
argentinischen Offiziers.
In verschiedenen Dokumenten,
vor allem in Aussagen der Ehefrau eines Verschwundenen, und in Habeas
Corpus Verfahren jener Zeit gibt es Hinweise auf einen "Major
Peirano". Die Informationen waren aber unvollständig.
Man beachtete sie kaum, obwohl der Offizier mit dem berüchtigten
"Armeebatallion 601" des militärischen Geheimdienstes
in Verbindung stand, das auf psycho-soziale Operationen wie die
Infiltrationen in Widerstandsgruppen, Dokumentenfälschung,
Entführungen und Erpressungen in Millionenhöhe spezialisiert
war.
Es gab weder in den Antworten
der argentinischen Justiz noch in denen der deutschen Verwaltung
klare Hinweise auf "Major Peirano". Ich sammelte verschiedene
Dokumente, die sich auf den Mann bezogen, und fragte im Februar
und Mai 1998 Beamte des Auswärtigen Amtes, ob sie etwas über
ihn wüßten. In zwei Gesprächen in Bonn bestritten
die Beamten, etwas über diesen argentinischen Offizier zu wissen.
Sie versuchten sogar eine der Zeuginnen, die zwischen 1976 und 1983
mehrfach in der Botschaft mit dem "Major" gesprochen hatte,
davon zu überzeugen, sie habe sich geirrt, sie habe etwas verwechselt.
In den folgenden Monaten mehrten sich allerdings die Beweise dafür,
daß "Major Peirano" ebenso wie andere Militärs
in der Deutschen Botschaft mit Angehörigen von Verschwundenen
zusammengetroffen waren.
Ende 1998 versuchte die
Koalition erneut Informationen dazu zu bekommen, in der Hoffnung,
daß der Regierungswechsel in Deutschland die Kooperationsbereitschaft
erhöht habe. Erstaunlicherweise gab das Auswärtige Amt
in einem Brief im Januar 1999 zu, daß die Botschaft mit einem
"Major Peirano" kooperiert habe, in der Hoffnung, dessen
Vermittlung könne bei der Aufklärung des Schicksals von
verschwundenen Deutschen oder Deutsch-stämmigen helfen. Das
Auswärtige Amt betonte aber, daß ein "Major Peirano"
zu keiner Zeit Mitglied der Deutschen Botschaft in Buenos Aires
war.
Erstmals wurde damit
bestätigt, was Mitglieder der Kommission der Angehörigen
von Verschwundenen über Jahre hinweg wiederholt hatten, ohne
daß dem Beachtung geschenkt oder nachgegangen wurde. Einige
argentinische Zeitungen titelten wütend "Deutsche Mitwirkung
beim argentinischen Genozid" (Página 12). Die deutsche
Zeitung "Die Welt" sprach von der Anwesenheit eines "Schlächters"
in der Deutschen Botschaft.
Bundespräsident
Roman Herzog forderte das Auswärtige Amt vor seiner Argentinienreise
auf, zu klären, ob die Deutsche Botschaft die Zusammenarbeit
mit "Major Peirano" akzeptiert habe und unter welchen
Bedingungen diese akzeptiert worden sei. Aufgrund von Forderungen
deutscher Menschenrechtsorganisationen und argentinischer und deutscher
Zeitungen wurde der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Ludger
Volmer, in die offizielle Delegation des Bundespräsidenten
aufgenommen, um zu konkreten Fragen wegen der deutschen Verschwundenen
in Argentinien Stellung zu beziehen.
In Argentinien erklärte
Bundespräsident Herzog, er habe das Auswärtige Amt um
Informationen gebeten und verpflichtete sich persönlich dazu,
die Wahrheit herauszufinden. Darüber hinaus bot er die Öffnung
der Archive der deutschen Botschaft in Argentinien an, um die Wahrheitssuche
zu unterstützen. Wenige Tage später enthüllte die
argentinische Zeitung Página 12 das Ergebnis ihrer eigenen
Recherche zur Identität des "Major Peirano". Sie
identifizierte ihn als Carlos Antonio Españadero, Ex-Offizier
des militärischen Geheimdienstes, der zugab, in der Deutschen
Botschaft zur Entgegennahme der Klagen der Angehörigen deutscher
Verschwundener gearbeitet zu haben. Página 12 veröffentlichte
ein Photo von Españadero, der von einigen deutschen Frauen
als ihr damaliger Gesprächspartner wiedererkannt wurde. "Major
Peirano" kann ein wichtiger Zeuge in den Fällen der Entführung
und Ermordung von Jorge Federico Tatter und Elisabeth Käsemann
sein. Wenige Wochen später erfüllte Staatsminister Ludger
Volmer die Zusage, der Botschaftsarchive für die Angehörigen
der Verschwundenen zu öffnen.
Der "Major Peirano"
könnte ein Schlüsselzeuge sowohl im Fall der Entführung
und der Beseitigung Jorge Federico Tatters wie auch im Fall der
Entführung und Ermordung Elisabeth Käsemanns werden. Die
deutsche Justiz kann den Kampf der Angehörigen in Argentinien
verschwundener Deutschstämmiger nicht länger ignorieren.
Die Fortschritte bei
der Untersuchung der fünf Fälle, die in Deutschland angezeigt
wurden, hatten auch in Argentinien positive Folgen, weil die argentinischen
Gerichte Untersuchungen entweder erneut aufnahmen oder beschleunigten.
Zahlreiche der angeklagten Militärs stehen zur Zeit wegen damit
zusammenhängender Delikte, die nicht unter die Amnestie fallen,
etwa Kindesraub, unter Hausarrest. Wenige Tage nach dem Staatsbesuch
von Präsident Herzog konnten im März 1999 die Entführer
der Tochter von Rubén Santiago Bauer und seiner im fünften
Monat schwangeren Frau Susana Beatriz Pegoraro identifiziert werden.
Das Kind kam im geheimen Gefangenenlager der ESMA (Escuela Mecánica
de la Armada) zur Welt. Der Unteroffizier der Armee Policarpo Luis
Vásquez eignete sich das Kind an und trug es unter dem Namen
Evelyn Karina als sein eigenes ein. Die heute 21jährige lernte
ihre wahren Eltern, die immer noch verschwunden sind, nie kennen.
Die
Rückkehr der Unterdrücker
Die politische und militärische
Gewalt im Stil der Militärdiktatur wiederholte sich in Argentinien
auch nach der Rückkehr zur Demokratie. Die Koordination gegen
die politische und institutionelle Repression (CORREPI) zeigte im
November 1998 470 Morde an, die von den argentinischen Sicherheitskräften
zwischen 1983 und 1998 begangen wurden. Diese Morde werden fälschlicherweise
als "Auseinandersetzungen" präsentiert. Auch Kindesentführungen
gibt es weiterhin, Interpol Argentinien zeigt auf seiner Internetseite
(http://www.copyshow.com/interpol_arg/todos.html) die Photos von
30 verschwundenen Kindern. Die Bemühungen, Menschenrechtsverletzungen
in Argentinien zu ahnden, produzierten bei Polizei und Militär
eine ablehnende Haltung.
Einige Tage vor der Übergabe
der ersten Anzeigen in Deutschland haben zwei Familienangehörige
von verschwundenen Deutschen im Mai 1998 Todesdrohungen durch anonyme
Anrufe erhalten. Als die Betroffenen dies der Deutschen Botschaft
in Buenos Aires mitteilten, erhielten sie den Rat, sich an die zuständigen
Polizeistellen zu wenden. Sie weigerten sich zur Polizei zu gehen,
weil sie leitende Angehörige der lokalen Polizei identifiziert
hatten, mit den Fällen von Entführung und Folterung, die
sie anklagen, in Verbindung zu stehen. Die Unterdrücker der
Diktatur sind nicht nur weiterhin in den Streitkräften aktiv,
sondern nehmen auch öffentliche Ämter ein. General Antonio
Domingo Bussi beispielsweise, dem das Verschwinden von 600 Personen
angelastet wird, ist zum Bürgermeister der Stadt Tucumán
gewählt worden.
Attentat
gegen den Koordinator der Koalition
Als ich selbst im November
1998 in meiner Funktion als Koordinator der Koalition nach Argentinien
reiste, wurde ich überfallen, zusammengeschlagen und mit dem
Tode bedroht. Am 12. November war ich mit einem Anwalt der Koalition
und einem Vertreter der deutschen Solidaritätsgruppen nach
Buenos Aires gereist. Wir wurden von Vertretern verschiedener Menschenrechts-NROs
begrüßt, die ein Komitee zur Unterstützung der Prozesse
in Deutschland gebildet haben. Danach trafen wir uns mit Vertretern
der Justiz, Abgeordneten der Opposition FREPASO (Frente País
Solidario) und Senatoren der UCR (Unión Cívica Radical),
der Menschenrechtskommissionen des Abgeordentenhauses und des Senats
sowie den Vorsitzenden von Menschenrechtsgruppen.
Am Dienstag, den 17.
November, nachdem wir uns in La Plata unter anderem mit Leopoldo
Schiffrin, dem Präsidenten des Bundesparlaments, getroffen
hatten, wurde ich von mehreren Personen, die in zwei schwarzen Autos
mit getönten Scheiben kamen, überfallen. Sie wollten mich
einschüchtern und mir die juristischen Dokumente stehlen, die
ich für die Prozesse in Deutschland gesammelt hatte. Es war
etwa 11 Uhr abends, als ich nach einem Abendessen mit meinen deutschen
Kollegen ein Taxi zu meiner Unterkunft nehmen wollte. Als ich ins
Auto stieg, begann der Fahrer mir Fragen nach dem Grund meines Aufenthalts
in Argentinien zu stellen, die ich sehr vage beantwortete, ohne
die Arbeit der Koalition zu erwähnen. Der Fahrer bemühte
sich, mich abzulenken und machte gleichzeitig merkwürdige Gesten
in seinen Rückspiegel. Zwei schwarze Autos mit getönten
Scheiben hielten neben dem Taxi, und zwei Männer stiegen schnell
ein. Sie fesselten mich, schlugen mich auf Mund und Nase und drohten,
mich umzubringen, wenn ich ihnen ins Gesicht schauen sollte.
Ich konnte noch nicht
einmal mit Gesten um Hilfe rufen. Während mir das Blut aus
der Nase floß, nahmen die beiden meinen Paß, den sie
sehr sorgfältig studierten, meine Brieftasche mit Geld und
persönlichen Dokumenten. Sie nahmen die argentinischen Peso,
nicht aber die 300 US-Dollar, die ich bei mir hatte. Sie schlugen
auf mich ein bis ich betäubt, aber nicht bewußtlos war.
Danach untersuchten sie meinen Koffer, in dem ich all die wertvollen
Dokumente für die Verfahren in Deutschland aufbewahrte, die
ich in den vergangenen zwei Tagen zusammengetragen hatte. Dazu gehören
unter anderem neue Aussagen von Zeugen, die sich nach 22jährigem
Schweigen trauten, über Fälle zu sprechen, die in Zusammenhang
mit der Arbeit der Koalition stehen. Sie versuchten mich zu ersticken,
in dem sie mir ein nasses Tuch, das nach einer merkwürdigen
Flüssigkeit roch, vor Mund und Nase drückten, wogegen
ich mich wehrte und versuchte meine Hände zu befreien. Die
Folge waren mehr Schläge auf Kopf und Rücken bis wir in
ein dunkles Viertel von Buenos Aires gelangten, wo sie mich aus
dem Auto warfen. Sie behielten meinen Koffer mit allen Dokumenten,
lediglich meinen Paß und meine Brieftasche erhielt ich zurück.
Der Überfall und die illegale Verhaftung dauerten etwa 40 Minuten.
Ich blieb mit einem gebrochenen Nasenbein, einem verletzten Rücken
und einer Gehirnerschütterung zurück, was zunächst
in Argentinien und in den folgenden zwei Monaten auch noch in Deutschland
behandelt werden mußte.
Nach Ansicht der Polizei
in Buenos Aires wurde das Attentat von "Arbeitslosen"
ausgeführt, ein Euphemismus für diejenigen, die während
der Militärdiktatur für die Streitkräfte tätig
waren. Der Anschlag wurde von Friedensnobelpreisträger Adolfo
Perez Esquivel als politisches Attentat angezeigt und sofort vom
argentinischen Senat, der Menschenrechtskommission, dem Abgeordnetenhaus,
und zahlreichen anderen nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen
verurteilt. Die Stiftung José Luis Cabezas, die sich besonders
um Menschenrechtsverletzungen an Journalisten kümmert, stellte
fest: "Diese Aktionen werden von speziellen Agenten auf Veranlassung
von Personen innerhalb von Politik und Machtzentren durchgeführt,
die in unserem Land immer noch mit der größten vorstellbaren
Straflosigkeit agieren. Es gibt keine Richter, die sie verurteilen,
keine Politiker, die ihnen die Stirn bieten und keine Grenzen für
ihre Handlungen, die oft genug von eben den Polizisten geschützt
werden, die uns beschützen sollen." Die Gründer der
Stiftung fügten hinzu: "Unser Sohn starb bei einer ähnlichen
Aktion."
Verschiedene Abgeordnete
des deutschen Bundestags wie Uta Titze-Stecher und Jörg Tauss
(SPD), Hubert Hüppe (CDU) und der Europaparlamentarier Wolfgang
Kreissl-Dörfler (Die Grünen) haben ebenso wie Repräsentanten
der evangelischen und katholischen Kirche Protestbriefe an die argentinische
Regierung geschrieben. Selbst der Deutsche Industrie- und Handelstag
hat einen ähnlichen Brief nach Argentinien geschickt, in dem
er die Aufklärung des Attentats fordert und ankündigt,
bei künftiger Zusammenarbeit die Einhaltung der Menschenrechte
im Land einzubeziehen.
Die
Perspektiven für die Arbeit der Koalition
Die Koalition will im
den nächsten Monaten weitere Fälle von Entführung
und Mord anzeigen.
Wir wollen außerdem
Seminare zum Thema "Genozid" veranstalten, um das Bewußtsein
in der deutschen Öffentlichkeit gegenüber der Straflosigkeit
in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Ländern zu
erhöhen.
Die Familienangehörigen
der deutschen und der anderen Opfer erwarten Wahrheit und Gerechtigkeit,
sie wollen wissen, wer die Verantwortlichen für Entführung
und Verschwinden sind. Sie fordern zumindest eine moralische Wiedergutmachung,
die Anerkennung der Ehre der Verschwundenen, denen bis heute vorgeworfen
wird "kommunistische Terroristen" gewesen zu sein.
Die Koalition hat vorgeschlagen,
eine Wahrheitskommission ins Leben zu rufen, die dabei hilft, die
Rolle der deutschen Diplomatie in den Jahren der argentinischen
Militärdiktatur ans Licht zu bringen.
Literatur:
Detlef Nolte (Hg): Vergangenheitsbewältigung
in Lateinamerika. Institut für Iberoamerika-Kunde, Vervuert,
Frankfurt 1996.
Hamburger Institut für
Sozialforschung: Nie wieder! Ein bericht über Entführung,
Folter und Mord durch die Militärdiktatur in Argentinien. Beltz-Verlag,
Weinheim und Basel 1987.
Thino Thun: Menschenrechte
und Außenpolitik. Bundesrepublik Deutschland - Argentinien
1976-1983. periferia Verlag Bremen 1985.
Kai Ambos: Straflosigkeit
in Argentinien für während der Militärdiktatur (1976-1983)
begangenen Taten des "Verschwindenlassens"? Gutachten
für Opfer mit deutscher oder anderer Staatsangehörigkeit.
in: Europäische Grundrechte. 17.08.1998, S. 468-479.
Übersetzung aus
dem Spanischen:
Sabine Kurtenbach und
Gertraud Götz
Nürnberg, Oktober
2000
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