Am 18.01.2001 wurden zwei wichtige Zeuginnen im Fall Elisabeth Käsemann, die von der „Koalition gegen Straflosigkeit“ nach Deutschland eingeladen wurden, von der Staatsanwaltschaft Nürnberg - Fürth vernommen. Diana Austin, eine britische Pastorin die heute in den USA lebt, und Elena Alfaro, eine der wenigen Überlebenden des Konzentrationslager „El Vesubio“ sagten vor dem Landgericht Nürnberg - Fürth aus.
Die „Koalition gegen Straflosigkeit“ erwartet nun, daß der zuständige Staatsanwalt, Haftbefehl gegen die Verantwortlichen in Argentinien erläßt.
Diana Austin lernte Elisabeth Käsemann 1968 in Buenos Aires während ihrer Tätigkeit im ISEDET (Theologiehochschule) kennenlernen. Frau Austin arbeitete in den Jahren danach für kirchliche Einrichtungen in Argentinien. Nachdem Putsch von März 1976 bildeten beide Frauen, mit anderen Mitstreitern, einen Netzwerk um gefährdete Personen außer Landes zu bringen.
Diana Austin und Elisabeth Käsemann hatten sich zu einem gemeinsamen Frühstück am 9.3.1977 in Dianas Wohnung verabredet. Aber Elisabeth kam nicht zu dieser Verabredung. In der Nacht vom 8.3. auf den 9.3.77 wurde sie festgenommen. 2 Tage später stürmte eine Gruppe bewaffneter Männer Frau Austins Apartment. Sie wurde sofort gefesselt und ihre Sicht durch eine Augenbinde verhindert. Aufgrund der Fragen der Männer wußte Diana, daß Elisabeth festgenommen worden sei.
Frau Austin wurde in einem Auto weggebracht und nach einer Fahrt von ca. 20 bis 30 Minuten in einem Folterzentrum eingeliefert. Es handelte sich um den Sitz des I.Armeekorps im Stadtteil Palermo der Bundeshauptstadt Buenos Aires. Sie wurde an eine Wand angekettet und erhielt die Nummer „F39“, die sie auf gar keinen Fall vergessen sollte. Danach wurde sie in einem Raum gebracht, wo sie ca. 14 Stunden lang verhört wurde. Ihre Aussagen wurden mit Elisabeths Antworten verglichen. Diana Austin konnte Elisabeths Schreie hören, sie aber nicht sehen. Die Fragen bezogen sich auf ihre Haltung zur „Dritte - Welt - Bewegung“ innerhalb der Kirche, zum Kommunismus oder zum Weltkirchenrat. Sie wurde auch gefragt, warum sie so viele jüdische Freunde hätte. Darauf antwortete Frau Austin mit einer Frage: „Seid ihr Christen?“. Ihre Peiniger lachten und erlaubten ihr einen Kreuz mit den Fingern zu berühren. „Wir sind gute Katholiken“ sagte einer der Verhörer. Es war eine Hakenkreuz. Nach dieser letzten Frage wurde das Verhör beendet.
Diana Austin wurde im Kofferraum eines Autos wieder in ihrem Apartment gebracht. Zwei Tage und zwei Nächte lang blieben 4 bewaffnete Männer mit ihr. Sie wurde vergewaltigt und mußte mehrere Scheinexekutionen über sich ergehen lassen. In der Nacht des 14.3.77 erhielt sie ihren britischen Paß zurück mit der Anweisung, daß Land sofort zu verlassen.
Bevor Frau Austin Argentinien verließ mußte sie sich mit einem Offizier in einer Bar treffen. Der Offizier warnte Frau Austin im Ausland keine Aussagen zu machen, denn Verwandte von ihr seien noch in Argentinien. Sie fragte ihn: „Warum läßt ihr nicht Elisabeth gehen?“ Der Offizier antwortete: „Wir haben nichts gegen sie. Aber wir haben bestimmte ideologische Meinungsverschiedenheiten mit ihr“. Er bestätigte damit, daß sie in ihrer Gewalt war. Dieses Gespräch fand wenige Tage vor Frau Austins Ausreise am 3.4.1977 statt.
Elena Alfaro wurde am 19.4.1977 in ihrer Wohnung festgenommen. Frau Alfaro war zum damaligen Zeitpunkt schwanger und mußte auf ärztliche Anweisung Bettruhe halten. Am Nachmittag des selben Tages wurde auf offener Straße ihr Ehemann, der deutschstämmige Luis Alberto Fabbri, festgenommen. Fabbri war Gewerkschaftler und Herausgeber des Zeitung „Respuesta“. Beide wurden in das Konzentrationslager „El Vesubio“ gebracht. Dort mußte sie der Folterung ihres Ehemannes beiwohnen. Danach wurde sie selber mit Strom gefoltert und mit Schlagstöcken traktiert, allerdings ohne sie zu verhören. Der Zweck dieser „Übung“ war Herrn Fabbri, der im Nebenraum gefoltert und verhört wurde, durch die Schreie seiner Frau zu quälen.
Nach mehreren Tagen wurden sie zu einem anderen Teil des Lagers gebracht, wo andere Gefangene sich auch befanden. Sie wurde allerdings getrennt von ihren Ehemann Luis untergebracht.
Frau Alfaro kannte Elisabeth Käsemann namentlich schon vor ihrer Verhaftung, da Elisabeth eng mit Luis Fabbri befreundet und beide gemeinsame politische Arbeit geleistet hatten. Elena Alfaro beschrieb das Wiedersehen mit Elisabeth im Lager „El Vesubio“ als einer der wenigen freudigen Ereignisse während ihres Aufenthaltes dort. Frau Käsemann berichtete über die miserablen Umstände, die im ersten Lager herrschten in dem sie festgehalten wurde. Dieser wurde von den Gefangenen als „die Hölle“ bezeichnet. Sie erzählte, daß sich die Gefangene ganz nahe an eine Türritze hinlegen mußten um überhaupt atmen zu können. Elena Alfaro berichtete weiter über den schlechten körperlichen Zustand in dem sich Elisabeth bei ihrer Ankunft in „El Vesubio“ befand. Nach Angaben von Frau Alfaro muß Elisabeth Käsemann im ersten Lager gehungert haben, denn in „El Vesubio“ nahm sie sogar halbverfaultes Essen zu sich. Elisabeth erzählt auch, daß sie einem Folterer die deutsche Sprache beigebracht hatte.
In ihrer Aussage hob Elena Alfaro den Optimismus hervor, den Elisabeth trotz der widrigen Umstände gezeigt hätte. Sie sprach immer in der Zukunftsform und schmiedete schon Pläne für das zukünftige Kind von Elena Alfaro und Luis Fabbri. Die ganzen Zeit verbrachten beide Frauen an dem Boden mit Ketten gefesselt und mit einer übergestreiften Kapuze.
Am 23.05.1977 wurden 16 Personen aus dem Lager „El Vesubio“ „verlegt“. Darunter befanden sich Luis Fabbri und Elisabeth Käsemann.