Diana Austin

Koalition gegen Straflosigkeit

Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät

Diana Austin, Dezember 2000

Ich bin eine von den Glücklichen, die die Gräuel des Militärregimes, welches in Argentinien von 1976 bis 1983 herrschte, überlebte. Ich überlebte die Geschichtsperiode, die als Jahre des „Dirty War" oder „La Guerra sucia" bekannt sind. Meine Tochter und mein Sohn lernen heute im spanischen Geschichtsunterricht der öffentlichen Schulen der Staaten darüber.

Ich wurde als Kind britischer Eltern geboren und in britischen Schulen in den Vororten von B.A. erzogen.

1968 begann ich Theologie in einem Seminar zu studieren, das heute ISEDET (Instituto Superior de Estudios Teologicos) genannt wird. Dort traf ich Elisabeth, deren Vater Neutestamentler in Tübingen war. Ich war 18 und Elisabeth 21 Jahre alt. Unser kulturüberschreitender Hintergrund (sie deutsch, ich britisch) verband uns bald. Wir wurden beide „gringas" gerufen und wir sprachen beide Spanisch mit Akzent. In den sich häufenden Turbulenzen dieser Jahre, folgte eine Militärdiktatur schnell der nächsten. Wir wurden in Studentenprotestaktionen involviert, zusammen mit anderen Theologen und Universitätsstudenten. Ich absolvierte mein theologisches Praktikum in den Slums – meine erste Begegnung mit Armut. Studium, Arbeit zum Lebensunterhalt, Studentenproteste und politische Diskussionen waren die Ordnung bzw. Unordnung unserer Tage und Nächte mit wenig Schlaf.

1973 wurde dann Peron Präsident von Argentinien und es folgten einige Jahre relativer Ruhe. Als ich in Chile im Urlaub war, ereignete sich der Militärputsch Pinochets. Ich ging nach B.A. zurück als Peron die Regierung übernahm. Ich reiste mit meinem britischen Paß, der in Santiago ausgestellt worden war. Mein Leben lang wird mich das viele Blutvergießen, das ich in Chile in den wenigen Tagen gesehen habe, verfolgen. Freunde von mir, mit denen ich heute zusammen war, waren morgen tot. Ich kehrte mit einem tiefen Entsetzen (Abscheu) vor Gewalt nach B. A. zurück. Stärker als je zuvor fühlte ich mich den Menschenrechten verbunden. Diese Erfahrungen und Gedanken teilte ich mit all meinen Freunden und Elisabeth. Ich nahm eine Vollzeitbeschäftigung im Nationalen Kirchenrat in B.A. an. Elisabeth arbeitete als Übersetzerin für Kassdorf (eine Milchproduktiosfirma) und setzte ihr Studium an der Universität B.A. fort. Dann, 1976, ereignete sich ein neuer Militärputsch. Viele von uns, Elisabeth und mich eingeschlossen, waren bald Teil eines Netzwerks von Leuten, die denen, deren Leben in Gefahr war, halfen, das Land zu verlassen. Menschen verschwanden, vermutlich umgebracht. Aber auf eine schleichend tödliche Art, nicht wie die Bomben in Chile. In den Anfangsmonaten des Jahres 1977 stellten wir ein Dokument her, um Elisabeths Freund, einen Journalisten namens Sergio, der sich in Gefahr befand, aus dem Land nach Mexiko zu bringen. Am Dienstag, den 8. März, aß Elisabeth bei mir zu Abend. Sie lieh sich meinen Mantel aus (in ihren hatte ihr Hase ein Loch gefressen). Das war das letzte Mal, daß ich sie gesehen habe. Sie sagte, sie würde am nächsten Tag, Mittwoch, dem 9. März 1977 um 8.oo Uhr zu mir kommen. Sie kam nicht. Deshalb warnte ich einige Freunde und wartete. Angesichts der vielen Verschwundenen begannen wir das Schlimmste anzunehmen. Ich ging zur Arbeit, kam nach Hause, aber Elisabeth war immer noch nicht da.

Elisabeth verschwand also zwischen dem Abend des 8. März und vielleicht irgendwann am 9. März 1977. Weder am Donnerstag noch am Freitag erhielten wir ein Zeichen oder ein Wort von ihr. Dann in der Nacht des Freitags, des 11. März, kamen die „milicosa", um mich zu holen.

Ich kam in einen Raum und wurde für ca. 14 Stunden befragt. Einige meiner Antworten wurden mit denen Elisabeths überprüft. Ich hörte ihre Schreie, sah sie aber nicht. Sie drohten mir, meine Nichten, die 2 und 5 Jahre alt waren, herzubringen. Sie begannen mich mit der „picana" Elektroden zu behandeln, wenn ich ihre Fragen nicht wahrheitsgemäß beantwortete. Sie fragten mich, ob Elisabeth einen Schlüssel zu meiner Wohnung besaß. Nachdem ich dies bejaht hatte, kam etwas später jemand und sagte dies sei richtig.

Hin und her zwischen uns beiden, überprüften sie die Antworten. Wir wurden beide gefragt, ob wir nur Freunde und nicht politische Untergrundkämpfer seien. Sie fragten auch, was ich von der Dritte-Welt-Bewegung halten würde? Von den Kommunisten? Vom Weltkirchenrat? Warum ich so viel jüdische Freunde hätte? Die letzte Frage provozierte meine Wut, die für einen Moment stärker war als meine Angst und ich fragte sie, ob sie Christen seien. Sie lachten. Einer führte meine Hand an seine Brust und ließ mich seine Halskette mit einem Kreuzanhänger fühlen. Es war ein Hakenkreuz. Wir sind gute Katholiken, sagte er. Dann hörte die Befragung aus irgendeinem Grund auf. Ich werde nie wissen warum. Ich wurde wieder hoch gebracht, die Fesseln wurden gelöst, aber nicht meine Augenbinde. Ich wurde auf den Rücksitz eines Autos geworfen und zu meiner Wohnung zurückgebracht. Dort hielten mich 4 Offiziere für die nächsten zwei Tage fest, vergewaltigten mich und gaben von Zeit zu Zeit vor, mich mit ihren vielen Waffen zu erschießen. Während dieser Tage lösten sie meine Augenbinde. Es hatte den Anschein, als ob es eher von Bedeutung war, daß ich nicht sehen sollte wo ich hingebracht worden war, als daß ich sie nicht erkennen sollte.

Dann am Montag, in der Nacht des 14. März, gaben sie mir meinen britischen Paß zurück und sagten mir, ich solle Vorbereitungen treffen, das Land zu verlassen, ohne zu jemandem ein Wort zu sagen. Mir wurde erlaubt, meine Schwester anzurufen, damit sie mir Geld und Kleider besorgen könne, da in meiner Wohnung nichts mehr war. Alles was meine Existenz belegt hatte, war fortgeschafft worden. Sie informierten mich, daß ich unter ständiger Beobachtung bleiben würde, daß mein Telephon überwacht werden würde und daß ich sie und den befehlshabenden Offizier bis zum Verlassen des Landes regelmäßig treffen müßte. Ich traf mich mit ihm in einem Cafe im Zentrum B.A.s unter schwerer Bewachung. Sie warnten mich, daß ihr Arm lang sei und erinnerten mich daran, daß meine Familie in Argentinien zurückbleiben würde. Warum sie Elisabeth nicht gehen lassen würden?, wagte ich zu fragen. „Wir haben nichts gegen sie in der Hand", antwortete der Offizier, „aber wir haben einige ideologische Differenzen." Er bestätigte, daß sie sich noch in ihrer Gewalt befände.

Diese Angabe wurde wenige Tage vor meiner Abreise aus B.A. gemacht, am 3. April 1977.

Am 24. Mai 1977 wurde Elisabeth exekutiert. Am 26. Mai brachten die Zeitungen von B.A. den ersten Bericht einer Schießerei zwischen Untergrundkämpfern und Regierungsbeamten, obwohl die Militärkräfte keine Verluste zu beklagen hatten. Diese Art lächerlicher Berichte erschienen von Zeit zu Zeit in den Zeitungen, aber ich weiß nicht warum sie diese Anstrengung unternahmen, denn niemand glaubte ihnen. Wie auch immer, erst am 6. Juni bestätigte die deutsche Botschaft, daß Elisabeth in dieser vorgetäuschten Schießerei getroffen worden war. Es gab keine Erklärung für die Tatsache, daß sie schon seit 2 Wochen tot war.

23 Jahre später, werden wir vielleicht Antworten auf diese Fragen haben, die uns alle verfolgen. Gerechtigkeit nach so langer Zeit, aber dennoch nicht zu spät. Immer noch in den frühen Morgenstunden, wenn ich nicht schlafen kann, verfolgen mich einige andere weltliche Fragen. Elisabeth wurde am 11. Mai 1977, während sie sich im Konzentrationslager El Vesubio befand, 30 Jahre alt. Wer hat es verdient an seinem Geburtstag in einem Konzentrationslager zu sein? Seit wann ist es ein Verbrechen, andere Menschen vor Schaden zu bewahren? Und was passierte mit unseren Büchern und Tonbandaufnahmen und Photos? Wer hat meinen Mantel? Was passierte mit ihrem Hasen? Warum konnte der Familie nichts als ihren ausgezehrten Körper gegeben werden? Auf viele dieser Fragen wird es nie eine Antwort geben, einige sind auch nicht mehr wichtig. Aber es wäre wunderbar, wenn jene, die Elisabeth das Leben und alles was wir besaßen nahmen, der Gerechtigkeit übergeben werden würden.

Reverend Diana C. Austin