|
Laudatio
für Tamara Chikunova zur Verleihung des
Internationalen
Menschenrechtspreises der Stadt Nürnberg September 2005
von
Nora Morales de Cortiñas, Mütter von
der Plaza de Mayo - Gründerlinie
An den geehrten
Stadtrat von Nürnberg,
an die Vertreter der bayerischen Staatsregierung und der Bundesregierung,
an die Damen und Herren, die den Internationalen Menschenrechtspreis
der Stadt Nürnberg erhalten haben,
besonders an Herrn Monseñor Samuel Ruiz García, emeritierter
Bischof von Chiapas, Frau Hina Jilani, UNO-Sonderberichterstatterin
für Menschenrechtsverteidiger,
an die "Koalition
gegen Straflosigkeit", eine Organisation, die ihren Sitz in
Nürnberg hat und unseren Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit
in Argentinien unterstützt und an diejenigen, die entschieden
haben, mich einzuladen:
Ich bedanke
mich von Herzen für diese Einladung. Ich danke Herrn Dr. Ulrich
Maly, Bürgermeister von Nürnberg, ebenso wie dem Friedensnobelpreisträger
Adolfo Pérez Esquivel dafür, dass sie an uns, als die
argentinischen Mütter der Plaza de Mayo gedacht haben, um die
Mütter zu ehren, die in Usbekistan gegen Folter und Todesstrafe
kämpfen.
Seit dem Tag,
an dem ich die Einladung zur Verleihung des Internationalen Nürnberger
Menschenrechtspreises 2005 an Frau Tamara Chikunova erhielt, hatte
ich zwei Emotionen, die durch ein Gefühl verbunden waren.
Die erste Empfindung
war der Schmerz, der Tamara und mich durch den Verlust eines Sohnes
vereint. Auch wenn die Umstände anders sind, ist das Drama
das gleiche. Das ist darauf zurückzuführen, dass Gewalt
in der Welt entfesselt wurde, gegen ganze Völker und Menschen,
deren Rechte verletzt werden.
Tamara Chikunova
ist die Gründerin und Präsidentin der Nichtregierungsorganisation
"Mütter gegen Todesstrafe und Folter", mit Sitz in
Usbekistan, einem Land in Zentralasien, das zuvor zur Sowjetunion
gehörte.
Ich kann nachempfinden,
wie viel Schmerz, Angst und Verzweiflung Tamara seit dem Augenblick
erlebt hat, in dem sie ihren Sohn verlor. Genauso leiden ihre Mitstreiterinnen
in der Vereinigung, die sie gegründet hat, um der Folter und
Todesstrafe in ihrem Land entgegenzutreten, wobei sie damit ihr
Leben riskiert.
Im Jahr 1999
wurde ihr Sohn Dimitry Chikunova des Mordes angeklagt und zum Tode
verurteilt. Am 11. Juli 2000 ging Tamara ins Gefängnis von
Taschkent, um ihren Sohn zu besuchen. Die Gefängniswachen sagten
ihr, sie könne ihn nicht sehen und meinten, sie solle am nächsten
Tag wiederkommen. Am 12. Juli ging sie wieder ins Gefängnis
und erfuhr dort, dass man Dimitry zwei Tage zuvor hingerichtet hatte.
Dimitry war 28 Jahre alt. Bis heute haben ihr die Behörden
ihres Landes nicht mitgeteilt, wo ihr Sohn begraben wurde.
Tamara hat völlig
zu Recht gesagt: "Einer der schlimmsten Dinge für mich,
eine ständige Folter ist, dass ich nicht weiss, wo mein Sohn
Dimitry begraben ist. Wenn ich es wüsste, hätte ich wenigstens
einen Ort, an den ich meinen Schmerz tragen könnte und dort
könnte ich mit ihm sprechen." Das ist das gleiche Gefühl,
dass die Mütter in Argentinien oder in anderen Teilen der Welt
empfinden, wegen totalitärer Regime, die ihre Töchter
oder Söhne verschleppten und verschwinden ließen, oft
nur deshalb, weil sie mit den Ärmsten unserer Gesellschaft
solidarisch waren.
Um das Andenken
an ihren Sohn zu ehren und sich für eine Welt zu engagieren,
in der niemand ihren und den Schmerz ihres Sohnes erleben muss,
gründete Tamara Chikunova die Menschenrechtsorganisation Mütter
gegen Todesstrafe und Folter. In ihr vereinigten sich tapfere und
optimistische Frauen, die hoffen, ihre Gesellschaft verändern
und solidarischer machen zu können.
Im Dezember
2003 organisierte Tamara Chikunova eine internationale Konferenz,
die in Taschkent stattfand und zum Ziel hatte, eine politische Debatte
über die Todesstrafe zu eröffnen und einen Dialog mit
den Behörden zu initiieren. Die Behörden verboten die
Versammlung einige Stunden vor Beginn. Trotz der Drohungen und Anfeindungen
durch die Behörden, die versuchten, die Arbeit der Mütter
gegen die Todesstrafe und Folter zu unterbinden, schafften es Tamara
und anderer Mitglieder der Organisation, ihre Kampagne zu vertiefen
und mehr Unterstützung zu erhalten. Diese Initiative ist äußerst
wichtig in einem Land, in dem Menschenrechtsverletzungen weiterhin
alltäglich begangen werden.
Die Organisation
von Tamara hat dafür gearbeitet, in zahlreichen Fällen
von zu Tode Verurteilten juristisch vorzugehen und dazu beigetragen,
das Leben vieler junger Männer, die zur Todesstrafe verurteilt
waren, zu retten, indem sie zum Beispiel deren Angehörige dabei
unterstützen, Anzeigen bei den entsprechenden Stellen der Vereinten
Nationen einzureichen.
Während
der letzten fünf Jahre haben Tamara und ihre Organisation ebenfalls
systematisch und verlässlich mit mehreren internationalen Menschenrechtsorganisationen
und den Vereinten Nationen zusammengearbeitet.
Die zweite Empfindung,
die ich hatte, als ich die Einladung des Bürgermeisters Ulrich
Maly nach Nürnberg erhielt, war, dass sie mit mir die Tatsache
vereint, dass ich 1985 im Land von Tamara, in Usbekistan war.
Als ich beim
Internationalen Frauentreffen in Russland teilnahm, damals noch
in der Sowjetunion, führte mich der Weg meiner Gruppe nach
Weißrussland und Usbekistan. Ich erinnere mich an diesen Tag,
ich befand mich auf einem Markt, auf dem Frauen zu mir kamen, die
mit mir oder der Gruppe reden wollten. Die Sprache war das Problem.
Ich schaffte es nicht, herauszufinden, was sie mir sagen wollten.
Es waren einfache Frauen, vielleicht Bäuerinnen oder Hausfrauen,
Frauen des Volkes. Wie gerne hätte ich mit ihnen geredet! Aber
heute kann ich mit Hilfe von Dolmetschern mit Tamara reden und ihr
zuhören. Ich kann sie fest umarmen und wir können unsere
Gefühle vereinen. Nicht nur wegen unserer Töchter und
Söhne, sondern auch wegen unserer Völker.
Der Preis an
Tamara ist die Anerkennung eines gerechten Kampfes und tief geehrt
zolle ich Ihrer Ausdauer und der Preisverleihung an sie Achtung.
Diese Anerkennung gilt auch der Erinnerung an die abertausenden
und Millionen Verfolgten und von der Ungerechtigkeit Gedemütigten.
Ich hoffe, dass
dieser Internationale Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg
Tamara und den Müttern, die sie begleiten, hilft, das Ziel
ihres Kampfes um Gerechtigkeit weithin sichtbar zu machen. Möge
die internationale Aufmerksamkeit, die Nürnberg bietet, dazu
dienen, ein Mittel darzustellen, um sie vor eventuellen Repressalien
von Seiten derjenigen, die den Totalitarismus vertreten, zu schützen.
Was mich betrifft, so brachte ich zwei Jungen zur Welt, Gustavo,
geboren 1952, und Marcelo 1955. Als Gustavo heranwuchs, hatte er
den Wunsch, für sein Volk zu arbeiten, den Ärmsten zu
helfen. Er begann damit, eine Villa, ein Elendsviertel, aufzusuchen
und von dort aus politisch aktiv zu werden. Es waren Zeiten, in
denen das Volk sehr aufgebracht war gegen ein Fortschreiten des
Neoliberalismus.
In Argentinien
leben wir seit Jahren mit Militärdiktaturen, die Zivilregierungen
vorgeschaltet haben. Um ein wirtschaftliches System durchzusetzen,
das die Reichsten begünstigt und Millionen von Menschen benachteiligt,
bediente man sich des Staatsterrorismus, vorangetrieben von den
Vereinigten Staaten und umgesetzt durch einen großen kriminellen
Plan, genannt "Plan Condor". Die Repression wurde auch
in den Nachbarländern Bolivien, Paraguay, Chile, Uruguay und
Brasilien gesteuert.
Am 15. April
1977 wurde mein Sohn Gustavo entführt, Mitglieder der Militärdiktatur
ließen ihn verschwinden. Von diesem Moment an gab es für
mich keinerlei Auskunft mehr über sein Schicksal. Nun werden
es 29 Jahre, die ich in der Ungewissheit und mit dem Schmerz lebe.
In Argentinien
haben wir 30.000 Verhaftete-Verschwundene wie Gustavo, und Tausende,
die inhaftiert waren, sowie Tausende andere, die ins Exil gehen
mussten (ungewollt und ungefragt).
Das gewaltsame
Verschleppen von Menschen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
das der Menschheit Verletzungen zufügt, wie jedes Verbrechen,
bei dem gefoltert wird oder Menschen eliminiert werden. Dieses kriminelle
System wurde in unserem Land eingesetzt, um einen großen Sektor
unseres Volkes zum Schweigen zu bringen.
Heute sind wir
Mütter auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und der Wiedererlangung
der Erinnerung. Aber ein wichtiger Teil unseres Kampfes ist auch
die Erfüllung der Träume, die unsere Kinder bewegten,
um zu erreichen, dass soziale Gerechtigkeit herrscht und dass alle
Menschen die gleichen Möglichkeiten haben, um in Würde
zu leben, auch wenn die einfachsten Mittel nicht vorhanden sind.
Wir setzen der
Unterdrückung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
Rechte Widerstand entgegen, ebenso wie der Unterdrückung wegen
der Rasse und des Geschlechts. Wir widersetzen uns auch gegen die
Invasionspolitik, die die USA durchsetzen will - die von vielen
als Krieg bezeichnet wird - und dazu dient, sich der natürlichen
Schätze zu bemächtigen und die Rechte der Völker
zu untergraben. Sie töten ohne Erbarmen.
Nürnberg
repräsentiert weltweit den Kampf gegen die Verbrechen gegen
die Menschlichkeit. Hier wurden diejenigen verurteilt, die den Genozid
am jüdischen Volk und an jenen, die von den Nazis nicht als
würdige Menschen akzeptiert wurden, begangen hatten.
Das Nürnberger Gericht untersuchte auch die Verbrechen der
argentinischen Militärdiktatur von 1976 - 1983.
Wir Mütter
und Angehörigen Verschwundener haben uns sehr darüber
gefreut, dass die
Nürnberger Justiz die Auslieferung des Ex-Präsidenten
der argentinischen Militärjunta, Jorge Videla, Admiral Emilio
Masseras und anderer Verantwortlicher der Militärdiktatur wegen
der Ermordung von zwei Deutschen beantragt hat.
Andererseits
fordern wir jedoch nachdrücklich die Nürnberger Justiz
auf, mit ihren Bemühungen um Wahrheit und Gerechtigkeit für
die Angehörigen der in Argentinien Verschwundenen fortzufahren.
Wir haben die Hoffnung, dass die Staatsanwaltschaft und das Gericht
in Nürnberg die Ermittlungen wieder aufnehmen werden, bis die
lange ersehnte Gerechtigkeit erreicht wird.
Seit einem Jahr
wollen die Nürnberger Staatsanwaltschaft und das Gericht definitiv
die Ermittlungen gegen Verantwortliche für die Ermordung und
das Verschwinden von mehr als 100 Deutschen oder Deutschstämmigen
in Argentinien einstellen.
Uns erscheinen
die Argumente des Nürnberger Gerichts, mit denen die Ermittlungen
eingestellt werden, bevor die Schuldigen bestraft werden, gegenläufig
zu den aktuellen Entwicklungen im Internationalen Recht, vertreten
durch Richter Baltasar Garzón, der in Spanien auch gegen
die Diktaturen in Chile und Argentinien prozessiert.
Die Mütter
der in Argentinien Verschwundenen haben die Hoffnung, dass die Nürnberger
Staatsanwaltschaft und das Gericht die Ermittlungen wiederaufnehmen,
bis die langersehnte Gerechtigkeit eingetreten ist.
Wir kämpfen
für das Leben, für die Souveränität und für
die völlige Unabhängigkeit unserer Völker. Das Leben
eines Kindes kann durch nichts ersetzt werden.
Wenn wir es
schaffen, Gerechtigkeit zu erlangen, damit solche niederträchtigen
Verbrechen NIE WIEDER begangen werden und wir es schaffen, dass
die Würde und die Freiheit der Menschen geachtet werden, erfüllen
wir unsere Pflicht für unsere Töchter und Söhne zu
fordern und zu lieben.
Mögen die Regierungen der Welt erfahren, dass an vielen Orten
der Welt, besonders hier in Nürnberg, viele aufmerksame Augen
auf Mütter wie Tamara gerichtet sind, um sie zu verteidigen
und zu unterstützen. Unterstützung für Mütter
wie Tamara, die in Usbekistan oder Argentinien kämpfen, um
das Recht auf Leben vieler Menschen zu verteidigen.
Vielen Dank
liebe Freundinnen und Freunde!
Buenos Aires,
25. September 2005
Übersetzung
aus dem Spanischen: Trudi Götz, Nürnberg

©
Copyright 2005, Nürnberger Menschenrechtszentrum
|