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Argentinien: Die Suche nach den Kinder, die während der letzten Militärdiktatur in Konzentrationslagern zur Welt kamen

von Esteban Cuya*

Für viele Deutsche ist Argentinien ein Land, dass sie in erster Linie mit Tango, spektakulärem Fußball, mit Gauchos und der weiten Pampa, in denen es Unmengen von Rinder gibt, assoziieren. Für andere hat der Begriff Argentinien eine umfassendere und traumatischere Bedeutung, die sie mit der Diktatur Videlas und Masseras, den Freunden des chilenischen Generals Pinochet in Verbindung bringen.Während der Jahre 1976 und 1983 wurde die Republik Argentinien von einer Militärdiktatur regiert, ein Zeitraum von sieben Jahren verursachte die größte Tragödie, die das Land in seiner Geschichte jemals erfuhr nachdem es sich im Jahre 1816 von Spanien unabhängig gemacht hatte.

Laut Menschenrechtsorganisationen beläuft sich die geschätzte Zahl an Opfern der Militärdiktatur auf 30.000 Menschen, von denen 8.000 Fälle von Entführungen und anschließendem Verschwinden ausmachen. Am Ende der Diktatur fand man heraus, dass sich ungefähr 500 Personen europäischer Herkunft unter den Opfern befanden, etwa 100 davon waren Deutsche oder Deutschstämmige .Obwohl Ende 1985 die Mitglieder der drei Militärjuntas, die Argentinien während der Diktatur regiert hatten, im Anschluss an einen fast zwei Jahre dauernden Gerichtsprozess verurteilt wurden, mussten sie ihre Strafen, in einigen Fällen lebenslänglich, nicht verbüssen. Sie wurden im Jahr 1989 begnadigt und mittels Gesetzen, die angesichts neuer drohender Staatsstreiche vom unter Druck gesetzten Kongress erlassen worden waren, freigelassen.Entführte Kinder oder Kinder, die in Gefangenschaft zur Welt kamen

Während der Militärdiktatur wurden ungefähr 500 Kinder zusammen mit ihren Eltern verschleppt oder sie kamen in Konzentrationslagern zur Welt, in denen ihre Mütter gefangengehalten worden waren, denen vorgeworfen wurde, subversive Gruppen unterstützt oder mit diesen sympathisiert zu haben. Die Militärs hatten eine sehr einfache Begründung für den Raub der Kinder von den Menschen, die sie in Gefangenschaft hielten. Sie argumentierten, dass der Geist und das Blut der Kinder mit den linksorientierten Ideen der Eltern vergiftete sei und dass es besser sei die Kinder zukünftig in anderen Heimen zu erziehen, wo man ihnen grundlegende Werte des Respektes vor der Familie, vor der christlichen Religion und des privaten Eigentums beibringe.

So würden die Kinder von Verschwundenen ohne Hass gross werden. In einigen Fällen hatte die Entführung der Kinder die Auslieferung der Eltern an die Streitkräfte zum Ziel, gefügig gemacht angesichts des Leidens ihrer Kinder. Viele dieser Kinder wurden Angehörigen der Streit- oder Polizeikräfte als Anerkennung "für ihren Dienst am Vaterland" übergeben . In einigen Fällen wurden die Kinder von den Entführeren selbst oder den Mördern ihrer Mutter oder des Vaters behalten und ilegalerweise als eigene Kinder ausgegeben.

Die Großmütter der Plaza de Mayo (Las abuelas de Plaza de Mayo)

Im Oktober 1977 wurde in Argentinien die Vereinigung Großmütter der Plaza de Mayo gegründet. Sie besteht aus Frauen, deren Kinder oder Enkel als verschwunden gelten und hat das Ziel, diese Kinder zu suchen, zu finden und ihren Familien zurückzugeben.Bis zum heutigen Tag wurden dank des unerschrockenen Kampfes dieser Großmütter 70 Kinder, die ungesetzlicherweise von Militärs und Polizeiagenten behalten worden waren, identifiziert und ihren legitimen Familien zurückgegeben oder mit diesen bekanntgemacht.In den meisten Fällen akzeptierten die Kinder es, in das Heim ihrer Grosseltern zurückzukehren und schafften es, ihre Identitätsprobleme zu überwinden. In 13 Fällen zogen es Kinder vor, ihre legitime Familie mit der Familie, die sie gross zog, zu teilen und bei ihren "Ersatzeltern" zu bleiben. Diese waren Militärangehörige oder Polizeiagenten, welche aufgrund grosser Gewissenskonflikte über das, was sie selbst den Verschwundenen angetan hatten, eine gewisse Zuneigung zu den Kindern entwickelten, die sie geraubt hatten.

Viele junge Menschen in Argentinien haben momentan die Sorge, die darin besteht wissen zu wollen, ob sie wirklich legitime Kinder ihrer Eltern sind. Sie fragen sich, ob sie nicht auch den verschwundenen Opfern der Militärdiktatur geraubt worden sind. Mit diesen Zweifeln wenden sie sich an das Büro der Großmütter der Plaza de Mayo und bitten um Informationen über Fälle von Minderjährigen und schwangeren Müttern, die während der Jahre der Militärdiktatur entführt worden waren. Einige unterziehen sich sogar genetischer Analysen mittels Blutproben.

Die Methode zur Abstammungserkennung eines Kindes ohne die Anwesenheit der Eltern, die eine Wahrscheinlichkeit von 99,9% hat, wurde auf Bitten der Großmütter der Plaza de Mayo von amerikanischen Ärzten entwickelt, die von von der Amerikanischen Vereinigung für den Fortschritt der Wissenschaft aus Washington, D.C. unterstützt worden waren. Nun verwenden die Großmütter der Plaza de Mayo die DNS-Analyse, die auf der molekularen daktiloskopischen Untersuchung oder dem "genetischen Fingerabdruck" basiert. Sie haben ebenfalls die Gründung einer nationalen Datenbank in Argentinien durchgesetzt, welche, per Gesetz, bis mindestens zum Jahr 2050 in Betrieb bleiben soll. Auf diese Weise versuchen die Großmütter die Absicht der Militärs, die Vergangenheit und die Zukunft der Kinder von Verschwundenen zu unterdrücken, zu neutralisieren.

Verschwundener Deutscher

In Argentinien zählen ungefähr 100 verschwundene Deutsche oder Deutschstämmige zu den Opfern. Ihre Angehörigen suchten unentwegt sowohl die Unterstützung der deutschen Botschaft in Argentinien als auch die der deutschen Regierung. Leider hatten sie keinerlei Erfolg. In jenen Jahren waren in der Außenpolitik der Schutz von Sondereinnahmen von bestimmten deutschen Unternehmen anscheinend wichtiger als der Schutz und die Verteidigung von deutschen Staatsbürgern, die von der Militärdiktatur verschleppt worden waren.

Zu den Fällen verschwundener Deutscher zählen z. B. die unten aufgeführten:

Blanca Haydee Altmann-Levy, 26 Jahre, entführt am 03. August 1976. Zum Zeitpunkt der Entführung war sie im dritten Monat schwanger.

Raul Eugenio Metz Kaiser, 23 Jahre, und seine Frau Graciela Romero de Metz , 24 Jahre, entführt aus ihrer Wohnung. Frau Metz war zum Zeitpunkt der Entführung im fünften Monat schwanger. Sie gebar im Konzentrationslager Bahía Blanca ein Kind, welches ihr sofort von Militärangehörigen weggenommen wurde.

Beatriz Neuhaus, 24 Jahre, und ihr Ehemann Juan Martinis wurden am 16. März in Ramos Mejía entführt. Beatriz Neuhaus war bei ihrer Entführung im vierten Monat schwanger.

Hector Oesterheld und seine vier Töchter Estela, Diana, Beatriz und Marina Oesterheld wurden zwischen 1976 und 1977 entführt. Diana war zum Zeitpunkt der Entführung im sechsten Monat schwanger. Ihre Schwester Marina war im achten Monat schwanger. Die beiden Schwestern Oesterheld gebaren ihre Kinder in der Gefangenschaft. Sie alle sind bis zum heutigen Tag verschwunden.

Hector Claudio Rosenfeld , 21 Jahre, und seine Frau Cristina Mancuso de Rosenfeld, 22 Jahre, die schwanger war, als sie entführt wurde.

Rubén Santiago Bauer, 23 Jahre, und seine Frau Susana Pegoraro de Bauer ,21 Jahre, entführt am 18. Juli 1977. Bei ihrer Entführung befand sich Frau Bauer im fünften Monat ihrer Schwangerschaft. Ihr Baby wurde im Oktober 1977 in der finsteren ESMA, einem der argentinischen Marine unterstelltem Konzentrationslager, geboren. Im Jahr 2000 ordnete die Richterin María Servini die Verhaftung eines Unteroffiziers der argentinischen Marine an, Policarpo Luis Vásquez, angeklagt des Raubes eines weiblichen Säuglings während der Militärdiktatur. Es handelt sich konkret um die Tochter von Ruben Santiago und Susana Pegoraro, die der Marineangehörige als seine eigene Tochter registrieren liess. Das Mädchen wurde unter dem Namen Evelyn Karina gemeldet und ist heute 22 Jahre alt.

Ein Gefährlicher Kompromiss

Die Gefahr dauert auch in der gegenwärtigen argentinischen Demokratie noch an. Die gerichtlichen Ermittlungen dieser Fälle von geraubten Kindern Verschwundener, begangen von Militärangehörigen, die dann illegalerweise an andere Familien übergebenen worden waren, ist eine schwierige Aufgabe, sowohl für die Großmütter als auch für die Richter, die den Mut haben, diese Anzeigen anzunehmen. Im März 1999 erhielt Adriana Scoccia, Sekretärin des argentinischen Bundesrichters Antonio Bagnasco in ihrer Wohnung einen Telefonanruf, in dem ihr angekündigt wurde, dass sich für sie ein Geschenk in der Tür des Hauses, in dem sie lebt, befände. Das mutmaßliche Geschenk war eine Handgranate mit elektronischem Explosionsauslöser. Glücklicherweise war die Granate funktionsunfähig und es gab keine Opfer. Der Richter erhielt in seinem Büro Morddrohungen mit Einschüchterungen, damit er mit seinen Ermittlungen in Minderjährigenraub nicht fortfahre.

Zwei deutsche Mütter hatten bereits im Mai 1998 Mordrohungen erhalten, die ihnen auf ihre Anrufbeantworter in ihren Wohnungen in Buenos Aires gesprochen worden waren. Die Angehörigen von verschwundenen Deutschen, unterstützt von der Koalition gegen Straflosigkeit (Coalición contra la impunidad) haben bei der deutschen Justiz ab Mai 1998 über 30 Anzeigen wegen Entführungsfällen, Körperverletzung und/oder in Argentinien begangener Morde eingereicht. In diesen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts Nürnberg-Fürth.

Wenn auch kein Fall von geraubten Kindern Deutschen in Deutschland angezeigt worden ist, schliesst man nicht aus, dass später, wenn die Bemühungen in Argentinien scheitern, auch deutsche Gerichte aufgrund dieser Fälle angerufen werden. Im Hinblick auf die in Deutschland angezeigten Fälle, bei denen wir fünf Fälle von Kindern von jüdischen Deutschen, welche aufgrund der Nazi-Verfolgung aus Deutschland fliehen mussten, mit einreichten, besteht die Möglichkeit, dass die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens beantragt. Sie kann auch das Gegenteil tun und die Ermittlungen verstärkt vorantreiben und internationale Haftbefehle gegen angeklagte Militärs ergehen lassen.

Die Mütter und Ehefrauen oder die Großmütter der Verschwundenen in Argentinien verlieren die Hoffnung nicht, es zu schaffen, die Wahrheit über ihre verschwundenen Angehörigen zu erfahren. Dafür setzen sie sämtliche mögliche Mittel ein. Sie hören nicht auf, nach ihren Kindern, Ehemännern oder Enkeln zu suchen. Bei diesem Vorhaben sind sie davon überzeugt, Himmel und Hölle in Bewegung setzten zu können um Gerechtigkeit zu erlangen.

Was können wir tun?

Die deutsche Justiz hat nun die Möglichkeit, die Suche nach Wahrheit, die sich in Argentinien die Angehörigen von Verschwundenen so sehr ersehnen, zu unterstützen. Dazu ist es notwendig, dass verschiedene Schichten/ Bereiche der deutschen Gesellschaft öffentlich ihr Interesse bekunden, diese Prozesse zugunsten in Argentinien Verschwundener Deutscher oder Deutschstämmiger zu unterstützen.Hilfreich ist es, Briefe an die Mitglieder des Ausschusses für Menschenrechte des deutschen Parlaments zu schicken, ebenso wie ans Außenministerium Joschka Fischers und an die Justizministerin unter Bezugnahme auf das Thema und mit der Bitte , dass der deutsche Staat effektive Unterstützung leistet für diese Bemühungen um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Deutschland könnte seinen Einfluss in der Welt benutzen, um zu erreichen, dass die neuen argentinischen Behörden, jetzt in Demokratie, bei der Verurteilung der für die schweren Fälle von Entführung, gewaltsamer Verschleppung und illegaler Aneignung von Minderjährigen während der Militärdiktatur kooperieren.

Man kann sich auch an der Kampagne der Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien/Coalición contra la impunidad en Argentina, einer Organisation mit Sitz in Nürnberg, beteiligen. Sie koordiniert die Solidaritätsbemühungen mit den verschwundenen Deutschen oder Deutschstämmigen. Die Koalition verfügt nur über sehr begrenzte Mittel, welche ihr von den solidarischen Stellen der katholischen und evangelischen Kirche, amnesty international und anderen zur Verfügung gestellt werden.

*Esteban Cuya ist deutsch-peruanischer Journalist und Koordinator der Koalition gegen Straflosigkeit und Mitglied des Nürnberger Menschenrechtszentrums


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