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Hier
sind die Opfer nicht vergessen
Verleihung
des 9. Bremer Solidaritätspreises 2004
Rede von Kuno Hauck, Vertreter der Koalition gegen Straflosigkeit
Bremen 21.02.05.
Sehr geehrte
Damen und Herren,
gibt es denn
nicht aktuellere Menschenrechtsverletzungen als immer nur über
das zu sprechen, was vor fast 30 Jahren in Argentinien passiert
ist? Solche und ähnliche Fragen musste ich, mussten wir, seit
Gründung der "Koalition gegen Straflosigkeit" vor
7 Jahren immer wieder hören.
Und diese scheinbar
berechtigten Fragen beinhalten zugleich die Antwort.
Solange Männer
und Frauen, Söhne, Töchter, Väter, Mütter, Ehepartner
und Freunde als verschwunden gelten und in diesen furchtbaren Verbrechen
weder die Wahrheit ans Licht gekommen noch Gerechtigkeit geschehen
ist, sind Menschenrechtsverletzungen - auch wenn sie lange zurück
liegen - noch aktuell. Im Gegenteil jahrzehntelange Straflosigkeit
ist eine andauernde Qual, die oftmals von Angehörigen und Freunden
wie eine Folter erfahren wird.
Als mich im
Jahre 1978 meine damalige Freundin und heutige Ehefrau gebeten hat,
an Briefaktionen von amnesty für "Verschwundene"
in Argentinien teilzunehmen, ahnte ich nicht, dass mich die Frage
nach den Verschwundenen in Argentinien nie mehr loslassen würde.
Ich ahnte damals nicht, dass ich später Menschen begegnen sollte,
deren verschwundene Angehörige ich aus amnesty-Eilaktionen
kannte.
Es war auch
letztlich die Menschenrechtsarbeit zu Argentinien, die den Ausschlag
gab, dass wir fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, im Februar 1985
als Pastorenfamilie für 8 Jahre nach Argentinien gingen.
Erst Jahre später
erfuhr ich, dass meine Evangelische Kirche am Rio de la Plata es
war, die den deutschen und deutschstämmigen Eltern, Ehefrauen
und anderen Angehörigen in Buenos Aires einen Ort für
ihre Treffen zur Verfügung stellte. Damals war es lebensgefährlich,
Familienangehörigen von Verschwundenen "Unterschlupf"
zu gewähren. Der erste evangelische Pfarrer dieser Kirche in
Buenos Aires war 1843 übrigens der aus Bremen-Vegesack stammende
Pastor August Ludwig Siegel.
1985 als in
Argentinien der Prozess gegen die Militärjunta begann, hätte
ich mir nicht vorstellen können, dass den Opfern von Menschenrechtsverbrechen
zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur, weder von
argentinischer noch von deutscher Seite, Wahrheit und Gerechtigkeit
widerfahren würde.
Das Menschenrechtsnetzwerk
"Koalition gegen Straflosigkeit" hat sich deshalb genau
diese Ziele von Anfang an auf seine Fahnen geschrieben: "Wahrheit
und Gerechtigkeit für die deutschen und deutschstämmigen
Ermordeten und Verschwundenen".
Als im Frühjahr
1997 unser peruanischer Mitstreiter im Nürnberger Menschenrechtszentrum,
Esteban Cuya, einen Brief des argentinischen Friedensnobelpreisträgers
Adolfo Pérez Esquivel bekam, in dem dieser die Bitte der
deutschen und deutschstämmigen Familienangehörigen in
Argentinien vortrug, Anzeige gegen argentinische Militärs in
Deutschland einzureichen, erschien uns dies als ein edles aber unmögliches
Vorhaben.
Möglich
wurde das Unmögliche nur aufgrund des Zusammenschlusses vieler
Organisationen, zur "Koalition gegen Straflosigkeit".
Dazu gehören
das Aktionszentrum Arme Welt, Tübingen;
Amnesty International - Argentinien Koordinationsgruppe, Stuttgart;
Argentiniengruppen Berlin, Heidelberg Köln und Stuttgart;
Referat Menschenrechte im Diakonischen Werk der EKD, Stuttgart;
Forschung- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika, Berlin;
Kirchlicher Entwicklungsdienst Bayern, in Nürnberg;
Kommission für Menschenrechte des Vereins der Richter und Staatsanwälte
und des Anwaltsvereins, Freiburg;
Misereor, Aachen;
Missionszentrale der Franziskaner, Bonn;
Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein, Hannover;
Wir alle haben
uns immer wieder gefragt, warum über 20 Jahre juristisch nichts
passiert ist.
Hätten die Staatsanwälte bei Mord nicht selbstständig
Ermittlungen aufnehmen müssen und warum haben sie es nicht
getan? Und was haben eigentlich das Auswärtige Amt und die
deutsche Bundesregierung in all den Jahren von sich aus unternommen,
um die Ermordung und das Verschwindenlassen deutscher und deutschstämmiger
Staatsbürger aufzuklären?
Anzeigen gegen
argentinische Militärs in Deutschland?
Wir wurden ob
unserer Einfältigkeit bedauert und belächelt. Und unser
Ziel, dass die Anzeigen vom Bundesgerichtshof an einen symbolträchtigen
Ort wie Nürnberger verwiesen würden rief nur Kopfschütteln
hervor.
In den 7 Jahren,
in denen die "Koalition gegen Straflosigkeit" zusammen
mit deutschen und argentinischen Familienangehörigen und unterstützt
von argentinischen Menschenrechtsorganisationen konsequent ihre
Ziele verfolgt hat, durften wir viele Überraschungen erleben.
" Offene
Türen beim Bundesjustizministerium anfangs in Bonn, wo wir
1998 die ersten Strafanzeigen zusammen mit Familienangehörigen
überreichen durften und später in Berlin, wo Sie Frau
Prof. Dr. Däubler-Gmelin wie auch Ihre Nachfolgerin Frau Zypries
persönlich Strafanzeigen entgegengenommen haben.
" Verschlossene Türen und Erinnerungslücken im Außenministerium
und in der deutschen Botschaft in Buenos Aires, so dass die Öffnung
von Akten über die deutschen Opfer erst juristisch erstritten
werden musste.
" Bundespräsidenten, wie Roman Herzog und Johannes Rau,
die durch das persönliche Zusammentreffen den Familienangehörigen
Kraft und Hoffnung gegeben haben.
" Eine bayerische Justiz, die nach zögerlichem Anlauf
dann doch Geschichte geschrieben hat, in dem sie zum ersten Mal
in der Geschichte Deutschlands Haftbefehle gegen einen ehemaligen
Staatspräsidenten und weitere Verantwortlichen ausgestellt
haben, aber dann mit einem Paukenschlag alle Strafverfahren eingestellt
haben.
- Ein herber Schlag für die aus Deutschland vertriebenen Jüdinnen
und Juden, dass man für das begangene Unrecht keine Verantwortung
übernehmen will.
- Ein herber Schlag für die Verschwundenen bei Mercedes Benz
in Argentinien; Wirtschaft und Menschenrechte kein Thema für
die Justiz?.
- Ein herber Schlag für alle Angehörigen von Verschwundenen,
weil man bei der Justiz immer noch vor der Frage "Mord ohne
Leiche" - einem typischen Merkmal des Verschwindenlassens -
kapituliert.
Dass die "Koalition
gegen Straflosigkeit" mehr erreicht hat, als wir selbst es
bei der Gründung 1998 für möglich gehalten haben,
hat viele Gründe, von denen ich nur einige kurz nennen möchte:
" Von Anfang
an war die "Koalition gegen Straflosigkeit" ein starkes
Netzwerk von Organisationen, die sich seit Jahren mit Argentinien
beschäftigt haben und viele von denen, die seit der Gründung
1998 in Stuttgart mit dabei waren, sind auch heute noch aktiv. Ich
stehe hier stellvertretend für viele am Rednerpult, denn einer
allein hätte gar nichts bewirkt.
" Zum Erfolg
der Arbeit haben vor allem unsere Rechtsanwälte beigetragen,
die für Gotteslohn und ein Butterbrot juristisch Unmögliches
erreicht haben. Auch wenn Jorge Videla und die anderen Schergen
vielleicht niemals in Deutschland vor einem Gericht erscheinen werden,
weil die argentinischen Behörden ihre Auslieferung verweigern,
so sind die internationalen Haftbefehle gegen sie doch eine bleibende
Mahnung, dass hier die Opfer nicht vergessen sind, und dass Unrecht
auch nach Jahrzehnten Unrecht bleibt.
" Dass
die Straflosigkeit nicht vergessen wurde, dazu haben viele Journalistinnen
und Journalisten beigetragen, die sich unseres schwierigen Themas
immer wieder angenommen haben. Die intensive Berichterstattung über
die Arbeit der "Koalition" in Zeitung, Rundfunk und Fernsehen,
hat entscheidend dazu beigetragen, dass öffentlicher Druck
auf die Politik entstand, der letztlich auch die Ermittlungen in
Gang gebracht hatte.
In diesem Sinne
danke ich auch der Stadt Bremen für die Auszeichnung unserer
Arbeit. Wir verstehen dies als Ermutigung und Aufforderung, den
eingeschlagenen Weg, die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit fortzusetzen.
Zuletzt möchte
ich der Gruppe der deutschen und deutschstämmigen Familienangehörigen
in Argentinien danken, heute vertreten durch Frau Luisa Wettengel
und Frau Elsa Oesterheld, die uns seit Jahren soviel Vertrauen entgegen
bringen und uns zugleich mit ihrem Vorbild in Stunden der Resignation
Hoffnung und Mut zum Weitermachen gegeben haben.
Solange ihr
uns dieses Vertrauen entgegenbringt, werden wir mit euch gemeinsam
für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen.
Vielen Dank

©
Copyright 2005, Nürnberger Menschenrechtszentrum
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