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Rede von Knut Rauchfuss anlässlich
der Ausstellungseröffnung
"Elisabeth Käsemann: Ein Leben in Solidarität mit
Lateinamerika"
Gelsenkirchen,
20. Oktober 2007
Meine sehr verehrten
Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
Argentinien
1976: Seit dem 24. März rollen Panzer durch die Straßen
von Buenos Aires. Rund um die Uhr werden Menschen aus ihren Häusern
verschleppt. Andere kidnappen die Geheimkommandos aus Militär
und Polizei an ihren Arbeitsplätzen oder zerren sie auf offener
Straße in Autos ohne Kennzeichen. Wann immer grüne Limousinen
der Marke Ford Falcon in eine Straße einbiegen, müssen
dort Menschen um ihr Leben fürchten. Die mit diesen Wagen Entführten
"verschwinden" in den geheimen Folterzentren der Diktatur.
Angehörige suchen verzweifelt nach ihren Lieben - doch ihre
Rufe prallen ab an den Mauern der Lüge und nicht selten werden
sie selbst bedroht und verschleppt.
Mehr als 30.000
so genannte "Verschwundene" gehen auf das Konto der Diktatur:
eine ganze Generation politischer AktivistInnen aus Gewerkschaften,
Parlamenten, Basisorganisationen, Schulen und Hochschulen sowie
JournalistInnen kritischer Medien. Im so genannten "schmutzigen
Krieg gegen die Subversion" beseitigte die Militärjunta
die kritischen Stimmen der Gesellschaft, statt sie zu verhaften
und ihnen offiziell den Prozess zu machen. Die wenigsten von ihnen
wurden jemals wieder gesehen. Tausende Leichen wurden in anonymen
Massengräbern verscharrt - andere verließen die Folterzentren
zunächst lebend. Man verlege sie in den Süden des Landes,
wurde ihnen noch gesagt, bevor sie betäubt, in Flugzeuge verfrachtet
und bei Morgengrauen über der Mündung des Rio de la Plata
lebendig ins Meer geworfen wurden.
Wieder andere
wurden offiziell als so genannte "TerroristInnen" erschossen.
Sie waren die Erfolgsmeldungen im "schmutzigen Krieg"
gegen den Terror - wie das damals schon hieß. Eine dieser
so genannten "TerroristInnen" war Elisabeth Käsemann,
der wir heute hier in ihrer Geburtsstadt gedenken und der diese
Ausstellung .gewidmet ist. Wie die anderen 30.000 Ermordeten war
auch Elisabeth schuldig, eine andere Welt für möglich
zu halten - schuldig ihr Leben für die Gestaltung einer Zukunft
in Würde einzusetzen.
Seit mehr als
dreißig Jahren fordern die Überlebenden und die Angehörigen
der
Opfer dieses schmutzigen Krieges "Wahrheit" und "Gerechtigkeit".
Aber auch nach dem offiziellen Ende der argentinischen Diktatur
im Jahr 1983, gelang es dem Militär, sich durch Drohungen und
Aufstände die Straffreiheit für die Diktaturverbrechen
zu sichern. Fast zwei Jahrzehnte lang verhallte die Forderung nach
der Bestrafung der Täter. Doch die Mütter und Großmütter
der Plaza de Mayo - wie sich die beiden bedeutendsten Angehörigen-organisationen
nennen - blieben dabei: "Wir vergessen nicht - wir vergeben
nicht: Gerechtigkeit jetzt!" hielten sie Tag für Tag auch
den zivilen Machthabern weiter entgegen.
Angesichts der
umfassenden Kultur der Straflosigkeit im eigenen Land, entschieden
sich die Angehörigen ab 1996 Gerechtigkeit vor ausländischen
Gerichten zu suchen und reichten Klagen in Spanien, Italien, Frankreich,
Schweden und ab 1998 auch in Deutschland ein.
Um diese Klagen
zu unterstützen gründete sich im gleichen Jahr hier in
Deutschland die "Koalition gegen Straflosigkeit", ein
Arbeitsbündnis mehrerer Kirchen-, JuristInnen- und Menschenrechtsorganisationen,
das mit vollem Namen "Koalition gegen Straflosigkeit - Wahrheit
und Gerechtigkeit für die deutschen und deutschstämmigen
Verschwundenen in Argentinien" heißt.
Warum diese Beschränkung auf Verschwundene mit deutschem Ursprung?
Um ein im Ausland
begangenes Verbrechen hier in Deutschland zur Anklage bringen zu
können, war es nach hiesiger Rechtslage erforderlich, dass
entweder Täter oder Opfer Deutsche sein mussten. In enger Zusammenarbeit
mit den Angehörigen wurden die Klagen vorbereitet.
Das Strafverfahren
in Deutschland begann formal am 07. Mai 1998, dem Tag, an dem die
"Koalition gegen Straflosigkeit" dem Bundesjustizministerium
die Strafanzeigen der vier ersten Fälle von deutschen Opfern
aushändigte. Nach einem etwas zögerlichen Beginn waren
über mehrere Jahre drei Staatsanwälte in Nürnberg-Fürth
mit Ermittlungen gegen 89 Militärs beschäftigt. Dort,
sowie in der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, wurden circa 50
Personen als ZeugInnen vernommen. Unter ihnen befanden sich Überlebende
der Militärdiktatur, Familienangehörige und ExpertInnen.
Zahlreiche Gerichtsurteile aus verschiedenen Ländern wurden
durch die Nürnberger Staatsanwaltschaft ausgewertet.
Insgesamt brachte
die Koalition 34 Fälle von Verschwundenen und Ermordeten zur
Anzeige, darunter auch den Mord an Elisabeth Käsemann. Das
Verfahren wegen der an Elisabeth Käsemann begangenen Verbrechen,
und das des ermordeten Studenten Klaus Zieschank markieren auch
die größten Erfolge, die die Koalition politisch und
juristisch erzielen konnte:
Denn zwischen
Sommer 2001 und Herbst 2003 erließ das Amtsgericht Nürnberg-
Fürth internationale Haftbefehle gegen die ehemaligen Juntachefs
Videla und Massera sowie gegen den Ex-General Suárez Mason
wegen der Ermordung von Elisabeth Käsemann und Kaus Zieschank.
Es folgte die Ausschreibung zur Fahndung über Interpol. Das
Auslieferungsgesuch der Bundesregierung wurde dem argentinischen
Außenministerium im März 2004 übergeben und von
dort umwendend abgelehnt. Als einzige westeuropäische Regierung
legte die Bundesregierung jedoch Rechtsmittel ein. Nach drei Jahren
erfolgte in Argentinien die letztinstanzliche Gerichtsentscheidung:
Die Mörder von Elisabeth Käsemann, von Klaus Zieschank
und Abertausenden weiterer Opfer werden nicht nach Deutschland ausgeliefert.
Ein weiteres
Mal gingen damit die Verantwortlichen für den Mord an Elisabeth
Käsemann und Klaus Zieschank straffrei aus. Die übrigen
32 Ermittlungsverfahren hatte die Staatsanwaltschaft Nürnberg
bereits eingestellt. Die
Begründung, die das argentinische Gericht gegen eine Auslieferung
anführte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: "Argentinien
hat sich entschieden", so das Oberste Gericht, "die Verbrechen
gegen die Menschheit im eigenen Land zu verfolgen." Das Verfahren
gegen Ex-Juntachef Videla, auf das dabei verwiesen wurde, schleppt
sich jedoch seit Juli 1998 und wurde wegen Kindesentführung
eingeleitet, ein Delikt, das schon damals nicht unter die Amnestiegesetze
fiel und dennoch bis heute nicht geahndet wurde.Und doch markiert
die Urteilsbegründung nicht nur die Fortschreibung der Straflosigkeit
für die Juntachefs, denn die Vorraussetzungen, allen Verantwortlichen
den Prozess zu machen sind mittlerweile tatsächlich auch in
Argentinien gegeben.
Präsident
Kirchner hat - unterstützt durch Parlament und Gerichte - sämtliche
von seinen Vorgängern erlassenen Straflosigkeitsgesetze und
Begnadigungen aufgehoben und rückgängig gemacht. Einunddreißig
Jahre nach dem blutigen Putsch müssen sich die ersten Täter
heute vor argentinischen Gerichten verantworten. Mehr als eintausend
Ermittlungsverfahren gegen mehr als fünfhundert Militärs
sind mittlerweile anhängig. Rund dreihundert Prozesse wurden
eröffnet. Aber bislang wurden erst drei Täter letztinstanzlich
verurteilt. Die Mörder von Elisabeth Käsemann sind noch
nicht darunter.
Mit den internationalen
Prozessen konnte die "Koalition gegen Straflosigkeit"
einen kleinen Beitrag dazu leisten die Straflosigkeit in Argentinien
aufzubrechen. Der eigentliche Verdienst aber gehört den Angehörigen
der Verschwundenen, die ihr Ziel niemals aus den Augen verloren
haben, die keine Minute davon abließen "Wahrheit und
Gerechtigkeit" zu fordern, die nicht vergeben und nicht vergessen
haben.
Und wenn wir
heute hier in Gelsenkirchen an Elisabeth Käsemann und die 30.000
anderen Opfer der argentinischen Diktatur erinnern, dann auch, weil
wir zeigen wollen, dass auch wir diejenigen, die in der Vergangenheit
verschleppt, gequält und ermordet wurden, nicht vergessen dürfen
- ebenso wenig wie diejenigen, die noch heute in geheimen Folterzentren
verschwinden. Nur die Erinnerung, unsere Erinnerung, der alltägliche
Kampf gegen Abstumpfung und Vergessen, die stetige Suche nach Wahrheit
und die konsequente Forderung nach einer Bestrafung der Täter,
kann dazu führen, dass sich eines Tages - nicht nur in Argentinien
- die Folterer und Mörder für ihre Verbrechen verantworten
müssen.

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